Mit EU-Fördergeldern zu südhessischem Whiskey und Gin

Holger und Ralf Henrich führen Europaministerin Lucia Puttrich rund zwei Stunden durch ihre Brennerei in Kriftel. Fotos: HessischesMinisterium für Bundes- und Europaangelegenheiten

In Kriftel ist Europaministerin Lucia Puttrich zu Besuch bei der Brennerei Obsthof am Berg und schaut nach Fortschritten in hessischen Unternehmen.

Anzeige

. KriftelEs schwebt ein Hauch von europäischem Flair über dem Obsthof am Berg in Kriftel. Um Punkt zwölf Uhr am Montagmittag steigt Europaministerin Lucia Puttrich auf dem Hof der Brennerei Henrich aus einem üppigen Dienstwagen und sucht sofort das Gespräch mit den Inhabern, Holger und Ralf Henrich. Die 59-Jährige erkundet in einer rund zweistündigen Führung einen Betrieb, der seit mehreren Jahren von der Europäischen Union subventioniert wird.

Zwischen 2014 und 2020 sind 319 Millionen Euro aus einem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) an hessische Unternehmen geflossen - auch in die Brennerei in der Gemeinde zwischen Wiesbaden und Frankfurt. Mit diesen Geldern werden Förderprogramme für nachhaltige und umweltschonende Projekte sowie die ländliche Entwicklung bezuschusst, etwa der ökologische Landbau. "Betriebe stärken, Arbeitsplätze stärken, Identität der Region wahren", nennt Puttrich die Motive der Zusammenarbeit Europas mit kleinen Unternehmen, auch aus Südhessen.

Rund 75 000 Euro für eine neue Lagerhalle

Anzeige

Die Brennerei, die Holger und Ralf im Jahr 2010 von Vater Horst Henrich übernommen haben, wird beispielsweise beim Bau einer neuen Lagerhalle für Fertigprodukte und einem Raum für die Verarbeitung von Apfelsaft aus dem europäischen Fonds subventioniert. Rund 75 000 Euro erhält der südhessische Betrieb zwischen 2014 und 2020 aus dem ELER-Fonds - bei einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 565 000 Euro. "Geld, das wir natürlich gerne nehmen - das uns vor allem jetzt, in einer wirtschaftlich schwierigen Situation, gut zu Gesicht steht", sagt Holger Henrich. Rund 45 000 Euro stammen vom Bund, das Land beteiligt sich mit rund 30 000 Euro. Bis spätestens Oktober sollen die geplanten Maßnahmen fertiggestellt sein - ein wichtiger Schritt, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen, wie beide Inhaber sagen.

Aktuell beschäftigt die Brennerei zehn Mitarbeiter und kommt auf einen Jahresumsatz von rund 600 000 Euro. Die aktuelle Lage drückt auf das Geschäftsergebnis. In diesem Jahr planen die Henrich-Brüder mit Einbußen von rund 30 Prozent. "Ab Mitte März hatten wir fast keine Bestellungen mehr. Ich konnte es kaum glauben ", sagt Holger Henrich. Neben 40 Sorten Schnaps stellt die Brennerei seit 2012 auch Whiskey und den "Gin Sieben" her. Letzterer entstand aus einer Idee mit einem Freund der Henrich-Brüder aus Frankfurt, einen an die Frankfurter Soße angelehnten Dry Gin mit den sieben Kräutern - doch während der Corona-Pandemie war nichts davon gefragt.

Besser lief es da für die feste Nahrung, welche die Brennerei ebenfalls im Sortiment hat. "Die Menschen haben hier säckeweise Äpfel, Erdbeeren und Kartoffeln vom Hof geschleppt. Das müssen zum Teil auch Vorratskäufe gewesen sein", vermutet Ralf Henrich. Glück im Unglück also - auch wenn die Haupteinnahmen natürlich aus flüssiger Nahrung bezogen werden.

Ein Hofladen und eine Straußwirtschaft, die in diesem Jahr allerdings wegen Corona geschlossen bleibt, gehören auch zum Betrieb. In normalen Zeiten begrüßen Henrich und Co. 50-60 Kunden pro Tag. Verkaufsschlager seit vielen Jahren: Der Williamsbirnenschnaps. "Die Birne wird hier in der Region angebaut. Daher die Beliebtheit", erklärt Holger Henrich und nennt Kriftel "den Obstgarten des Vordertaunus".

Für die Zukunft planen die Brüder die Herstellung von Tequila. Dieser darf aber nur aus der blauen Weber-Agave-Pflanze hergestellt werden - die Umsetzung dauere wohl noch acht bis neun Jahre. Bis dahin soll der Verkaufsladen modernisiert und zur Lagerhalle umfunktioniert und das neue Geschäft bezogen sein - mit europäischer Finanzhilfe.