Turnen – eine erschütterte Sportart

Archivfoto: imago

Missbrauchsvorwürfe häufen sich im Turnen, jetzt arbeiten die Verbände an Gegenmaßnahmen. Wie sehen diese aus? Und wie läuft es in anderen Ländern? Ein Überblick.

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FRANKFURT. Frankfurt. Zu einem direkten Vergleich wird es erst mal nicht kommen. Wenn die deutschen Kunstturnerinnen an diesem Samstag in Frankfurt um die vier Tickets für die Europameisterschaften in zwei Wochen in Basel fighten, dann fehlen sowohl die Schwebebalken-Weltmeisterin von 2017, Pauline Schäfer, als auch die Olympiadritte am Stufenbarren, Sophie Scheder. Während die eine sich auf ihr Abitur konzentriert, arbeitet die andere nach einer Schulteroperation noch an ihrer Form.

Vor ein paar Jahren übten die beiden Nationalturnerinnen gemeinsam am Bundesstützpunkt in Chemnitz bei Trainerin Gabriele Frehse. Mittlerweile haben sich die Wege getrennt. Schäfer musste sich 2018 aufgrund unterschiedlicher Auffassung über die Trainingsgestaltung einen neuen Betreuer suchen. Scheder wollte sich nach zahlreichen Verletzungsproblemen weiterhin unter Frehse auf einen Einsatz bei den Spielen im Sommer in Tokio vorbereiten. Doch die Trainerin ist seit dem Ende des vergangenen Jahres von ihrer Tätigkeit freigestellt.

Vorausgegangen waren Vorwürfe Schäfers und weiterer ehemaliger Sportlerinnen am Olympiastützpunkt in Sachsen, nach denen Frehse ihre Schützlinge jahrelang schikaniert und über ihre physischen und psychischen Grenzen hinaus belastet haben soll.

Dass es einen solchen Vorstoß hierzulande geben würde, überraschte nicht. Wie bei der MeToo-Bewegung, die seit 2017 Frauen ermutigt, sexuelle Übergriffe anzuprangern, und bestärkt von der Dokumentation „Athletin A“ über den Missbrauchsskandal im US-amerikanischen Turnverband, klagen Topturnerinnen aus ganz Westeuropa und Australien seit einiger Zeit ihre Trainer öffentlich an. Unter dem Hashtag #gymnastAlliance geht es um Beleidigungen, Essensentzug, Training mit Verletzungen bis hin zum Wegsperren in Schränken und körperliche Züchtigung.

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So war es nur eine Frage der Zeit, bis diese Welle auch Deutschland erreichen würde. Hinlänglich sind derartige Missbrauchsfälle in der Szene bekannt; einige kamen an die Oberfläche, andere wurden unter der Decke der Verschwiegenheit gehalten. Viele der betroffenen Trainer fanden neue Stellen und wurden von Verbänden und Vereinen gedeckt.

Die aktuellen Anklagen ließ der Deutsche Turner-Bund (DTB) von einer Anwaltskanzlei in Frankfurt untersuchen. Diese sah „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt“. Kündigen kann der Verband der Trainerin nicht: Ihr Arbeitgeber ist der Olympiastützpunkt. Der hat eine eigene Expertise in Auftrag gegeben, die Mängel des DTB-Reports nachweisen soll. Frehse selbst klagt auf Akteneinsicht. Die Vorwürfe bestritt sie anfangs vollumfänglich; mittlerweile entschuldigte sich die Trainerin bei den Turnerinnen für möglicherweise falsch verstandene Kommunikation.

DTB-Athletensprecherin Kim Bui sprach mit Blick auf die Vorkommnisse in Chemnitz von einer „Spitze des Eisbergs“. An diesem wird nun von vielen Seiten gerüttelt. Nicht nur beim DTB, sondern auch beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der Vereinigung Athleten Deutschland wird darüber nachgedacht, wie man das System verbessern könnte. Von verstärkter Ausbildung der Trainer im pädagogisch-psychologischen Bereich, mehr Kontrollmaßnahmen und unabhängigen Ansprechpartnern neben den bereits vorhandenen ist die Rede. Mancher, der jetzt Veränderungen predigt, muss sich aber erst mal selbst ehrlich ins Gesicht sehen und hinterfragen, warum er nicht schon früher konsequent gehandelt hat, da er doch von Missbrauch wusste.

Auch die Frage, ob Sport auf einem bestimmten Niveau ohne hohen Druck geht, steht im Raum. Sie wird, wie bei allem, was mit Höchstleistung verbunden ist, schwer zu beantworten sein. Scheder glaubt, dass man „im Leistungssport an Grenzen, aber auch darüber hinaus“ gehen müsse. Da die 24-Jährige selbst die Zusammenarbeit mit Frehse nie als problematisch empfand, fordert sie gemeinsam mit anderen Chemnitzer Turnerinnen und deren Eltern die Rückkehr der Trainerin in die Halle. Der DTB hat die Stelle neu ausgeschrieben. Scheder, und das macht einen Teil der Problematik sehr anschaulich, sieht sich auf dem Weg nach Japan, auf dem sie mit Schäfer konkurriert, ohne Frehse jedoch erheblich gestört.