Kolumne der Wortpiratin: Wie Fußball und Politik zusammengehören

aus Mainz 05

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Mainz 05-Trainer Sandro Schwarz und US-Star Megan Rapinoe. Fotos: Lukas Görlach/dpa

Fußball und Politik, passt das? Ja, alles ist politisch, besonders in den letzten Wochen. International waren die US-Fußballerinnen im Fokus, auf lokaler Ebene tat sich Mainz...

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MAINZ. Ob Fußball und Politik nun ein natürliches Pärchen sind oder ganz und gar nichts miteinander zu tun haben, darüber streitet die Anhängerschaft des Ballsports nicht erst neuerdings. Dabei ist die Frage sehr schnell beantwortet: Alles ist politisch. Schweigen, reden, im Stadion Banner hochzuhalten zu brennenden Themen oder sie zu ignorieren, Mesut Özil nach einer versiebten WM öffentlich anzuzählen oder zu stützen, das Alter, ab dem Spielerinnen und Spieler von einem Verein angeworben werden, der Umgang mit Beraterinnen und Beratern, die Frage, wie viele Männer und Frauen abseits des Platzes in einem Club arbeiten und ob dieser sich in brennenden gesellschaftlichen Fragen positioniert oder so tut, als ginge ihn all das nichts an.

Nicht immer ist diese Art der Politik auch deutlich sichtbar, sie war es aber in den vergangenen Wochen und Monaten speziell rund um die WM in Frankreich auf besondere Art und Weise. Seien es Nationalteams, deren Spielerinnen mutmaßliche Missbrauchsfälle öffentlich machen, wie die Frauen aus Afghanistan. Sei es Weltfußballerin Ada Hegerberg mit ihrem Entschluss, nicht mehr für Norwegen aufzulaufen, so lange den Sportlerinnen im Fußball nicht der nötige Respekt entgegengebracht wird. Oder seien es die US-Amerikanerinnen mit ihrer Klage gegen unfaire Bezahlung im Vergleich mit den männlichen Spielern, die in Amerika übrigens deutlich weniger erfolgreich sind als die Damen, was das gerne genutzte Argument aushebelt, die viel geringere Bezahlung sei nur logisch, weil die Frauenteams weniger im Rampenlicht stehen.

Flammendes Plädoyer von Megan Rapinoe

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Überhaupt, die US-Amerikanerinnen. Wann haben Menschen im Sport eigentlich zuletzt so klar Stellung zu gesellschaftlichen Themen und politischen Missständen bezogen? Allen voran Megan Rapinoe. Genau diesen einen Moment im Rampenlicht zu nutzen, um ein flammendes Plädoyer dafür zu halten, dass wir als Gesellschaften ebenso wie als einzelne Personen lernen müssen, einander mit mehr Respekt zu begegnen – das ist alles andere als selbstverständlich. In Amerika werfen ihr Trump-Supporter vor, dass sie eine Einladung des Präsidenten ins Weiße Haus ausgeschlagen hat (noch bevor der sie überhaupt ausgesprochen hatte), doch ihre klare Haltung und ihr Mut, Dinge beim Namen zu nennen, machen die Sportlerin zum Vorbild.

Und ist nicht genau das eine Aufgabe des Sports, Vorbilder hervorzubringen? Nicht im Sinne von Idolen, die aus der Ferne angehimmelt werden können, sondern im Sinne von Menschen, deren Verhalten beispielhaft ist, die mutig und unerschrocken zu ihren Werten stehen.

Die 05-Werte verkörpern

Wohl jenen Vereinen also, die solche Menschen in ihren Reihen wissen. Und in diesem Sinne, wie ausgesprochen fabelhaft, einen Sandro Schwarz zum Trainer des 1. FSV zu haben. Dieser verkörpert nicht nur ganz grundsätzlich die Werte des Vereins mit seiner unaufgeregten und bodenständigen Art, die Dinge anzugehen, er lebt sie auch ganz selbstverständlich vor. So war Schwarz zuletzt einer der Schirmleute der Mainzer Sommerschwüle und sprach dort offen und in aller Deutlichkeit darüber, wie wahnwitzig die Vorstellung ist, sich etwa für die eigene Liebe verstecken zu müssen. Ebenso entschieden stieg Schwarz gemeinsam mit dem Vorsitzenden des FSV, Stefan Hofmann, in die Bütt, als beim Testspiel gegen die FuPa-Allstars mutmaßlich rassistische Beleidigungen von der Tribüne kamen. Botschaft: Nulltoleranz für Rassisten.

„Es ist wichtig, dass wir im Profifußball unsere öffentliche Bühne nutzen, um immer wieder laute und deutliche Zeichen zu setzen gegen Diskriminierung und für Diversität. Vielfalt macht nämlich nicht nur unsere Fußball-Mannschaften stärker, sondern auch unsere Welt.“ Zitat Sandro Schwarz/ Quelle: www.sommerschwuele.de/schirmherrschaft.html

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Es ist gerade in diesen Zeiten, in denen man sich angesichts mancher Einlassung auch von Personen des öffentlichen Lebens an den Kopf greifen will, wohltuend, beides zu beobachten: Die US-Fußballerinnen, die auf der Weltbühne ihre Botschaft bekräftigen. Und auf der lokalen Ebene Sandro Schwarz, der für sowas als Typ keine Bühne sucht, sich aber auch nicht scheut, sie zu erklimmen, wenn es darum geht, das Richtige zu sagen. Danke.

Mara Pfeiffer ist freiberufliche Journalistin und Autorin. Unter anderem von "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben" (mit Christian Karn). Homepage: www.marapfeiffer.de Mara Pfeiffer bei Twitter: Wortpiratin

Von Mara Pfeiffer