Zwischen Wadis und Wüste im Oman

Am Rande des Wadi Darbat – während und eine Weile nach der Monsunzeit herrscht hier afrikanisches Flair.Foto: Stefanie Widmann  Foto: Stefanie Widmann

Yousef Al Shanfari liebt die Fischerei. Mit blütenweißen Zähnen und gepflegtem Vollbart, die Augen hinter einer verspiegelten Pilotenbrille versteckt, steht er vor seinen...

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. Yousef Al Shanfari liebt die Fischerei. Mit blütenweißen Zähnen und gepflegtem Vollbart, die Augen hinter einer verspiegelten Pilotenbrille versteckt, steht er vor seinen Gästen. Der makellose weiße Dishdasha, ein bodenlanges Gewand, und das kunstvoll zum Turban gebundene Tuch verleihen ihm Exotik und Würde. Er erzählt seine Geschichte, die exemplarisch für die Geschichte der Dhofar-Region stehen kann. Wie seine Familie, so arbeitete auch er früher als Fischer. „Damals hatte ich ein hartes Herz“, erzählt er von sich. Einmal habe er einen kleinen Delfin im Netz gehabt und sei bereit gewesen, ihn zu töten. Dann begann der Delfin zu weinen. „Delfine weinen wie Kinder“, erklärt Yousef. Da habe auch er angefangen zu weinen, ihn befreit und ins Meer zurückgeworfen.

Am Rande des Wadi Darbat – während und eine Weile nach der Monsunzeit herrscht hier afrikanisches Flair.Foto: Stefanie Widmann  Foto: Stefanie Widmann
Typische Dhau-Boote in Mirba. Yousef Al-Shanfari bietet Wal- und Delfin-beobachtungsfahrten für Touristen an.Fotos: Stefanie Widmann, Fotomontage: Florian Muskat    Foto:
Typische Dhau-Boote in  Mirba. Yousef Al-Shanfari bietet Wal- und Delfin- beobachtungsfahrten  für Touristen an. Fotos: Stefanie Widmann,  Fotomontage: Florian Muskat    Foto:

Heute, viele Jahre später, muss kein Delfin mehr weinen, um Yousefs Herz zu erweichen, denn der 31-Jährige liebt es, mit ihnen zu schwimmen und zu spielen. Und er weiß genau, wo er sie treffen kann. Heute leitet Yousef das Touristikunternehmen „Around the ocean“, bietet Delfin- und Walbeobachtungsfahrten, Fischertouren, Schnorcheln und andere Wasseraktivitäten in seiner Heimatstadt Salalah an. Er hat mittlerweile acht Ausflugsboote und ist in der einst armen Dhofar-Region ein wohlhabender Mann.

Salalah, „die Strahlende“, ist gar nicht so viel älter als er. Gut, da war das alte Fischerdorf, um das herum vor 40 Jahren die heutige Stadt wuchs. Es wird gerade als nicht mehr zeitgemäß dem Erdboden gleich gemacht. Auch der alte kleine Flughafen ist im Frühjahr einem modernen gewichen, der erahnen lässt, auf wie viele Touristen die Omanis in Zukunft setzen. Salalah, die mit 280 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes, präsentiert sich wenig spektakulär. Hier gibt es keine glitzernden Hochhausfassaden wie in anderen arabischen Metropolen, sondern eine weitläufige Großstadt mit meist zwei- bis dreigeschossigen repräsentativen Häusern in traditionellem Stil. Dort leben omanische Großfamilien, wie auch Yousef sie hat. „Ich wohne mit meiner Frau bei meinen Eltern. Die Familie will mich bei sich haben“, erzählt er ganz selbstverständlich.

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Beim Schnorchelausflug in einer weiten Bucht am östlichen Ende der Dhofar-Gebirgskette, dem Jabal Al Samhan, erkennen die Touristen Yousef im Neoprenanzug und mit wilden schwarzen Locken kaum wieder. Riesige Vogelschwärme kreisen über dem fischreichen Wasser. Drei Männer schöpfen mit Netzsäcken Sardinen in großen Mengen im seichten Wasser ab und leeren sie direkt auf die Ladefläche eines Jeeps. Delfine tauchen ab und an aus dem Wasser auf. Omans Süden ist auch ein Dorado für Natur- und Tierliebhaber.

Die Infrastruktur für die Touristen wächst gerade heran. Salalah-Beach etwa, eine Küstenansiedlung, wo gerade an einem feinen Sandstrand wie ihn sich sonnenhungrige Europäer in den Wintermonaten erträumen, ein Hotel nach dem anderen gebaut wird. Dann wiegen sich hier überall die Palmen unter sengender Sonne. Wärme und Hotelbesitzer laden zu romantischen Abendessen direkt am Strand und Dinner im edlen Fischrestaurant. Eine neue Marina steht für Jachten bereit, die Einkaufsläden werden gerade belegt. Noch wirkt alles etwas steril. Salalah ist eine Destination für ein etwas gehobenes Publikum. Die komfortablen Hotelanlagen entstehen seit gut zehn Jahren in Joint Ventures, also Kooperationen zwischen großen Hotelketten und dem omanischen Staat, ohne den es nicht geht.

Begonnen hat der Tourismus in Salalah im August, einem Monat, in dem hier – anders als auf dem Rest der Arabischen Halbinsel – Monsunzeit ist. Es regnet ein, zwei Tage, und zwischendurch nieselt und tröpfelt es wochenlang im Stil des englischen Landregens. Khareef wird diese regenreiche Sommerzeit genannt. Ein wahrer Traum für die Bewohner der arabischen Nachbarländer, die zu dieser Zeit bei 45 Grad in der Wüste brutzeln. Im nördlich der Küste gelegenen quellreichen Dhofargebirge fließt plötzlich Wasser durch die 360 Wadi (ausgetrocknete Flussläufe). Bäume und Büsche grünen, Blumen blühen, saftiges Gras bedeckt die sonst kargen Hänge. „Früher“, erzählt Nasser Emara, Tour-Guide des Meeting Point Oman, „campierten zu dieser Zeit tausende Araber hier in großen Zelten und genossen die Erholung von den heimischen Backofentemperaturen.“ Um es ihnen angenehmer zu machen, entstanden die ersten Hotels. Von dort fahren die arabischen Touristen bis heute in Wadis wie den bekanntesten, den Wadi Darbat, wo dann am Rande des temporären Flusses Tretboote warten und Imbissstände oder an den Hängen verteilte Picknickhäuschen, an denen man den Dauerniesel so richtig genießen kann.

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Wenn im Oktober die Saison der europäischen Touristen beginnt, können die noch einige Tage das grüne Wunder sehen – beim Anflug sieht es fast aus wie ein Stück Allgäu. Aber bald geht die hohe Luftfeuchtigkeit zurück, und Ende Oktober kehrt die Wüste wieder zurück. Dann kommt spätestens auch ein Teil der Kamele wieder in die Bergregionen, die während der Khareef-Zeit an die Küste gebracht werden, damit sie nicht das junge Gras abfressen. Ganzjährig sind nur Salalahs kunstvoll bewässerte Obstplantagen am Rande der Stadt grün, wo Bananen, Kokosnüsse und Papayas gedeihen.

Für Europäer dürfte die Wüste aber mindestens genauso spannend sein. Zweitägige Ausflüge führen ins Landesinnere, ins „Leere Viertel“, die größte Sandwüste der Welt. Oder in den Wadi Dawkah, den die Unesco als Welterbestätte unter Schutz gestellt hat. Hier, 40 Kilometer nördlich von Salalah, wachsen in karger Landschaft über 1 000 Weihrauchbäume, die das wertvolle Harz liefern. Nirgends auf der Welt gedeihen sie so gut wie hier, und der Weihrauch verhalf der Region vor über 2 000 Jahren zu zeitweise großem Reichtum und zum Beinamen „Weihrauchland“. Wer nicht in den Wadi Dawkah fahren will, kann einige Bäume auch am Weihrauchmuseum in Salalah sehen. „In der Stadt gibt es zudem den größten Weihrauchmarkt der Welt“, erklärt Nasser Emara. Dort verkaufen Händler Weihrauch in allen Qualitäten zum Verbrennen, aber auch als Parfüm.

Touristen kommen übrigens mit Omanis selten in Kontakt. Denn in einem Land, in dem seit 1967 das Öl sprudelt, die Bevölkerung keine Steuern zahlt, kostenlos krankenversichert ist und in dem der von seinen Untertanen hoch verehrte Sultan Qabus jedem Untertanen ein Stück Land zum Bau eines Hauses schenkt, ist Arbeit nicht sonderlich beliebt. Vom Zimmermädchen und Kellner bis zum Hotelmanager: Die Arbeit verrichten Ausländer, überwiegend aus Indien und Fernost.

Die Aussicht, dass die Ölquellen in circa 20 Jahren ganz versiegen werden, führt allerdings dazu, dass der Staat seine Bürger, die übrigens per Gesetz prinzipiell nur untereinander heiraten dürfen, zunehmend zur Arbeit bewegen will. Ein Gastarbeiter bekommt erst dann einen Job, wenn vier Einheimische abgelehnt haben. Für Omanis wiederum wurde das Arbeitslosengeld gestrichen. „Wir haben zwei sehr gute Omanis im Unternehmen, hervorragende Key-Manager, aber das ist selten“, sagt Jean-Philippe Ferrini, Hotel-Manager des El Fanar und selbst Franzose. Unternehmer wie Yousef Al Shanfari sind die große Ausnahme.

Von Stefanie Widmann