Mit fünf Beinen zu Marathon-Gold

Die deutschen Marathonläufer schreiben in München Geschichte. Erstmals läuft bei einer EM mit Richard Ringer ein Deutscher als Erster ins Ziel (links). Miriam Dattke (rechts) verpasst als Vierte zwar Edelmetall, doch mit drei Läuferinnen unter den Top Ten und allen sechs Starterinnen unter den besten 20 gibt es schließlich Gold in der Teamwertung (oben).   Fotos: dpa

München. Richard Ringer hatte sogar noch die Kraft, seinem Teamkollegen im Kampf gegen die Krämpfe zu helfen. Dabei hatte er doch alles aus sich rausgeholt, sich mit einem...

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MÜNCHEN. München. Richard Ringer hatte sogar noch die Kraft, seinem Teamkollegen im Kampf gegen die Krämpfe zu helfen. Dabei hatte er doch alles aus sich rausgeholt, sich mit einem Goldsprint auf der Münchner Ludwigstraße aber auch vollgepumpt mit Adrenalin. Er konnte gar nicht mehr aufhören, sich selbst zu feiern und feiern zu lassen von einem Publikum, das er zum Toben gebracht hatte. Marathon-Europameister - das hatte vor Ringer noch kein deutscher Läufer geschafft, selbst die letzte EM-Medaille (Bronze für Herber Steffny) datiert von 1986.

Die deutschen Marathonläufer schreiben in München Geschichte. Erstmals läuft bei einer EM mit Richard Ringer ein Deutscher als Erster ins Ziel (links). Miriam Dattke (rechts) verpasst als Vierte zwar Edelmetall, doch mit drei Läuferinnen unter den Top Ten und allen sechs Starterinnen unter den besten 20 gibt es schließlich Gold in der Teamwertung (oben).   Fotos: dpa

Petros ist steter Begleiter in der Spitzengruppe

"Es war erst mein vierter Marathon, alle davor waren hart. Aber heute war es leicht, weil wir das Team hatten. Das hat total motiviert", sagte der in Uhldingen-Mühlhofen lebende Ringer und meinte damit vor allem Amanal Petros, der sein steter Begleiter in der Spitzengruppe war. Dass er trotz zuvor schon 50 Metern Rückstand den aus Eritrea stammenden Teamkollegen ebenso noch überholte wie kurz vor dem Ziel den Israeli Maru Teferi, hat Ringer sicher auch seiner Vergangenheit als erfolgreicher Mittelstreckenläufer zu verdanken. Aus der aber auch noch was an ihm nagte: "Unfassbar - ich wollte 2018 über 10 000 Meter performen und bin das erste Mal ausgestiegen. Und jetzt bin ich Europameister."

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Im Überschwang überraschte er das jubelnde Publikum auch noch mit einer wundersamen anatomischen Erklärung für das furiose Finale seiner 2:10:21 Stunden langen Marathon-Show: "Die Zuschauer waren mein fünftes Bein."

Damit meinte er Zuschauer wie Edgar Wangen, der es sich mit Freund Josef Lappe hinter dem Absperrgitter gemütlich gemacht hatte - mit Campingtisch und zwei Weizenbier zur Morgenstunde. Beide erinnerten sich noch gerne, wie sie 1972 als Studenten nach München gekommen waren und im R4 übernachteten, um die Olympischen Spiele live zu erleben. "Aber das hier ist auch eine tolle Veranstaltung mit großer Begeisterung in der Bevölkerung", erklärte der Rentner, an dessen Haus die Strecke direkt vorbeiführte. Macht bei zwei Rennen mit je vier Runden insgesamt acht Marathon-Erlebnisse.

Gleich 16 Mal sah eine Jugendgruppe des Deutschen Leichtathletik-Verbandes die Läufer. Die hatte sich nämlich den Friedensengel als Standort ausgesucht, der auf jeder Runde umkreist wurde. Zur zünftigen Musik der "Münchner Bläserbuben" schallte es "Auf geht's Deutschland", gepaart mit den Namen aller DLV-Läufer in ganz großen Lettern.

"Die Stimmung ist mega hier. Wir haben das auch schon länger geplant", erklärte Matthias Ströher als Betreuer des DLV-Jugendlagers mit 60 jungen Athleten, das jährlich an deutsche Meisterschaften gekoppelt ist. Oder eben an noch größere Meisterschaften wie der zweiten Heim-EM binnen vier Jahren. Und der im Vereinsleben für den TSV Schott Mainz aktive Trainer prophezeite: "Die deutschen Läuferinnen sind gut drauf. Wir werden heute die erste Medaille erleben."

Er sollte recht behalten. Kurz danach verpasste Miriam Dattke zwar Einzel-Bronze im Endspurt um wenige Meter. Hinter der siegreichen Polin Aleksandra Lisowska (2:28:36 Stunden) sorgten aber Domenika Mayer, Deborah und Rabea Schöneborn, Katharina Steinruck und Kristina Hendel für ein derart starkes Gesamtergebnis, dass es für Gold in der Mannschaftswertung reichte.

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"Dass Miri die Medaille soo knapp verpasst hat, ist natürlich schade. Aber die Mannschaftsleistung ist top", freute sich Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig, die im Ziel ihre Tochter Katharina Steinruck etwas trösten musste, die unterwegs zweimal in ein Schlagloch getreten war.

Miriam Dattke grämte sich weniger mit dem vermeintlich undankbaren Ergebnis. "Für mich ist der vierte Platz ein Traum, ich habe nicht damit gerechnet." Und gemeinsames Gold ist ja auch ein schöner Ausgleich. Ein lachender Vierter war auch Amanal Petros: "Ich bin super, super zufrieden. Dadurch haben wir als Team Silber gewonnen. Es hat sehr gut angefangen für Deutschland." Ein perfektes Schlusswort für einen Marathon-Tag voller Überraschungen.