WM 1930: Torjubel im Schnee, Party im Bordell

aus Zeit-Lupe

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Der allererste Weltmeister: Nach zwei Olympiasiegen holt Uruguay 1930 im eigenen Land den nächsten Titel.Archivfoto: dpa

Ein Franzose erzielt den ersten Treffer der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Den Titel holen die Gastgeber.

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. Von Ulrich Gerecke

Mit dem ersten Schnee fällt das erste Tor. In Montevideo herrscht schon tiefster Winter am 13. Juli 1930, als sich Lucien Laurent in die Geschichtsbücher einträgt. Der Angreifer vom FC Sochaux, als Kfz-Mechaniker bei den dortigen Peugeot-Werken angestellt, nimmt nach 19 Spielminuten im Estadio Pocitos eine Flanke von Marcel Langiller volley aus der Luft und drischt den Ball ins Tor der Mexikaner. 1:0 für Frankreich – es ist das erste Tor in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften.

„Wir freuten uns natürlich alle, aber keiner hat realisiert, dass ich Geschichte gemacht hatte. Ein kurzer Händedruck, das war's, und schon ging' weiter“, berichtet Laurent später. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit: Nach ihrem 4:1-Sieg feiern die Franzosen, nur eines von vier europäischen Teams bei der WM-Premiere und nach dreiwöchiger Anreise mit dem Schiff entsprechend tatendurstig, in einem Bordell in Montevideo. Was dort genau passiert, ist nicht überliefert. Leistungsfördernd ist es jedenfalls nicht: Frankreich scheidet schon in der Vorrunde aus.

Im Endspiel am 30. Juli im neu erbauten Centenario-Stadion stehen sich wie erwartet Gastgeber Uruguay und Argentinien gegenüber. Jetzt ist nur noch ein Europäer mit dabei: Schiedsrichter John Langenus aus Belgien. Er pfeift erst an, nachdem man ihm Leibwächter hinter die Tore und ein Boot für eine eventuelle Flucht aus dem nahe gelegenen Hafen bereit gestellt hat. Alle Zuschauer müssen ihre Waffen am Eingang abgeben – Tore können also nicht nach Landessitte mit Pistolenschüssen gefeiert werden.

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Salomonisch löst Langenus den Streit um den Spielball: In der ersten Halbzeit wird ein argentinisches Modell eingesetzt, in der zweiten ein einheimisches. Prompt führen die Gäste bei der Neuauflage des Olympia-Finales von 1928 in Amsterdam zur Pause mit 2:1, am Ende aber setzen sich die „Urus“ mit 4:2 durch. Über 50000 Uruguayer feiern, 15000 Argentinier fahren enttäuscht nach Hause. Lucien Laurents Tor hatten zwei Wochen zuvor nur 4444 Zuschauer gesehen.