Zu Gast in der Steppe: Eine Reise durch die Mongolei

Auf dem Weg durch die Mongolei übernachten die Zuggäste auch in Jurten – so wie der von Batnasan und ihrem Mann.Foto: Carsten Heinke  Foto: Carsten Heinke

Seit 100 Jahren verbindet die Transsibirische Magistrale als längster Schienenweg der Welt Russlands fernen Osten mit Europa. Zwischen Moskau und Ulan-Ude, der Hauptstadt der...

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. Seit 100 Jahren verbindet die Transsibirische Magistrale als längster Schienenweg der Welt Russlands fernen Osten mit Europa. Zwischen Moskau und Ulan-Ude, der Hauptstadt der russischen Republik Burjatien, liegt der wohl schönste Teil der legendären Strecke. Der deutsche Zarengold-Zug verbindet ihn mit einer Fahrt durch China und die Mongolei auf der Trasse der Transmongolischen Eisenbahn.

In Peking geht es los. Einem gehaltvollen Programm mit Verbotener Stadt und Platz des Himmlischen Friedens, Großer Mauer und den Yungang-Grotten bei Datong folgen zwei aufregende Tage in der Mongolei. Wer dort nur unbebautes Land erwartet, den verblüfft vor allem Ulaanbaatar, die moderne Hauptstadt des einst mächtigen Reiches von Dschingis Khan. Spannender als Wolkenkratzer, coole Bars und Restaurants sind dennoch die alten Klöster der Stadt. Im wichtigsten und größten, Gandan, sind heute wieder 600 Mönche und die 26 Meter hohe Statue der Göttin Janraisig zu Hause.

Weniger als zwei Stunden dauert die Busfahrt nach Buuveit, ein Jurtencamp im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark. Die waldigen Hügel, Felsen und Blumenwiesen der malerischen „Mongolischen Schweiz“ werfen das Klischee vom kargen Steppenland gehörig über den Haufen.

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Lächelnd steht Sharkhun vor seiner Jurte. Über den bizarr geformten Felsen, Wiesen und Wäldern hängen dicke, nasse Wolken. Regenwasser läuft über das wettergebräunte Gesicht des alten Mannes. Doch es scheint ihm nichts auszumachen, ganz im Gegenteil. „Danke für das gute Wetter“, begrüßt der pensionierte Nomade seine Gäste und bittet sie in sein rundes Filzzelt, das auf Mongolisch „Ger“ heißt.

Macht er Scherze? „Nein, er meint das völlig ernst“, erklärt Fremdenführer Gerelt die Freude des Gastgebers. „Bei uns ist tatsächlich derjenige Besuch am liebsten gesehen, der Regen mitbringt. Denn Wasser bedeutet fruchtbares Land, gesunde Herden und Glück für die Menschen“, sagt der junge Mongole. Deutsch hat er beim Studium in Koblenz gelernt.

Im Inneren der kunterbunten, mit Teppichen und Kissen vollgestopften Jurte ist Batnasan, die Dame des Hauses, damit beschäftigt, den kleinen runden Tisch zu decken. Alle Möbel sind zumindest auf einer Seite abgerundet, um besser in den eckenlosen Raum zu passen. Ein winziger, mit getrocknetem Viehdung beheizter Ofen steht in der Mitte.

Batnasan brüht grünen Tee, gibt Kuhmilch und etwas Salz dazu. Süütei Tsai heißt das Getränk, zu dem man Boortsog – frittiertes Buttergebäck – und Aaruul – getrockneten Quark – knabbert. Die Begeisterung der Gäste für die ungewohnten Leckereien hält sich in Grenzen.

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Doch wirklich von Interesse sind die Fotos an der gewölbten Wand. Das größte zeigt einen stolzen jungen Mann auf einem Pferd. Auf die Frage, wer das sei, tippt sich Sharkhun bescheiden an die Brust. „Aber das ist lange her“, erzählt der 77-Jährige. Wie schnell und sicher er sich einst auf dem Pferderücken fortbewegen konnte, bezeugen die Pokale und Medaillen im Regal.

Selbst wenn das Reiten heute wie das Ringen und das Bogenschießen von vielen Mongolen nur noch als Sport betrieben wird – für die rund 800 000 Nomaden im Land gehört es nach wie vor zum Arbeitsalltag. Das galt lange Zeit auch für Sharkhun und Batnasan.

Mit hunderten von Rindern, Ziegen, Yaks und Schafen zogen die beiden mit ihren Kindern vom Frühjahr bis zum Herbst samt Jurte und komplettem Hausrat durch die Mongolei. In Gorchi Tereldsch verbrachten sie die gehassten harten Winter, die sie je nach Frostintensität und Schneemenge „weißen“ oder „schwarzen Tod“ nannten. „Bei Temperaturen unter minus 40 Grad starben viele Tiere“, sagt Batnasan.

Mittlerweile leben die 74-Jährige und ihr Mann das ganze Jahr über im ehemaligen Winterquartier – von ihrer Rente, sieben Kühen und der Unterstützung ihrer fünf Kinder, die alle in die nahe Stadt gezogen sind. Der Sommer ist auch jetzt die schönste Zeit für sie, denn in den großen Ferien kommen die Enkel zu Besuch. Stets komplett ist die Familie beim Nationalfest der Mongolen, das jährlich vom 10. bis 13. Juli gefeiert wird. Es heißt Eriin Gurwan Naadam – „Die drei männlichen Spiele“.

Eine kleine Vorstellung davon vermitteln am nächsten Tag einige Reiter, Ringer und Bogenschützen aus der Nachbarschaft den Gästen des Buuveit-Camps. Doch zunächst freuen die sich auf ihre erste Nacht in einer Jurte. Der Regen hat längst aufgehört. Es riecht herrlich frisch nach Kräutern, Gras und Blumen. Wie ein Teppich legt sich die blaue Nacht darüber. Als die Sterne aufgehen, träumen die meisten schon vom Baikalsee.

Von Carsten Heinke