Politische Grüße aus Moskau

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Höhenflug: Gerd Wessig springt sechs Zentimeter höher als je zuvor und wird 1980 in Moskau Olympiasieger.Archivfoto: imago

Gerd Wessig gewinnt 1980 überraschend im Hochsprung Olympiagold. Und der DDR-Leichtathlet wird prompt instrumentalisiert.

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. Von Ulrich Gerecke

Heinz-Florian Oertel weiß, was die Machthaber in Ost-Berlin hören wollen. Sportliche Erfolge sind in der DDR immer auch politische Botschaften. Als am 1. August 1980 im Leninstadion Hochspringer Gerd Wessig aus Schwerin 2,36 Meter überquert, olympisches Gold und Weltrekord erobert, schickt die ostdeutsche Reporterlegende Oertel einen schönen Gruß aus Moskau über die Mauer in Richtung Westen: „Nun wird es ja für diese Krümelsucher, diese anti-olympischen, immer schwerer. Das ist ein hartes Brot für sie, diese Wettkämpfe zu vermiesen.“

Der süffisante Unterton ist leicht zu entziffern: Auch ohne die Athleten aus dem Westen, zwangsweise zu Hause geblieben wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan, sind die Spiele von Moskau ein sportliches Highlight. 36 Weltrekorde fallen dort, Wessig gewinnt eine von 47 Goldmedaillen der DDR, vermutlich die überraschendste. Denn bis dahin ist der Mecklenburger in der Fachwelt unbekannt, seine Bestleistung liegt bei nur 2,30 Meter. In Moskau entthront er dann nicht nur den bisherigen Rekordhalter Jacek Wszola aus Polen. Wessig springt auch höher als die Deutschen (West) Dietmar Mögenburg und Carlo Thränhardt, die vor den Spielen zu den Favoriten zählten.

Nach Moskau verschwindet Wessig genauso schnell von der Bildfläche, wie er aufgetaucht ist. Nach der Wende fällt sein Name wieder auf – auf internen DDR-Dopinglisten, wie so viele andere. Wessig hat das nie dementiert, 2005 sagt er der „Schweriner Volkszeitung“: „Das war keine generelle Besonderheit des DDR-Sports. Wenn man im Orchester des Weltsports ganz vorn sitzen und den Takt angeben wollte, waren das Mittel, zu denen offenbar auch andere Staaten griffen.“

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Und mit der Politik von Reporter Oertel und anderen hat Wessig erst recht nichts am Hut: „Dass die Sportler aus dem Westen nicht kommen konnten, hat uns am meisten leidgetan. Sie konnten nichts dafür, dass man sie vor einen Karren gespannt hat, um politische Dinge zu regeln, die auf anderer Ebene hätten geklärt werden müssen.“ Gerd Wessig – ein bescheidener und unscheinbarer Olympiasieger.