Bankkonten: Beim Dispozins tut sich wenig

Der teuerste aller Kredite ist der Dispokredit. Hier sollten deshalb in der Krise Alternativen gewählt werden. Foto: dpa

Die Überziehung des Girokontos bleibt teuer. Betrifft das wegen der Corona-Krise bald mehr Kunden?

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DARMSTADT/MAINZ. Auch wenn Staaten und Zentralbanken die Märkte mit Liquidität fluten, um die Corona-Krise ökonomisch einzudämmen: Bei vielen Verbrauchern ist das Geld eher knapp. Denn es kommt beispielsweise durch Kurzarbeit weniger rein, die monatlichen Fixkosten aber bleiben. Das Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen hat bereits vor einer wachsenden Überschuldung von Privathaushalten gewarnt.

Die Stundung von Mieten oder Verbraucherkrediten für zunächst drei Monate bei Corona-bedingten Engpässen hilft zwar. Aber irgendwann werden Zahlungen fällig. Insofern werden mehr Menschen in den kommenden Monaten mit ihrem Girokonto ins Minus rutschen. Und das womöglich längerfristig. Doch das ist oft ausgesprochen teuer. Durchschnittlich sind es nämlich zehn Prozent bei einer Spanne von rund fünf bis knapp 14 Prozent, wie die FMH-Finanzberatung und Biallo.de ermittelt haben. Und wer den eingeräumten Rahmen meist in Höhe von zwei oder drei Monatsgehältern überschreitet, der zahlt noch einiges mehr. Verbraucherschützer kritisieren deshalb, dass Dispokredite nicht unter die Stundung fallen. Und schon seit geraumer Zeit deren generelle Höhe, die nicht in die Zeit von Nullzinsen passe. Unterdessen flüchten sich Banken-Verbände bei diesem Thema in Allgemeinplätze, verweisen auf geschäftspolitische Entscheidungen der einzelnen Häuser.

„Wir halten Dispozinsen von zehn Prozent und mehr in der derzeitigen Phase für deutlich überhöht. Banken und Sparkassen sollten nicht zu einem unnötig hohen Schuldenberg beitragen“, sagt Julian Merzbacher, Verbraucherschutzexperte beim gemeinnützigen Verein „Finanzwende“.

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Für Jürgen Thomas, Vorstand bei der Sparkasse Darmstadt, Marktführer in Südhessen, ist derlei noch kein Thema. Denn man habe bislang keine höhere Inanspruchnahme des Dispos feststellen können. Eher bunkerten die Kunden momentan Liquidität. Was die Sparkasse Mainz bestätigt. Dort wurde mit Beginn der Krise für Privatkunden ein Sonderkreditprogramm ins Leben gerufen, um kurzfristige Liquiditätsengpässe abfedern zu können. „Dieses Mittel ist aus unserer Sicht für Kunden, die von Kurzarbeit oder ähnlichem bedroht sind, ein deutlich besseres Hilfsmittel als ein zeitweise reduzierter Dispozins“, so ein Sprecher. Der Zinssatz von 2,95 Prozent liegt auf Marktniveau. Zudem ist es möglich, die Tilgung sofort für bis zu zwölf Monate auszusetzen. Nur sollten Kunden nicht gleich zu große Summen wählen, weil dann die Monatsraten auf Dauer zu hoch sein könnten, so Verbraucherschützer.

Einzelne Banken haben dennoch beim Dispo reagiert. Aber dann meist nur für Bestandskunden und für eine gewisse Zeit. So etwa die Frankfurter Sparkasse, die ihre Zinsen auf 4,99 Prozent halbiert hat für einige Monate. Von Experten wird das als PR-Gag bezeichnet. So sieht es auch Michael Mahr, Vorstandssprecher der Volksbank Darmstadt-Südhessen. Das sei etwas fürs Schaufenster, sagte er am Dienstag dieser Zeitung. Tilgungsaussetzung, Stundung von Raten, das seien aktuell die dominierenden Themen. Zudem geht es beim Girokonto – davon hat sein Haus 200 000 – um Beträge, die kaum eine Rolle spielten, wenn nur kurzfristig überzogen werde. Die Volksbank ist mit 8,75 Prozent unterwegs und hat wie viele andere den Überziehungszins ganz abgeschafft, wenn der eingeräumte Rahmen überschritten wird. Dass gleichwohl eine stärkere Inanspruchnahme des Dispokredits noch kommen wird, gilt jedoch für Mahr als sicher.

Und dann geht es rasch um mehrere Hundert Euro pro Jahr. Allerdings: Wer länger als sechs Monate den Dispokredit zu durchschnittlich 75 Prozent des eingeräumten Rahmens in Anspruch nimmt, dem muss seine Bank ohnehin eine Beratung über alternative Finanzierungsmöglichkeiten anbieten. Gleiches gilt bei einer geduldeten Überziehung von mehr als drei Monaten, wenn im Schnitt über 50 Prozent des monatlichen Geldeingangs auf dem Konto in Anspruch genommen werden.

Von Achim Preu