Sachsen-Anhalt: Entdeckungen am Bernsteinsee

Die Villa am Bernsteinsee ist heute ein Hotel und Restaurant. Foto: Carsten Heinke

Eine wunderschön renaturierte Landschaft rund um die Goitzsche macht das ehemalige Bergbaurevier bei Bitterfeld zu einem einmaligen Erholungsgebiet.

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. Still ruht der Große Goitzschesee an diesem Morgen. Ein Schwanenpaar zieht seine Bahn und zeichnet Wellenkringel auf das Wasser. Aus dem scheint sich wie eine riesige Schraube der Pegelturm emporzudrehen. Doch die einzige Bewegung, zu der das 26 Meter hohe Stahlbauwerk tatsächlich im Stande ist, folgt nicht der Spiralform, sondern dem Wasserstand des Sees. Mit Menschensinnen ist sie gar nicht wahrnehmbar.

Die Villa am Bernsteinsee ist heute ein Hotel und Restaurant. Foto: Carsten Heinke
Die restaurierte MS Reudnitz, ein historisches Plattbodenschiff, kann für Rundfahrten auf dem Goitzschesee gechartert werden. Foto: Carsten Heinke
Jana und Guido Herrmann nutzen das sommerliche Wetter für eine Fahrradtour rund um den Goitzschesee. Foto: Carsten Heinke
Wahrzeichen des Goitzschesees ist der Pegelturm. Foto: Carsten Heinke

Auch wer die 144 Stufen bis nach ganz oben steigt, hat nicht das Gefühl, sich auf einer teils flexiblen Konstruktion zu befinden. Denn alles, was man von außen sehen kann, ist zwar mit Stützen fest in einem Bodenfundament verankert, schwimmt aber auf der Wasseroberfläche – und steigt und sinkt mit ihr.

„Land in Sicht“, ruft ein sportlicher Großvater, der den Pegelturm mit seinem Enkelsohn erklommen hat. Die beiden sind an diesem Tag aus dem Umland nach Bitterfeld gekommen, um Seemannsabenteuer zu erleben. Die Aussichtsplattform dient in ihrem Spiel als Mastkorb eines großen, alten Segelschiffes. Von dort aus schauen sie inmitten silbergrauer Fluten auf die grüne Küste, den Seeräuberspielplatz am Strand und das historische Plattbodenschiff „MS Reudnitz“, das für kleine Freizeitpiraten wie geschaffen ist.

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Von fern grüßt sie der Bitterfelder Bogen. Das 81 Meter lange, 28 Meter hohe Stahlbauwerk in Form einer Bogenbrücke thront auf einer ehemaligen, mittlerweile dicht bewachsenen Abraumhalde. Als weitere Aussichtsgelegenheit lädt das begehbare Kunstobjekt zu noch mehr Panoramablicken ein. Seit seiner Fertigstellung 2006 ist es das Wahrzeichen der Stadt Bitterfeld-Wolfen.

Augenblicklich interessanter für das Kind ist aber der nahe Hafen, wo neben vielen Segelbooten und kleineren Yachten das Ausflugsschiff „MS Vineta“ ankert. Das Schlösschen dahinter, bis zum Zweiten Weltkrieg Wohnsitz reicher Fabrikanten, ist jetzt ein Hotel und Restaurant.

Der Name des im Neorenaissance- und Neogotikstil errichteten Gebäudes – „Villa am Bernsteinsee“ – weckt noch mehr Entdeckerlust. Schließlich gilt der ehemalige Braunkohle- und Bernsteintagebau, aus dem die heutige Seenlandschaft in den 1990er-Jahren entstand, noch immer als eine der weltweit größten Lagerstätten des fossilen Harzes. Von der Entdeckung des Vorkommens, 1974, bis zur Einstellung der Förderung, 1993, wurden hier insgesamt 408 Tonnen Rohbernstein gewonnen. Auf etwa 700 Tonnen wird die verbliebene Menge geschätzt.

Die größte Kollektion von Bitterfelder Bernstein, darunter zahlreiche Raritäten mit Tiereinschlüssen, befindet sich im Besitz des Museums für Naturkunde in Berlin. Einige der begehrten Fundstücke, unter anderem den seltenen schwarzen Bitterfelder Bernstein, kann man aber auch am Großen Goitzschesee im Infopunkt an der Bernsteinpromenade besichtigen.

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Gleich daneben betreibt Cordelia Mertn ihren Fahrradverleih am Pegelturm. Die ersten Kunden des Tages sind ein Ehepaar aus Bayern. „Wir staunen immer wieder und freuen uns, wie schön das alles hier geworden ist“, schwärmt Jana Herrmann. Die gebürtige Bitterfelderin und ihr Mann Guido leben seit 1991 in der Nähe von München. Jedes Mal, wenn sie in die alte Heimat kommen, zieht es die beiden an die Goitzsche.

Der Name, der jetzt sowohl den See als auch die Landschaft rundherum bezeichnet, bedeutet „Gottes Aue“. Er geht zurück auf die Sorben, ein slawisches Volk, das sich zu Beginn des siebten Jahrhunderts in weiten Gebieten östlich der Elbe niederließ und viele Orte gründete, darunter auch Bitterfeld und Leipzig. Mit Beginn der Braunkohleförderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich der Landstrich drastisch. Ganze Dörfer fielen dem Bergbau zum Opfer. Die sozialistische Planwirtschaft der DDR schließlich verwandelte das 62 Quadratkilometer große Areal in eine Mondlandschaft.

„Ich erinnere mich noch gut, wie schmutzig, karg und trostlos es zu DDR-Zeiten hier war“, sagt die 51-jährige Jana Herrmann, die am Rand des einstigen Kohlelochs ihre Kindheit verbrachte. „Alles war dreckig, der Staub kroch überall hinein. An manchen Tagen hatte man Kohlestückchen in den Haaren“, erinnert sich die Frau. Sie war sehr glücklich, als sie erfuhr, dass das Gebiet nach der Wende rekultiviert werden sollte.

Heute will das Paar den See mit dem Fahrrad ganz umrunden. „Wenn Sie bei dieser Hitze nicht die ganze Zeit in der Sonne fahren wollen, machen Sie doch einen Abstecher durch den Goitzsche-Wald“, rät Cordelia Mertn. Die Geschäftsfrau, die hier seit fast 14 Jahren Fahrräder und Tretmobile verleiht, kennt die Gegend mit all ihren Wegen, Seen, Attraktionen und Einkehrmöglichkeiten bestens. Gern gibt sie ihr Wissen an die Radtouristen weiter.

Entlang der Bernsteinpromenade zwischen Feriendorf und Liegestelle des „Piratenschiffs“ füllen sich allmählich die Lokale. Am Strand und auf dem Spielplatz herrscht entspannte Urlaubsatmosphäre – ebenso wie ein Stück weiter im Strandbad Mühlbeck, das neben einer kuscheligen Beachbar auch Sonnenbetten zum gepflegten Nichtstun bietet.

Wer Action sucht, wird im Wakepark Goitzsche fündig. Der Wassersport- und Freizeit-Hotspot am Ostufer des Sees gehört mit seiner topmodernen Sechs-Mast-Wakeboard-Anlage zu den gefragtesten in ganz Ostdeutschland. Erlernen kann man die mit dem Wasserski verwandte Sportart am besten, wenn man sie einfach ausprobiert. Und das tun Menschen aller Altersklassen.

„Das Einzige, was man dazu können muss, ist, eine Leine zu halten und zu schwimmen“, sagt Niklas Jung, der Chef. Das Team um den 22-Jährigen hilft gerne dabei. Aber auch wer nur oder erst mal schauen möchte, ist hier willkommen.

Von Carsten Heinke