Corona: Eintracht rechnet mit rund 50 Millionen Euro weniger

aus Eintracht Frankfurt

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Vorstandsmitglied Axel Hellmann geht in einer Beispielrechnung von Millionen Euro weniger Umsatz aus. Archivfoto: dpa

Der Vorstand versucht die wirtschaftlichen Folgen für den Klub abzuschätzen, die Spieler geben alles, um sich fit zu halten. Wie die Eintracht mit der Corona-Pandemie umgeht.

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FRANKFURT. Axel Hellmann ist kein Mann für Schnellschüsse. Der Vorstand der Frankfurter Eintracht überlegt lieber etwas länger, versucht Probleme so weit es geht nach vorne, im Idealfall bis zum Ende zu denken. Genau darum hat sich die Eintracht mit dem Vorstand-Dreigestirn Axel Hellmann, Fredi Bobic (Sport) und Oliver Frankenbach (Finanzen) viel Zeit gegeben öffentlich auf die Coronakrise zu reagieren.

Intern wurden viele Szenarien durchgespielt. Dabei sei es wichtig auf die „Dynamik der Krise zu reagieren.“ Jetzt sagt Hellmann in einem Interview mit dem HR: „Für jeden ist klar, dass diese Krise einschneidend sein wird. Auch auf das gesamtwirtschaftliche Gebilde eines Klubs. Das ist auch von Anfang an den Spielern und Mitarbeitern klar gewesen". Alle im Verein seien bereit „zu verzichten, um einen Beitrag zu leisten, durch die Krise zu kommen.“ Es wird also Einschnitte geben, bei den Profis, beim Vorstand, aber auch bei den Angestellten des gesamten Klubs. Die einen werden auf Teile der Gehälter verzichten, die anderen auch in Kurzarbeit gehen. Zu Umfang und Details der Maßnahmen wollte sich Hellmann „in dieser Woche noch nicht" äußern, da sie noch „mit den Gremien abgestimmt werden" müssten.

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Trainingseinheiten in Zweiergruppen

Genaue Planungen seien sowieso ein „schwieriges Unterfangen“. Hellmann nennt eine Beispielrechnung für die Eintracht. „Wenn wir wissen, dass wir bis Weihnachten keine Spiele mit Zuschauern austragen werden, wird der Verlust bei allen Klubs etwa ein Viertel des gesamten Umsatzvolumens betragen", so Hellmann, „wenn man bei uns von 200 Millionen Euro Umsatz ausgeht, mit denen wir für die kommende Saison geplant hätten, dann sind es nur noch 150 Millionen.“ Dies würde im Klartext bedeuten, „dass man auf alles, was man macht, 25 Prozent Abschlag legen muss.“ Betroffen davon seien der Kader, die Investitionen, „einfach alles.“ Selbst dies aber kann nur gelten, wenn die Saison irgendwann im Mai fortgesetzt werden kann. Denn nur dann wird die letzte Tranche der Fernsehgelder, 750 Millionen Euro, ausbezahlt werden.

Derweil versucht sich das spielende Personal Schrittchen für Schrittchen der Normalität zu nähern. Die Trainingseinheiten auf dem Platz, seit Freitag wieder für alle erlaubt, finden in Zweiergruppen auf verschiedenen Ecken der drei Rasenfelder statt, jeweils angeleitet von einem der Trainer oder Athletik-Trainer, die in gebührender Entfernung die Anweisungen geben.

„Es sieht fast so aus wie bei den Schülern“ berichtet Erik Durm, „wir machen uns ganz normal warm mit dem Ball, üben Passspiel, weite Flanken, Abschlüsse.“ Sein Spielpartner ist Sebastian Rode. Wichtig sei nach den Wochen auf dem Ergometer nun wieder „schnelle Drehungen reinzukriegen“, sich also den fußballspezifischen Anforderungen zu nähern. Das Trainer- und Betreuerteam hat die gesamten Übungseinheiten minutiös geplant. Alles läuft so ab wie von den Gesundheitsämtern vorgeschrieben. „Wir haben eine Riesenverantwortung, das wissen wir“, sagt der ehemalige Nationalspieler Durm.

Spieler konditionell in guter Verfassung

Jeder Spieler befindet sich, wenn er das Stadion betritt, im Grunde weiter in Isolation. Es gibt verschiedene Kabinen für die Kleingruppen, wenn der eine kommt, ist der andere schon gegangen. Bei Erik Durm ist der Kabinenpartner Dominik Kohr. „Wir sehen uns praktisch gar nicht, wir winken uns manchmal aus der Entfernung zu“, erzählt Durm vom neuen Alltag eines Profifußballers. Die Sicherheitsabstände würden penibel eingehalten, gerade der Profifußball will sich keine Vorhaltungen machen lassen. Auch privat hält sich Durm so gut es geht an die Vorgaben. „Wenn ich einkaufen gehe, trage ich Handschuhe und eine Maske“, sagt er. Damit seinen alle vom Verein ausgestattet worden, auch mit Desinfektionsmitteln.

Konditionell würden sich alle Spieler in guter Verfassung fühlen. „Wir haben zu Hause extrem viel gemacht schon vor Freitag“, sagt er lachend, „ich bin manchmal fast vom Fahrrad runtergekippt“. Aktuell gibt es mit Ausnahme des freien Sonntags zwei Einheiten pro Tag, eine auf dem Platz, eine daheim auf dem Ergometer oder der Matte. Die Umfänge sind wie in „normalen“ Zeiten, mal 45 Minuten, mal 90 Minuten. Alles mit dem Ziel, auf den „Punkt“ fit zu sein, wenn es denn im Mai tatsächlich wie gewünscht weitergehen könnte. „Wenn wir ohne Gesundheitsgefährdung spielen könnten, wäre ich mental definitiv dazu bereit“, sagt Erik Durm, „den Menschen fehlt der Fußball, ich vermisse ihn auch.“

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Das eigene Befinden stehe dabei sicher nicht im Vordergrund aller Überlegungen. Viele Eintracht-Profis äußern sich sehr differenziert und verantwortungsbewusst. „Bei vielen Menschen geht es um die Existenz, es ist auch beängstigend, wie viele Vereine Existenzängste haben“, sagt Erik Durm, „darüber denke ich nach.“ Sein ganzes Leben wollte er Profi werden, „jetzt ist das alles bedroht.“ Kollege Bas Dost macht vor allem die Ungewissheit zu schaffen. „Nach sieben Tagen denkst du schon: was jetzt?“, sagt der holländische Angreifer, „aber das betrifft nicht nur uns Fußballer, sondern alle Arbeiter auf der ganzen Welt.“ Immerhin hält Stürmer Dost einen Trost für alle bereit: „Natürlich kannst du den ganzen Tag jammern und sagen, dass die Situation nicht schön ist. Aber alles wird wieder gut“.

Von Peppi Schmitt