Winterurlaub wie zur Belle Epoque in Kandersteg

Feine Damen in Pelz und edlen Roben wandeln jedes Jahr im Januar durch Kandersteg.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar

Staunend hält die Gruppe von Langläufern in Funktionsklamotten am Rand der Loipe inne. Damen in Pelz mit gewaltigen Hüten auf dem Kopf promenieren mit Herren in Frack und...

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. Staunend hält die Gruppe von Langläufern in Funktionsklamotten am Rand der Loipe inne. Damen in Pelz mit gewaltigen Hüten auf dem Kopf promenieren mit Herren in Frack und Zylinder durch den Schnee. Das Ziel der Prozession ist der Einlauf des „Nostalgie-Bobrennens“. Junge Burschen mit Knickerbockern und Wickelgamaschen ziehen schwere hölzerne Schlitten durch den tief verschneiten Winterwald zum Startpunkt. Wer will, kann für ein paar Franken als Fahrgast mit auf den Gefährten zu Tal rasen. Gewinner des Tages ist das Team „Achtenachzig“ mit einer Zeit von knapp sechsundfünfzig Sekunden. Die Damen ziehen die Hände aus den wärmenden Muffs und applaudieren artig. Im Ziel wird der Sieg mit einem Punsch gefeiert. Die handgestickten Startnummern aus Bauernleinen werden abgelegt.

Es ist Zeit, sich umzukleiden für den „Thé dansant“ im Ballsaal des Hotels Victoria Ritter. Nun haben Cutaway und Gehrock, bodenlange Roben und Spitzenhandschuhe ihren Auftritt. Die Kapelle spielt auf, Paare drehen sich im Dreivierteltakt auf dem Parkett. Garderoben werden gemustert, anerkennende wie kritische Blicke getauscht.

Eine Woche lang, immer in der zweiten Januarhälfte, gibt sich das Bergdorf Kandersteg im Berner Oberland ganz der Historie hin. Die Fassade des Supermarktes hat eine nostalgische Verblendung erhalten. Im Feinkostgeschäft gibt es handgemachte Butter zu kaufen. Bedient wird in schwarzem Taft mit Spitzenhäubchen. Nachmittags geht man zum Curling, später zum „Apéro musical“. Wenn es Nacht wird, zeigt man sich in großer Toilette auf einem Ball oder einem Operetten-Diner.

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Wie es dazu kam? Jerun Vils, ehemaliger Geschäftsführer von Kandertal-Tourismus, ist der Urheber dieses charmanten Rückfalls in die gute alte Zeit. Die Idee zum temporären Zeitsprung zurück in die Belle Epoque kam ihm auf einer Weltreise mit seinem damals fünfjährigen Sohn. Mitten im Pazifik, genauer, auf der Osterinsel, gerieten Vater und Filius in das rauschende Tapati-Rapa-Nui-Fest. Das dortige Bananenschlitten-Rennen der Insulaner an den Abhängen des Kraters gab den Ausschlag. Schlitten gab es schließlich auch daheim im Berner Oberland und in Feierlaune müssten sich auch Schweizer versetzen lassen.

Und redeten die Dorfältesten nicht mit Glanz in den Augen von „dazumal“, der guten alten Zeit also, in der die solventen Gäste samt Entourage anreisten und wochenlang blieben? Für das Berner Oberland war die Zeit von etwa 1885 bis zum Ersten Weltkrieg tatsächlich eine schöne Epoche, in der sich mit dem Fremdenverkehr erstmals Geld verdienen ließ.

Die Grundlage für den Tourismusboom wurde mit der Entwicklung des Eisenbahnnetzes gelegt. 1901 fuhr die Bahn erstmals über Bern und Spiez bis nach Frutigen, von wo aus Kandersteg per Fuhrwerk oder Schlitten leicht zu erreichen war. Der bereits seit 1789 bestehende Dorfgasthof bekam einen prätentiösen Anbau und nannte sich nun „Victoria Ritter“ – eine Hommage an die britische Regentin und ihre reisenden Untertanen. Berühmte Gäste wie etwa Mark Twain stellten sich ein. Ab 1906 erreichte man Kandersteg sogar direkt auf Schienen. In nur einem Tag konnten Gäste aus London nun das Sehnsuchtsziel der exotischen Bergwelt erreichen.

Die Spaßgesellschaft ist keine Erfindung der Gegenwart. Schon in der Pionierzeit des Tourismus wusste man sich zu amüsieren. Schotten brachten das Curling nach Kandersteg und zeigten, wie man die schweren Granitsteine über das Eis schob. Bobrennen mit immer neuen Geschwindigkeitsrekorden wurden veranstaltet. Die ersten Skier vor Ort wurden den Einheimischen von Gästen als Geschenk überlassen. Nun kommen die alten Latten wieder zum Einsatz, wenn die Burschen des Skiclub Kandersteg beim Nostalgie-Event damit im Telemark-Stil die Hänge hinabgleiten.

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Natürlich gab es auch profanere Gründe für die Idee einer temporären Zeitreise als allein der Gedanke, den Glanz einer Epoche zu feiern. Die zweite Januarhälfte ist ein wenig ruhig in Kandersteg, das ohnehin über kein herausragendes Alpinskigebiet verfügt, dafür aber über zig Kilometer Loipen und verträumte Winterwanderwege.

2010 wurde erstmals eine Belle-Epoque-Woche ausgerufen. In Windeseile ergriff die Sehnsucht nach dem Gestern die Einheimischen. Dachböden und Keller wurden nach historischen Fundstücken durchforstet. Internet-Adressen zum Ersteigern nostalgischer Ausstattung gingen von Mund zu Mund. Schneiderin Gabi Rieder gab Nähkurse zur Anfertigung von Miedern und bodenlangen Röcken. Schreiner Toni Niedhardt machte sich mit seinem Team an das Restaurieren alter Bobschlitten. Die Konditoren besannen sich auf Rezepte nostalgischer Köstlichkeiten wie „Schlüfchüechli“.

Kurz und gut: Die Idee wurde ein voller Erfolg, vor allem bei den Einheimischen, die seither in Nostalgie schwelgen, als gäbe es kein Morgen. Urlauber sind jederzeit willkommen. Wer will, kann sich spontan in den Kleiderverleih begeben. Vielleicht finden auch noch die Langläufer hieher, um sich für das abendliche Tanzvergnügen fein zu machen.

Von Claudia Diemar