Torwart als Hoffnungsträger bei WM: Verwandelter Wolff

Andreas Wolff

Beim EM-Triumph 2016 ging der Stern von Andreas Wolff auf. Bei der Handball-WM in seiner sportlichen Wahlheimat Polen will der Torwart wieder glänzen.

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Barsinghausen (dpa) - . So locker und entspannt wie in diesen Tagen hat man Andreas Wolff vor einem großen Turnier noch nie erlebt. Keine Spur von überschüssigem Adrenalin oder überbordendem Ehrgeiz - der in der Vergangenheit oft impulsive Torwart ist vor dem Start der deutschen Handballer in die Weltmeisterschaft an diesem Freitag gegen Asienmeister Katar die Ruhe in Person.

„Ich habe viel mit den Trainern und den Teamkollegen gesprochen und auch mit einer Sportpsychologin. Ich habe erkannt, dass blinder Ehrgeiz nicht zielführend ist und es nichts bringt, sich unter Druck zu setzen, sodass man gefühlt die Last der ganzen Welt auf den Schultern trägt“, berichtete Wolff vor der Abreise der deutschen Mannschaft nach Kattowitz am Donnerstag von seiner persönlichen Metamorphose.

Wolff: „Reifeprozess lässt mich Dine lockerer sehen“

Vorbei sind die Zeiten, in denen er meinte, in jedem Spiel jeden Ball halten und die Mannschaft im Alleingang zum Sieg führen zu müssen. „Ich habe realisiert, dass Handball ein Mannschaftssport ist und es teilweise wichtiger ist, nur die wichtigen Bälle zu halten. Das ist ein Reifeprozess, den ich durchgemacht habe. Der führt dazu, dass ich die Dinge lockerer sehe“, erzählte der 31-Jährige.

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Bei der Endrunde in Polen und Schweden kommt Wolff, der mit WM-Neuling Joel Birlehm das deutsche Gespann zwischen den Pfosten bildet, dennoch eine wichtige Rolle zu. „Wir haben zwei gute Torhüter dabei. Aber es ist klar, dass Andi die Nummer eins ist. Er ist der deutlich Erfahrenere und in einer sehr guten Form“, betonte Bundestrainer Alfred Gislason.

Wolff, der diese Einschätzung mit starken Auftritten in den beiden WM-Tests gegen Island am vergangenen Wochenende bestätigte, macht sich darüber keinen Kopf. „Ich habe gelernt, es nicht wichtig zu nehmen, ob ich die Nummer eins bin. Für mich ist es wichtig, dass wir als Gespann einen Vorteil gegenüber unserem Gegner erzielen und die Jungs sich auf uns verlassen können“, sagte der Europameister von 2016.

Beim bisher letzten Gold-Triumph einer DHB-Auswahl ging damals sein Stern auf. Ein derart gutes Turnier auf konstantem Weltklasse-Niveau gelang Wolff danach jedoch nicht mehr. Jetzt scheint er bereit zu sein für neue sportliche Heldentaten. Denn auch wenn er nach Außen hin ruhiger geworden ist: Ehrgeiz hat er immer noch. „Als Sportler willst du jedes Spiel gewinnen. Das würde natürlich bedeuten, dass wir Weltmeister werden“, sagte Wolff.

Für Wolff ist die WM in Polen fast ein Heimspiel

Eine Medaille oder gar den dritten WM-Titel einer DHB-Auswahl nach 1978 und 2007 könne man angesichts der Leistungen bei den zurückliegenden Großereignissen allerdings nicht erwarten, relativierte Wolff jedoch. Deshalb hat der Keeper ein anderes WM-Ziel vorgegeben: „Für mich wäre es ein Erfolg, wenn ich nach dem Turnier sagen kann, wir haben in jedem Spiel Biss, Konzentration, Emotionen und Leidenschaft gezeigt. Wenn wir verlieren, dann sollten wir es erhobenen Hauptes tun.“

Dass die deutsche Mannschaft ihre Vorrundenspiele - und bei einem Weiterkommen auch die Hauptrundenpartien - in Kattowitz austrägt, macht die WM für Wolff fast zu einem Heimspiel. Seit 2019 spielt und lebt er im nur 120 Kilometer entfernten Kielce. „Für mich ist das ein besonderes Turnier“, sagte der 1,98 Meter große Hüne. „Ich könnte theoretisch nach den Spielen nach Hause fahren und gucken, ob in meiner Wohnung alles in Ordnung ist. Das ist schon kurios.“

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Das wird Wolff natürlich nicht tun: Sein Fokus liegt in den nächsten zweieinhalb Wochen ausschließlich auf der DHB-Auswahl, mit der er nach zuletzt sieben medaillenlosen Turnieren die Rückkehr in die Weltspitze anstrebt. „Vom Potenzial her könnte natürlich eine Medaille möglich sein, aber zuerst müssen wir hoch konzentriert in das Turnier starten. Was dann kommt, werden wir sehen“, sagte Wolff.

Er hat mittlerweile erkannt, dass es wenig bringt, alles im Voraus zu planen. Das gehe meistens schief. „Deshalb habe ich aufgehört, mir den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen“, sagte Wolff. Sein neues Motto lautet: „Im Handball gewinnt meistens der, der den meisten Spaß hat.“