Gegnerporträt Mainz: Im Schatten von Seeler und Heidel

aus SV Darmstadt 98

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Gegen Darmstadt trifft er gerne: Pablo De Blasis erzielte beim 2:1-Hinspielsieg der Nullfünfer die 1:0-Führung. Beim 3:2-Erfolg am Böllenfalltor in der vergangenen Saison markierte der Argentinier gar den Siegtreffer. Foto: Marco Huebner

Am Samstag treffen die Darmstädter Lilien am Böllenfalltor auf die Rheinhessen. Die Mainzer befinden sich derzeit auf Platz 11 der Tabelle und wollen erneut gegen Darmstadt...

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MAINZ. "Es wird schwierig, aber ich hoffe, wir können die Vorsaison toppen", sagte José Rodriguez dem "Kicker", als er im vergangenen Sommer seinen Vertrag bei Fußball-Bundesligist 1. FSV Mainz 05 unterschrieb. Die Rheinhessen hatten sich kurz zuvor erstmals für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert.

An solchen Aussagen werden Spieler, Mannschaft und Verantwortliche gemessen. Das dürfte auch Rodriguez, der bei Real Madrid ausgebildet wurde und vor seinem Engagement bei den Nullfünfern bei Galatasaray Istanbul unter Vertrag gestanden hatte, klar gewesen sein. Doch der 22 Jahre alte Spanier ließ diesen großen Worten keine sportlichen Taten folgen. Fast schon logische Konsequenz: Nach nur zwei Kurzeinsätzen musste Rodriguez im Januar vorzeitig wieder die Koffer packen. Der Spanier wechselte auf Leihbasis zurück in seine Heimat zum FC Malaga.

Zwar wäre es übertrieben, Rodriguez' persönliche Entwicklung mit der Gesamtleistung der Mannschaft gleichzusetzen, doch auch das große Ganze dürfte die Verantwortlichen nach 23 absolvierten Partien nur bedingt zufrieden stellen. Aktuell befinden sich die Mainzer auf dem elften Tabellenplatz, der Vorsprung auf Relegationsrang 16 (Hamburger SV) beträgt gerade einmal sechs Zähler. Gleichwohl liegt auch das erneut angestrebte internationale Geschäft noch nicht in weiter Ferne. Vom Tabellensechsten, Eintracht Frankfurt, trennen das Team um Trainer Martin Schmidt ebenfalls nur sechs Punkte. Auch aufgrund der Tabellensituation hat die Partie beim Schlusslicht für die Rheinhessen somit einen richtungsweisenden Charakter.

Das Team

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In personeller Hinsicht hat sich in Mainz in den vergangenen neun Monaten einiges verändert. Der gravierendste Einschnitt vollzog sich dabei neben dem Spielfeld: Nach 24 Jahren verließ Manager Christian Heidel im Sommer die Nullfünfer und heuerte als Sportvorstand beim FC Schalke 04 an. Dieser Abgang schmerzte umso mehr, da Heidel nicht nur für die Transferpolitik des Vereins verantwortlich zeichnete, sondern auch die Gesamtentwicklung des Vereins (Stadionneubau, Aufbau des Nachwuchsleistungszentrums) vorangetrieben hatte.

Heidels Nachfolger, Rouven Schröder, hatte derweil schon kurz nach seiner Amtsübernahme alle Hände voll zu tun. Es galt, die Abgänge der Leistungsträger Julian Baumgartlinger (Leverkusen) und Loris Karius (FC Liverpool) zu ersetzen. Mit der Verpflichtung des dänischen Torwarts Jonas Lössl ist das zumindest auf der Position zwischen den Pfosten gelungen - und auch die Mittelfeldspieler Levin Öztunali und Jean-Philippe Gbamin wussten bislang durchaus zu überzeugen.

Einen deutlich herberen Einschnitt bedeutete indes der Abgang von Mittelfeldregisseur Yunus Malli (nach Wolfsburg) in der Winterpause. Mit Bojan Krkic präsentierte Schröder zwar umgehend einen namhaften Ersatz, in seinen bisherigen drei Einsätzen blieb das einstige "Wunderkind" des FC Barcelona aber noch vieles schuldig.

Die Taktik

In taktischer Hinsicht variiert FSV-Coach Martin Schmidt vorrangig zwischen einem 4-2-3-1 mit einem Spielmacher (vor der Winterpause Malli, danach Bojan) oder einem klassischen 4-4-2 mit je zwei Sechsern und Flügelflitzern. Nachdem sowohl gegen Leverkusen (2:0) als auch gegen Wolfsburg (1:1) ohne Regisseur Zählbares eingefahren wurde, ist davon auszugehen, dass Schmidt dieser erfolgreichen Formation (siehe "Voraussichtliche Aufstellung") auch im Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor das Vertrauen schenken wird.

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Die Stärken

Der FSV verfügt über eine eingespielte Mannschaft, mit Lössl, Innenverteidiger Ramalho und Öztunali waren zuletzt gegen Leverkusen und Wolfsburg nur drei Akteure in der Startformation, die nicht schon in der Vorsaison bei den Rheinhessen unter Vertrag gestanden hatten.

Neben der weitgehend sattelfesten Defensive mit der Viererkette und den beiden Sechsern Latza und Frei zählt vor allem das Umschaltspiel zu den Stärken der Nullfünfer. Die offensiven Außenspieler De Blasis und Öztunali können das Spiel schnell machen und strahlen obendrein Torgefahr aus. Im Sturmzentrum rackert Jhon Cordoba unermüdlich, nach einer mehrwöchigen Flaute vor dem gegnerischen Gehäuse ist spätestens mit dem Treffer zum 1:1 gegen Wolfsburg auch sein Torjägerinstinkt wieder zurückgekehrt.

Die Schwächen

Vor allem in spielerischer Hinsicht können und müssen sich die Mainzer noch deutlich steigern, wenn sie an das Endergebnis des Vorjahres anknüpfen wollen. Mit dem Abgang von Yunus Malli verloren die Rheinhessen ihre Schaltzentrale, seitdem fehlt ein gewisses Maß an Kreativität und Dynamik. Auch Trainer Martin Schmidt erkannte zuletzt: "Nicht komplett gefallen hat mir, dass wir nach Balleroberungen zu viele Bälle zu schnell weggegeben haben."

Nationalspieler

Im Vergleich zu vielen anderen Vereinen mit vergleichbaren Ansprüchen, ist die internationale Erfahrung im Mainzer Kader eher gering. Mit Torhüter Jonas Lössl (Dänemark/1), dem Ex-Darmstädter Leon Balogun (Nigeria/8), Fabian Frei (Schweiz/9), Besar Halimi (Kosovo/3), Robin Quaison (Schweden/4), Yoshinori Muto (Japan/19) und Karim Onisiwo (Österreich/2) kommen sieben Akteure zusammen auf 46 Länderspieleinsätze.

Übrigens

Levin Öztunali gilt als eines der größten Talente in Deutschland. Mit zehn Jahren wechselte er bereits zum Hamburger SV, über die Stationen Bayer Leverkusen und Werder Bremen gelangte er im vergangenen Sommer zum 1. FSV Mainz 05. Mit gerade einmal 20 Jahren verfügt er bereits über die Erfahrung von 77 Einsätzen (sechs Tore) in der Ersten Liga. Weitere Belege für sein Leistungsvermögen: Seit 2010 kommt er regelmäßig in den Nachwuchsmannschaften des DFB zum Einsatz, mit der U 19-Auswahl wurde er 2014 Europameister. Im gleichen Jahr wurde Öztunali mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber für den zweitbesten Nachwuchsspieler seiners Jahrgangs ausgezeichnet.

Und dennoch wird es dem hochbegabten Youngster wohl nie gelingen, aus dem fußballerischen Schatten seines Großvaters zu springen. Dieser heißt nämlich Uwe Seeler und ist eines der größten Idole der deutschen Fußballgeschichte. Von 1946 bis 1972 spielte Seeler ausschließlich für den HSV, mit den Rothosen wurde er Meister (1960) und Pokalsieger (1963). Öztunalis Opa absolvierte zwischen 1954 und 1970 72 Länderspiele für die Bundesrepublik (43 Tore) und nahm an vier Weltmeisterschaften (1958, 1962, 1966 und 1970) teil. Mit seinem letzten Länderspieltor zum 2:2 im WM-Viertelfinale 1970 gegen England (Endstand: 3:2 n.V.) - Seeler bugsierte den Ball mit dem Hinterkopf ins Netz - erlangte "Uns Uwe" endgültig Heldenstatus.