Thailands Pferdemönche

Die Menschen warten auf die Ankunft der Mönche.Foto: Martina Katz  Foto: Martina Katz

Punkt 7.30 Uhr: Ein Gong ertönt auf dem sandigen Tempelplatz in der weitläufigen Bergregion des Goldenen Dreiecks. Die rund 100 angereisten Thailänder verstummen sofort. In...

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. Punkt 7.30 Uhr: Ein Gong ertönt auf dem sandigen Tempelplatz in der weitläufigen Bergregion des Goldenen Dreiecks. Die rund 100 angereisten Thailänder verstummen sofort. In Windeseile reihen sie sich nebeneinander. Manche stehen im Tempelsand, andere hocken auf kleinen knall-blauen Plastikstühlen zwischen den mit Stroh gedeckten Bambushäuschen, die den Platz kreisförmig umranden. Sie nehmen ihre rosa- und gelbfarbenen Chrysanthemen in die gefalteten Hände, schließen die Augen und murmeln gemeinsam mit der sonoren Lautsprecherstimme ein Gebet zur Ehrerbietung. Denn gleich werden sie kommen, Thailands berühmte Pferdemönche.

Im Wat Phra Archa Thong, dem Tempel des goldenen Pferdes, mitten im thailändischen Dschungel, 20 Kilometer vor der Grenze zu Myanmar, nehmen die Mönche ihre Opfergaben auf Pferden entgegen – ein ungewöhnliches Ritual für Buddhisten und einzigartig in Asien. 20 Mönche auf 20 Pferden mit 20 silbernen Opferschalen an dicken Gurten um die Schultern reiten an diesem Morgen auf den Platz auf dem Berg. Die safranfarbene Strickmütze haben sie tief in das Gesicht gezogen. Das blutrote Gewand „Kesa“ ist eng um den Körper geschlungen. Sie kommen mit dicken Wollsocken in den einfachen Badelatschen, denn morgens ist es kalt in der thailändischen Bergwelt. Nur die jungen Novizen sind barfuß. Sie kennen es nicht anders. Die Älteren tragen dicke schwarze Gebetsketten um den Hals, kunstvolle Tätowierungen prangen auf ihren Oberarmen. Bei manchem blitzt ein Tiger-Tattoo auf der Brust hervor.

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Langsam und gemächlich reiten die Mönche vorbei an der Reihe spendenbereiter Thailänder. Immer wieder müssen ihre gutmütigen kleinen Bergpferde anhalten, denn die Einheimischen spenden ausgiebig. „Ich gebe Wasser, Reis, Orangen, Kekse und Joghurt“, erzählt Ihm. Die 25-jährige Computerexpertin aus Chiang Rai überreicht eine ganze Tüte, bis zum Rande mit Nahrungsmitteln gefüllt. „Manchmal geben wir auch Geld“, ergänzt ihr Freund Bao. Wenn die Opferschale zu voll wird, verfrachten eifrige Helfer die Almosen sofort in einen Plastiksack und verschwinden damit. Die Mönche treiben ihre Pferde ein paar Schritte weiter und sammeln die nächsten Gaben ein.

Es kommt viel zusammen an diesem Morgen, weit mehr, als die Mönche verwenden können. Und genau so soll es sein. Denn der Wat Phra Archa Thong, in dem man keinerlei thailändischen Stadttempelprunk findet und der mit seinen einfachen Bambushütten für Minimalismus in der Natur steht, gibt die Almosen weiter an die armen Bergdörfer dieses nördlichsten Zipfels Thailands. Und das jeden Tag.

Hier in der Bergregion, wo sich leuchtend grüne Reistäler mit Höhen aus Teak- und Bambuswald abwechseln und an Steilhängen Kohl, Erdbeeren und – trotz Verbot – manchmal auch Opium angebaut wird, schmiegen sich die kleinen Dörfer der Minderheiten auf engstem Raum kaum sichtbar in die Dschungel-Landschaft. Doch der Schein trügt. Außer der atemberaubenden Landschaft und der einzig verbliebenen manuellen Zuckerrohrmühle gibt es hier nichts. Die Dörfer liegen weit abgeschieden. Ihre schlammigen Bergpfade sind mindestens sechs Monate des Jahres nur zu Fuß oder per Pferd begehbar. Vielen Familien fehlt es am Nötigsten. Und noch immer führt Opiummissbrauch zu Gewalt, Krankheit und Lethargie. Die zahlreichen Touristen, die das Goldene Dreieck alljährlich besuchen, haben lediglich den Aussichtspunkt am Drei-Länder-Eck und vielleicht noch das Opiummuseum im Blick. Die Bergdörfer und die Pferdemönche jedoch kennt kaum jemand.

Als Phra Khru Ba Neua Chai, Abt und Gründer des Wat Phra Archa Thong, vor über 20 Jahren zum Meditieren herkam, herrschten noch die Drogenbarone über diesen Landstrich. Sie nutzten das abgeschiedene Drei-Länder-Eck zwischen Thailand, Myanmar und Laos zum Anbau und Schmuggel ihrer Ware, schüchterten die Bergbevölkerung ein und nutzten sie für ihre Zwecke aus. Doch das schreckte den bürgerlichen Pra Samer nicht. Er war 30, erfolgreicher Thaiboxer, verheiratet, Vater zweier Kinder, Jura-Student in Bangkok und wollte sein Leben von nun an ausschließlich dem Buddhismus widmen. Schnell verschaffte er sich hohes Ansehen als furchtloser Mönch Phra Khru Ba Neua Chai. Als einer, der die Dorfbewohner den Buddhismus lehrte und sie über die Gefahr von Rauschgift aufklärte – sehr zum Unwillen der Drogenbosse. Der eiserne Mönch jedoch ließ sich nicht einschüchtern. Ganz im Gegenteil: Mehr und mehr Dorfbewohner vertrauten ihm, folgten ihm auf seinem Weg. Bis heute ist das so.

In dem Waldtempel leben rund ein Dutzend Mönche, ein paar Nonnen und viele Novizen, allesamt aus den ärmlichen Bergdörfern. Weil die Eltern der Drogensucht zum Opfer fallen. Weil die Familie ihren Sprössling nicht ernähren kann. Weil das Kind zu schwach für die anstrengende Feldarbeit ist. Im Wat Phra Archa Thong finden die armen Seelen ein neues Zuhause. Sie lernen die thailändische Sprache – in den Minderheiten-Dörfern nicht selbstverständlich –, Lesen und Schreiben, den Buddhismus, Reiten und Thaiboxen. Für Letzteres hat der Abt extra einen Boxring gebaut, in dem sich die Novizen messen können.

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Größter Schatz des Tempels jedoch sind die trittsicheren und ausdauernden Bergpferde – die meisten von ihnen Spenden ehemaligen Abhängigen aus den Dörfern. Nur sie ermöglichen den Mönchen den täglichen Ritt zu den verstreuten Dörfern. Mehr als 100 Pferde sollen es inzwischen sein, jedes gepflegt und gefüttert von einem stolzen Novizen. Zur Ferienzeit im April, wenn der Tempel für vier Wochen einem Ferienlager gleicht und viele Schüler als Neue auf Zeit kommen, teilen sich fast 200 Jungen die Bergpferde.

Auf dem Tempelhof geht inzwischen ein Raunen durch die Schar spendenbereiter Thailänder. Abt Phra Khru Ba Neua Chai nähert sich auf seinem Rappen. Der muskulöse Mann lächelt. Innerhalb von Sekunden umringen ihn die Thailänder. „Wegen ihm sind wir hier. Er wird uns segnen, uns Glück und Wohlstand wünschen“, schwärmt Ihm. Der Abt mit den Gebetsketten um den Hals und Tattoos auf Stirn, Oberkörper und jedem einzelnen Finger hat bei den Einheimischen Kultstatus. Sie wissen, dass ihre Gaben oftmals schon am nächsten Tag, manchmal eingetauscht in Decken oder in Fernseher, in einem der vielen Bergdörfer Nordthailands landen – und dafür kommen und geben sie gern.

Von Martina Katz