Spaßparade hinterm Deich

Der „Otto“-Turm ist Wahrzeichen der Krummhörn und Stopp bei zwei Lachbustouren. Foto: Manfred Lädtke

Beim Militär gibt es in der Regel wenig zu lachen. Doch wenn Ausbilder Schmidt und seine Gäste im Lachbus durch Ostfriesland fahren, bleibt kein Auge trocken.

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. Ein Montagnachmittag in der Krummhörn. „Schied, wo steiht de denn?“ Dass der Lachbus nicht wie angekündigt vor Greetsiels Touristinformation, sondern auf einem Parkplatz wartet, finden die rund 40 Passagiere nicht wirklich lustig. „Wer muckt hier auf?!“, raunzt Ausbilder Schmidt – oder Holger Müller, wie der Komiker im echten Leben heißt – insbesondere männliche Mitreisende an, als die nach fünf Minuten Fußweg in den Bus steigen. Für den „Ausbilder“ sind viele Männer nämlich echte Luschen, die er gerne mal anbrüllt. Natürlich nur zum Spaß, und nur bei seinen Lachbus-Touren hinterm Deich. Dass man bei diesen Fahrten aber nicht alles für bare Münze nehmen darf, erkennen die Insassen auf den ersten Blick. Ostfriesische Busse seien stets zehn Meter breit aber nur drei Meter lang, weil immer alle vorne sitzen wollen, sagt Müller – stimmt natürlich aber gar nicht.

Der „Otto“-Turm ist Wahrzeichen der Krummhörn und Stopp bei zwei Lachbustouren. Foto: Manfred Lädtke
Sind die Busse in Ostfriesland wirklich breiter als anderswo? Comedian Holger Müller, auch bekannt als Ausbilder Schmidt erzählt es seinen Gästen auf einer Fahrt im Lachbus. Foto: Manfred Lädtke
Lässt Geschichten von Sturmfluten wach werden: die wuchtige Kreuzkirche in Pilsum. Foto: Manfred Lädtke
„Lieber Tee“ ist eine Losung der Französischen Revolution, der die Ostfriesen bis heute treu sind. Foto: Manfred Lädtke
Reiseguide Holger Müller ist „Ausbilder Schmidt“. Bei der Lachbustour schlüpft der Kabarettist in beide Rollen. Foto: Manfred Lädtke

Ulkiges und Wahres erfahren die Passagiere, während der Omnibus gemächlich über Land- und Dorfstraßen rollt. Als eine Wiese vor den Fenstern auftaucht, erzählt der Wahlostfriese aus dem Rheinland, dass auch andere Landstriche in Ostfriesenwitzen ihr Fett abbekommen. Das hört sich dann zum Beispiel so an: Beim Freundschaftsspiel einer Ostfriesenauswahl gegen Bayern München fährt plötzlich ein Zug vorbei. Als die Lok pfeift, glauben die Ostfriesen, das Spiel sei aus und verlassen den Platz. 30 Minuten später steht es 1:0 für die Bayern. „Ja, das dauert, bis der hinten angekommen ist“, witzelt Ausbilder Schmidt, der sich im Bus zunächst noch als der freundliche Herr Müller gibt.

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Immer „rund“ geht es im beschaulichen Rysum, an dessen Ortsrand die Ausflügler aussteigen. Von einer „Kreis“-Straße, die das Dorf komplett umrundet, streben Gassen sternenförmig bis zu einer Kirche auf der sechs Meter hohen Warft. Da die Friesen bis zum Mittelalter keine Deiche kannten, waren die schlicht eingerichteten Gotteshäuser Festungen gegen Sturmfluten und Piraten. Prachtstück in dem steinernen Zeitzeugen stürmischer ostfriesischer Geschichte ist Nordeuropas älteste bespielbare Orgel. Um den holländischen Baumeister das heute 563 Jahre alte Instrument zu bezahlen, hätten Bauern und Fischer zehn fette Kühe über das Eis nach Holland getrieben, versichert Holger Müller.

Auf dem Rückweg zum Bus schlüpft er dann wieder in die Rolle des Comedians. Am Vorgarten eines Landarbeiterhauses zeigt er auf das geöffnete Gartentor: „Das muss immer auf sein, damit die Pflanzen genug Luft kriegen.“ Die meisten Witze sind auch auf der Rückfahrt so platt wie das Land. Der guten Laune tut das aber keinen Abbruch – im Gegenteil.

Dazu gibt es aber auch ein bisschen „Witzelogie“, also ulkkundliche Ahnenforschung. Dass Ostfriesen den Ostfriesenwitz ganz alleine erfunden haben, sei jedenfalls ein Witz, sagt Müller. Ostfriesische und Oldenburger Gymnasiasten waren es, die 1968 bei einem Schulausflug in einer West-Berliner Herberge dem Alkohol frönten und gegenseitig ihre Herkunftsregionen durch den Kakao zogen. Je leerer die Flaschen, desto doller die Zoten: Warum zieht ein Ostfriese ein Seil von Emden nach Oldenburg? Schieben geht nicht.

Zurück im niedersächsischen Ammerland ließ der spätere Professor und Angstforscher Borwin Bandelow seinen Schnapsideen im Schülerblatt „Trompeter“ freien Lauf und karikierte den „Homo ostfrisiensis“ als verschrobenen, trotteligen Hinterwäldler. Dank des selbstironischen ostfriesischen Blödelbarden Otto zahlte sich der Nonsens Jahre später vor allem für den Tourismus aus. Die „dösigen“ Friesen mussten fortan nicht mehr jeden Pfennig auf die Parkbank legen, um etwas Geld auf der Bank zu haben.

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Von Rysum bis ins Bauerndorf Pilsum fährt der Lachbus 15 Minuten. Nahe der wuchtigen Kreuzkirche reiht sich ein unscheinbares Häuschen ins idyllische Ortsbild ein, das eine Überraschung in sich hat. Über einen Pfad führt Holger Müller seine Gäste in ein Theater-Foyer im Hinterhaus. Während in Gläsern der Sekt perlt, wird backstage in der „Kleiderkammer“ gearbeitet. Platz für 54 Gäste bietet das „Sehr kleine Theater“, dessen Bühne nun zum Kasernenhof wird. „Das muss hier alles zack, zack gehen“ macht sich der vom netten Holger Müller zum Kommisskopf mutierte Komödiant selber Beine. „Stillgesessen!“, pfeift er, mit Barett, Stiefeln und Sonnenbrille als Ausbilder Schmidt verkleidet, die Spaßgesellschaft an. Er komme zwar ohne Waffe, aber mit dem Spezialauftrag, seinem Publikum mit Lachsalven einzuheizen.

Nach einer knappen Stunde darf die Stimmungskanone „Vollzug“ melden. Im Foyer werden noch einmal die Gläser gefüllt, bis der Befehl „Abmarsch und aufsitzen“ die Runde macht. Schluss mit lustig? Nein. Das endgültige Ende aller Belustigungen krönt – wie es sich in Ostfriesland gehört – eine Teezeit. Und ein Witz dazu geht auch noch: Welche Forderung der Französischen Revolution hat die Ostfriesen sofort überzeugt? „Lieber Tee.“