Radeln in Indiens Reisfeldern

Keralas Backwaters erstrecken sich über hunderte von Quadratkilometern zwischen Kochi im Norden und Kollam im Süden bis nach Kottayam im Osten.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb

Flüsse, Kanäle und Seen verteilen sich über hunderte von Quadratkilometern – Keralas Backwaters erstrecken sich von Kochi im Norden bis Kollam im Süden und Kottayam im...

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. Flüsse, Kanäle und Seen verteilen sich über hunderte von Quadratkilometern – Keralas Backwaters erstrecken sich von Kochi im Norden bis Kollam im Süden und Kottayam im Osten. Ein einzigartiges Geflecht von Wasserstraßen inmitten saftig grüner, tropischer Landschaft, das bei keiner Südindien-Rundreise fehlen darf. Die ersten Hausboote waren umgebaute Reisbarken, heute tuckern angeblich mehr als 1000 Ausflugsboote aller Größen herum, von der kleinen Shikara für fünf bis sechs Fahrgäste bis zum doppelstöckigen Luxuskreuzer aus Edelholz mit Klimaanlagen in den Kabinen.

Keralas Backwaters erstrecken sich über hunderte von Quadratkilometern zwischen Kochi im Norden und Kollam im Süden bis nach Kottayam im Osten.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb
Bei geführten Fahrradtouren radeln Touristen am besten gemeinsam mit einem Guide auf den Dammwegen zwischen Fluss und Reisfeldern.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb
Ein Bauer auf einem Reisfeld.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb

„Eine Backwater-Tour ist sicher gemütlich und interessant, aber das ist Kerala vom Sofa aus. Das tägliche Leben ist anders“, erklärt Ashok, ein erfahrener Reiseleiter aus Fort Kochi seinen Gästen. Als authentische Verkehrsmittel empfiehlt er deshalb das Tuktuk, die dreirädrige Motorrikscha – und das Fahrrad. „Aber ohne Guide geht’s nicht, zumindest nicht für unerfahrene Kerala-Besucher“, ergänzt Ashok.

Also erst mal mit dem Tuktuk rein ins indische Alltagsleben – zumindest ein bisschen. Startpunkt ist die Stadt Alappuzha, die aber die meisten noch nach ihrem alten Namen Alleppey nennen. Alleppey ist der Haupthafen für Hausboottouren aller Art, von ein bis zwei Stunden bis zu mehreren Tagen.

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Indien ist unglaublich. „Incredible India“ – dieser Werbeslogan des indischen Fremdenverkehrsamts kommt dem Besucher auch hier mehrmals täglich in den Sinn, im Positiven wie im Negativen. Der alltägliche Verkehr ist ein lautes, abgasreiches Chaos aus drängelnden Autos, ächzenden Bussen, schnellen Mopeds, langsamen Tuktuks, noch langsameren Radfahrern und ganz langsamen Fußgängern, dazwischen hin und wieder ein Hund oder eine Kuh. An besonders lebhaften Kreuzungen stehen Polizisten mit Mundschutz und regeln die Vorfahrt. Irgendwie funktioniert es.

Allerdings sind Tuktuk-Fahrer bekannt für rudimentäres Englisch und ausgeprägten Geschäftssinn. Deshalb kommt von vorne alle paar Minuten die unvermeidliche Frage: „Shopping? You like Kashmiri jewelleries?“ Bis zum Ziel folgen einige nicht eingeplante Stopps, etwa an einer katholischen Kirche. Das ist durchaus freundlich gemeint. Der Fahrer will den christlichen Gästen doch die vielen kitschig-herausgeputzten katholischen Kirchen zeigen, auf die man so stolz ist in Kerala. Viele der Bewohner sind sehr religiös, egal ob Christ, Hindu oder Moslem.

Die Tuktuk-Fahrt zur Fahrradstation entwickelt sich so durchaus zur kleinen Stadtrundfahrt, inklusive kurzem Stopp am Strand. Da sich die Einheimischen hier so gerne treffen, wollen die Besucher sicher auch etwas schlendern – denkt der Tuktuk-Chauffeur. Tatsächlich trifft man sich am Sandstrand, auch schon tagsüber: Man unterhält sich, isst ein Eis oder Bananenchips, lacht, kreischt, flirtet, stellt sich bis zu den Knöcheln in die Fluten. Die Stimmung ist fröhlich. Nur die rostigen Eisenpfähle, die Reste des ehemaligen Piers aus der englischen Kolonialzeit, wirken etwas traurig. Aber einige Einheimische sehen das durchaus positiv: „Sieht doch aus wie zeitgenössische Kunst!“

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Mit kleiner Verspätung erreicht das Tuktuk dann doch noch die Fahrradstation. Guide Damon schraubt dort noch an den Mountainbikes. Warum eigentlich Räder fürs Gelände? Die Antwort darauf ergibt sich nach den ersten Kilometern von selbst. Damon fährt in seiner Freizeit Radrennen und hat wohl auch schon ein paar Medaillen erradelt.

Mit seinen Gästen lässt er es eher ruhig angehen. Aber dafür warten andere sportliche Herausforderungen. So geht es zum Beispiel kurz nach dem Start mit dem Fahrrad huckepack eine steile Treppe hinauf zu einer Kanalbrücke. Darunter tuckern Backwater-Fähren und Ausflugsboote hindurch. Damon lotst seine Schäfchen an den Kanälen entlang, vorbei an Hausbootwerften und Bootswerkstätten. Dort wird lautstark gehämmert, gesägt, geschweißt und diskutiert. An Arbeitskräften scheint jedenfalls kein Mangel zu sein.

Aus Alleppey hinaus werden die Wege immer schmaler und holpriger. Die Spur ist der Dammpfad zwischen Fluss und Reisfeldern, riesig wie 20 Fußballplätze nebeneinander, mal abgeerntet und matschig, mal leuchtend grün. Auf dem Wasser fahren Hausboote vorbei, alle im Baustil der alten Reisbarken. Am Ufer steht eine alte Frau mit einer simplen Angel und versucht ihr Glück, eine andere wäscht die Wäsche im Fluss, wieder eine andere sich selbst. Nach Trinkwasser sieht die braune Brühe nicht unbedingt aus. Ein Bauer verscheucht die Reiher aus dem Reisfeld. Wie Bushaltestellen gibt es alle paar Kilometer Fähranleger mit Bänken am Ufer.

Auch auf den Dammwegen herrscht etwas Verkehr, zumindest kommen ständig Fahrräder, Mopeds und manchmal sogar Tuktuks entgegen. Da bleiben die Touristen lieber öfter stehen, als waghalsig auszuweichen. Vielleicht deshalb, weil Damon so am Rande erzählt hatte, dass es in den Reisfeldern nur so vor Schlangen wimmele. Das schießt ihnen sofort wieder in den Sinn, als kurz darauf der Weg zwischen Bananenbäumen und Palmen in einer riesigen Pfütze verschwindet. Mit nassen Füßen geht es weiter zu einem kleinen Flusskiosk. Dort gibt es Masala Chai, einen indischen Tee mit Milch und Gewürzen.

„Hello! Hello!“ schallt es plötzlich von allen Seiten. Vor allem die Kinder freuen sich über den Anblick von Touristen auf dem Fahrrad, und das hier auf dem Dorf. Viele der Häuschen am Wasser sehen in ihren leuchtenden Farben richtig einladend aus. Nur möchte man gar nicht wissen, wie viele Moskitos hier mitwohnen. Kitschig romantisch zeigen sich die Backwaters, wenn abends der rote Sonnenball hinter Reisfeldern und Kokospalmen versinkt.

Wenn da nur nicht der Rückweg wäre. Damon lotst seine Gäste durch die Rush Hour von Alleppey. Der Slalom durchs Verkehrschaos ist Mutprobe und Abenteuer zugleich. „Wer hier unbeschadet Rad fahren kann, kann überall fahren.“ Ob er da seinen Gästen nicht zu viel zumutet? Eine der Teilnehmerinnen jedenfalls sagt nach überstandener Rückfahrt: „Eine grandiose Backwater-Tour. Aber ich werde nie wieder mit dem Fahrrad durch eine indische Stadt fahren.“

Von Armin Herb