Eintracht im tiefen Mittelmaß: Mehr als eine Ergebniskrise

aus Eintracht Frankfurt

Thema folgen
Vergab in Wolfsburg in der zweiten Halbzeit eine Riesenchance zur Führung: Außenbahnspieler Filip Kostic.

Bei der Mannschaft von Trainer Adi Hütter fehlt die Spielidee. Der Kader ist schlecht zusammengestellt, Verstärkungen im Winter sind nicht in Sicht.

Anzeige

FRANKFURT. Es war das „Spiel der Wahrheit“ und sollte allen bei der Frankfurter Eintracht die Augen geöffnet haben. Nach dem 1:2 beim VfL Wolfsburg und nun schon acht Spielen in Folge ohne Sieg muss der Blick in der Tabelle zwangsläufig nach unten gehen. Eine Perspektive nach oben in Richtung internationaler Plätze ist derzeit nicht erkennbar, die Eintracht ist im tiefen Mittelmaß versunken. Es gibt viele Gründe für die Misere, die längst nicht mehr nur eine Ergebniskrise ist. Es ist Grundsätzliches, das bei der Eintracht nicht mehr stimmt. Der Trainer war „sauer und angefressen“ nach der Pleite von Wolfsburg, die Spieler sind nur noch genervt. „Das fühlt sich richtig scheiße an“, sagte Djibril Sow. Und das Jahr hält nur noch zwei Möglichkeiten bereit, am Dienstag gegen Mönchengladbach und am Samstag in Augsburg, um die miese Laune aufzubessern.

Deutlich geworden ist in den letzten Wochen ein Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die eine oder andere gute Halbzeit wie vor einer Woche gegen Dortmund, hat zu einer Art Selbstüberschätzung geführt. Der Blick auf die Spiele wird mit einem Weichzeichner übertüncht. Das wurde nach dem 1:2 in Wolfsburg wieder deutlich. Die zwischenzeitliche 1:0-Führung durch ein Elfmetertor von Bas Dost sei „nicht unverdient“ gewesen, hatte Trainer Adi Hütter am Freitagabend gesagt, „wir hatten es nicht verdient, hier zu verlieren.“ Doch hatten sie. Denn über die meiste Zeit des Spiels war die Eintracht passiv, träge, ohne Mut und Mumm im Spiel nach vorne, nur darauf bedacht Tore zu verhindern und nicht Tore zu erzielen. „Das war eine völlig unnötige Niederlage. Die erste Halbzeit war ausgeglichen und bis zum Ausgleich waren wir die bessere Mannschaft“, hatte Manager Bruno Hübner geurteilt. Auch das stimmt nicht. Die Frankfurter waren ganz sicher nicht die bessere Mannschaft, weder vor noch nach der Führung.

Es fehlt an Konstanz und Qualität in einigen Mannschaftsteilen

Seit Wochen wird bei der Eintracht darüber geredet, den Anschluss an die internationalen Plätze sechs und sieben herstellen zu können. Die Spieler sind überzeugt, dass die Mannschaft, also sie selbst, dafür genügend Potential haben. Doch die Wahrheit sieht anders aus. Es fehlt nicht nur an der Konstanz, mehr als eine gute Halbzeit zu spielen, es fehlt auch an Qualität in einigen Mannschaftsteilen, an einfachem Handwerkszeug, um über Mittelmaß hinauszukommen. Es fehlt auch eine übergeordnete Spielidee. Für was steht diese Eintracht in dieser Saison? Nicht für Pressing-Fußball. Silva und Dost haben große Qualitäten, auch Kamada, aber den Gegner früh unter Druck zu setzen gehört nicht zu ihren Kernkompetenzen. Nicht für Konterfußball. Nur Filip Kostic hat dafür die nötige Geschwindigkeit, viele andere nicht. Nicht für ein knallhartes Defensivkonzept. Das funktioniert schon deshalb nicht, weil es nicht der Spielphilosophie des Trainers entspricht. Und weil den Defensivspielern immer wieder haarsträubende Fehler unterlaufen.

Anzeige

„Ich bin richtig sauer“, hatte Martin Hinteregger nach Wolfsburg eingeräumt, „wir schenken dem Gegner zwei Tore.“ Diese vorweihnachtliche Großzügigkeit ist schon seit einiger Zeit zu beobachten, siehe dem 3:3 bei Union Berlin und dem 2:2 in Stuttgart, um weitere Beispiel zu nennen. Auch für ein gepflegtes Kombinationsspiel haben die Frankfurter nicht die richtigen Spieler. In Wolfsburg war es Stefan Ilsanker, dessen Spiel so fehlerbehaftet war, dass eine frühere Auswechslung angezeigt gewesen wäre. Seppl Rode hatte einen schlechten Tag erwischt, Djibril Sow hatte sich bemüht, Aymen Barkok war lange Zeit draußen.

Eintracht leidet unter massiven wirtschaftlichen Problemen

Die Taktik, letzte Woche gegen den BVB eine Halbzeit perfekt, war diesmal nicht aufgegangen. So hatten die „Wölfe“ den vermeintlich gefährlichsten „Adler“, Filip Kostic, mit einer ganz einfachen Maßnahme aus dem Spiel genommen. Sie stürmten über diese Seite, Kostic war dadurch mehr Verteidiger gegen Mbabu und Baku. Eigentlich hätte es umgekehrt sein sollen. Aber da Evan Ndicka überfordert war und Rodes Hilfestellung nicht ausreichte, wurde Kostic gebunden. Die Eintracht fand da lange kein Gegenmittel. Das war nur eines von vielen Problemen.

Dies alles alleine dem Trainer anzulasten, wäre falsch und ungerecht. Sicher, Adi Hütter trägt die Hauptverantwortung und es darf darauf hingewiesen werden, dass es auch im vergangenen Jahr genau zur gleichen Zeit eine ähnliche Entwicklung gegeben hatte. Damals war die Eintracht sieben Spiele ohne Sieg geblieben. Hütter hatte dann aber mit dem Team wieder die Kurve gekriegt und seine Qualität und Erfahrung unter Beweis gestellt. Das könnte ihm in diesem Jahr schwerer fallen. Denn zur Wahrheit gehört auch, und das trifft die sportliche Leitung mit Vorstand Fredi Bobic, Manager Bruno Hübner und Kaderplaner Ben Manga, dass das Aufgebot falsch zusammengestellt ist. Nur ein paar Beispiele: Die Eintracht hat vier Rechtsverteidiger, aber keinen Linksverteidiger. Es fehlt an einem spielstarken defensiven Mittelfeldspieler. Es fehlt ein echter Anführer. Es sind nur drei Stürmer im Aufgebot, wovon einer (Ragnar Ache) seit Wochen verletzt ist. Die Möglichkeiten von Hütter sind also stark eingeschränkt. Schließt er eine Lücke, reißt er eine andere auf. Auch weil die Neuzugänge aus dem Sommer, Steven Zuber, Ajdin Hrustic und Amin Younes aus den unterschiedlichsten Gründen (noch) nicht eingeschlagen haben.

Als tatsächliche Entschuldigung für alle darf die allgemeine Lage gelten. Die Eintracht leidet wie viele andere unter massiven wirtschaftlichen Problemen. Auch darum hat sie auf dem Transfermarkt nicht so agiert, wie es rein sportlich nötig gewesen wäre. „Wir müssen uns freimachen vom öffentlichen Druck und dürfen uns in Bezug auf den sportlichen Erfolg nicht treiben lassen, so wie es einige Clubs getan haben", hat Sportvorstand Fredi Bobic gerade in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ gesagt. Übersetzt heißt das: Die Eintracht muss aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste machen, Verstärkungen im Winter wird es nicht geben. Und es heißt auch: Solange die Frankfurter nicht in Abstiegsgefahr geraten, und dazu müsste es eigentlich reichen, wird es rund um den Trainer und die Mannschaft ruhig bleiben.

Anzeige

Von Peppi Schmitt