Skagen, Dänemark: Wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen

Der Leuchtturm Grå Fyr (Grauer Leuchtturm) bei Skagen steht am nördlichsten Landzipfel Dänemarks. Foto: Sven Hollerich  Foto: Sven Hollerich

Vom Leuchtturm am nördlichsten Landzipfel Dänemarks aus sehen Besucher, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen. Nicht das einzige Naturspektakel, das sich nahe Skagen finden lässt.

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. Puh! 207, 208, 209 – schließlich ist auch die 210. und letzte Stufe des höchsten dänischen Leuchtturms erklommen. Aus 50 Metern Höhe blickt man vom Grå Fyr (Grauen Leuchtturm) bei Skagen auf ein ganz besonderes Spektakel.

Der Leuchtturm Grå Fyr (Grauer Leuchtturm) bei Skagen steht am nördlichsten Landzipfel Dänemarks. Foto: Sven Hollerich  Foto: Sven Hollerich
Der Leuchtturm Grå Fyr (Grauer Leuchtturm) bei Skagen steht am nördlichsten Landzipfel Dänemarks. Fotos: Sven Hollerich, Visit Denmark/Kim Wyon  Foto:
An Dänemarks nördlichstem Landzipfel bei Skagen steht man mit einem Bein in der Nordsee und mit dem anderen in der Ostsee. Foto: Sven Hollerich  Foto: Sven Hollerich
An Dänemarks nördlichstem Landzipfel bei Skagen steht man mit einem Bein in der Nordsee und mit dem anderen in der Ostsee.  Foto:

Am Ende einer endlos langen Sandbank prallen die Wellen von Nordsee und Ostsee aufeinander. An schönen Tagen karren die eigentümlichen Sandormen (dänisch: Wattwürmer) – das sind Traktoren mit langen busähnlichen Anhängern – Heerscharen von Touristen auf die Landzunge. Schnell bildet sich dann eine lange Warteschlange, an deren Spitze ein immer wiederkehrende Ritual zu beobachten ist.

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In zwei Meeren gleichzeitig stehen

Rasch werden Schuhe und Strümpfe ausgezogen, die Hosenbeine hochgerollt und ab geht es in das sich kräuselnde Meer. Mit einem Bein steht man dann in der Nordsee (Skagerrak) und mit dem anderen in der Ostsee (Kattegat). Die klatschenden und peitschenden Wellen vermitteln den Eindruck eines Kampfes um die Oberhand. Welches Meer ist wohl das stärkere?

Im Naturcenter Skagen erfährt der interessierte Besucher, dass es gar nicht die Wellen der zwei Meere sind, die hier aufeinander losgehen – auch wenn man sich das als Tourist gerne so vorstellen möchte. „Unter der Wasseroberfläche sorgt die Topografie des Skagens Rev dafür, dass die Wellen der Nordsee bei starkem Westwind eine Wende von 180 Grad vollführen und von beiden Seiten gegen die Landzunge schlagen“, erklärt Naturguide Bo René Storm.

Europas größte Dünen-Areale

Egal, wie dem auch sei – Tatsache ist, dass Dänemark an diesem Zipfel durch die Sandbank immer ein Stück weiter ins Meer hinaus wächst. Und das um mehrere Meter pro Jahr. Vom Skagerrak streicht der Meeresstrom unaufhörlich in Richtung Nordosten die Küste entlang. Von der gesamten Küstenlinie wird Sand abgetragen, der sich am nördlichsten Punkt – an der Spitze der Landzunge wieder ablagert.

Dünen und Leuchttürme sind absolute Höhepunkte an der Küste Nordjütlands: Entlang der 400 Kilometer langen Nordseeküste von der deutsch-dänischen Grenze bis hinauf nach Skagen wartet das Königreich mit Europas größten Dünenarealen auf. Absolute Spitze ist Råbjerg Mile, die wohl imposanteste Wanderdüne der Welt.

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Zwei Kilometer lang und 800 Meter breit schiebt sich die Sandwalze über den Landzipfel vom Nordseestrand hinüber zum Kattegat. Wiesen, Weiden, Felder und Kiefern unter sich begrabend, walzt sie jedes Jahr unaufhaltsam rund zehn Meter weiter. Es ist der unentwegt pfeifende Seewind, der sie ostwärts treibt.

Dänemark wächst täglich

Da wundert es nicht weiter, dass die „Zipfelmütze“ Dänemarks ständig in Bewegung und erdgeschichtlich noch gar nicht so alt ist. Die Halbinsel ist auf der Höhe von Råbjerg Mile erst 5000 Jahre, bei Skagen erst 1400 Jahre alt und an der äußersten Spitze bei Grenen wächst Dänemark sogar noch täglich.

Viel höher als in der Dünenlandschaft geht’s in Nordjütland tatsächlich nicht hinaus – mit Ausnahme eben der Leuchttürme. Neben dem Grå Fyr bei Skagen gehört Rubjerg Knude Fyr zu den absoluten Höhepunkten: Lange Jahre war der südlich von Lønstrup inmitten der Wanderdüne gelegene Leuchtturm gesperrt.

Nach behutsamer Renovierung ist das Gebäude wieder frei für Besucher. Doch das Ende von Rubjerg Knude Fyr ist abzusehen: In 10 bis 15 Jahren droht der zur Hälfte von einer großen Wanderdüne bedeckte Leuchtturm durch die Erosion der Steilküste ins Meer zu stürzen. Die Geschichte ist einzigartig.

„Der 1900 in Betrieb genommene Rubjerg Knude Fyr wurde auf dem höchsten Punkt der jütländischen Steilküste rund 60 Meter über dem Meeresspiegel gebaut“, berichtet die nicht weit davon entfernt lebende Lærke Roonstedt. „Schon bald war der 23 Meter hohe Leuchtturm aber durch eine Wanderdüne bedroht und zeitweise sogar fast gänzlich von Sand bedeckt.“

1968 musste der Betrieb des Leuchtturms eingestellt werden. Heute sind Rudbjerg Knude Fyr und die ihn umgebende Natur eine der größten Touristenattraktionen Nordjütlands. Mit neuer Treppe, Aussichtsplattform und einem Kaleidoskop im Turminneren lädt „Knude“ wieder ein, um über den Dingen – pardon, über der Küste, zu stehen.

Von Sven Hollerich