Paddeltour im Spreewald

Die Wasserstraßen im Spreewald sind selten tiefer als einen Meter. Selbst ungeübte Paddler fühlen sich da sicher.Foto: Marc Vorsatz  Foto: Marc Vorsatz

Fast lautlos gleitet das Kajak durch die frühlingshaften Alleen aus Ulmen, Erlen und Sträuchern am Ufer. Überall sprießen die ersten Knospen und verkünden die neue Saison....

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. Fast lautlos gleitet das Kajak durch die frühlingshaften Alleen aus Ulmen, Erlen und Sträuchern am Ufer. Überall sprießen die ersten Knospen und verkünden die neue Saison. Die allerersten Spreewaldkähne und Wasserwanderer sind bereits unterwegs. Jetzt, in der Vorsaison freut man sich noch über die recht seltene Begegnung. Das Eintauchen der Paddel ins weiche Wasser der idyllischen Quaaspree erzeugt ein sanftes Geräusch – fast meditativ, einem Mantra gleich. Das kann nicht mal den blaugefiederten Eisvogel aus der Ruhe bringen. Der sonst so scheue Zeitgenosse scheint genau zu wissen, dass so ein Paddelboot nichts taugt für flotte Wendemanöver. Er bleibt daher seelenruhig im Ufergebüsch sitzen.

Die Wasserstraßen im Spreewald sind selten tiefer als einen Meter. Selbst ungeübte Paddler fühlen sich da sicher.Foto: Marc Vorsatz  Foto: Marc Vorsatz
Die Schleusen muss man selbst bedienen. Das ist für viele das Aufregendste an der Tour.Foto: Marc Vorsatz  Foto: Marc Vorsatz

So nahe haben die Hobbypaddler den seltenen Vogel noch nie zu Gesicht bekommen, misst der Kanal doch nur wenige Meter in seiner Breite. Und überhaupt, im Unesco-Biosphärenreservat Spreewald klingt einiges größer, als es in Wirklichkeit ist: Puhl- und Schiwastrom etwa oder gar Brandenburger Amazonas. Amazonas? Ja, dieses merkwürdige Synonym für die Hauptspree stammt wohl aus der Feder eines überhitzten Marketingstrategen und passt so gar nicht in dieses Kleinod, das die Besucher doch gerade mit seinen Miniaturkanälen, Stichgräben, Fließen und Flüsschen verzaubert. Selten sind diese tiefer als einen Meter, manche messen nur zwei, drei Meter in der Breite. Selbst ungeübte Eintagspaddler fühlen sich da sicher.

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Pfeilkraut und Schilf säumen dicht die Ufer. Ein Fischreiher steht seelenruhig auf einem Bein und wartet auf den Fang des Tages. Dann wird es ihm doch zu eng mit den ersten Eindringlingen des Jahres in seinem Revier. Geräuschvoll erhebt sich der Reiher in die Lüfte und sucht das Weite.

Die Wasserwanderer hingegen suchen einen gedeckten Frühstückstisch im Unterspreewald. Dieser Teil des Schutzgebietes wird traditionell weit weniger besucht als die Hochburgen des Spreewaldtourismus rund um Lübben und Lübbenau. Im Hauptort Schlepzig, auf Niedersorbisch Slopišca, hofften sie eigentlich fündig zu werden. Doch dazu müssten sich die Paddler schon in den Ort bemühen. Der nahe Imbiss „Glück auf“ am Hafen steckt scheinbar noch im Winterschlaf. Ein Schild gibt Auskunft: „Wenn du Glück hast, ist offen, wenn Tür zu: Liegt der Kneiper Heeme uff Couch.“ So klingt gelebte Ostalgie.

Nur gut, dass sich die Wasserwanderer vorsorglich mit einem Lunchpaket versorgt hatten. Man kann ja nie wissen. Heißer Kaffee aus der Thermoskanne. Wie der duftet… und die Käsesandwiches. In keinem Gourmetrestaurant der Welt könnten die jetzt besser schmecken als auf der Wiese des Wasserwanderrastplatzes im verschlafenen Kahnhafen.

So gestärkt beschließen die Paddler, ein paar Runden durch die fast menschenleeren Wasserwege des Unteren Spreewaldes zu drehen, um es sich gegen Mittag im Landgasthof Schlepzig mit fangfrischem Spreezander, Blumenkohl und Rosmarinkartoffeln richtig schmecken zu lassen. Gute Wahl. Der Kneiper vom „Glück auf“ scheint noch immer auf seiner Couch zu dösen. Soll er.

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Ein Verdauungsspaziergang durch das Bauernmuseum gewährt auf anschauliche Weise einen Einblick in den oft harten Alltag der Spreewaldbauern des vorigen Jahrhunderts. Zwar machten immer wieder mal Hochwasser und sogar saisonale Dürren den Menschen der Region zu schaffen, doch Hungern musste in jüngerer Vergangenheit kaum noch jemand. Das Labyrinth mit seinen insgesamt 970 Kilometern Wasserwegen bescherte den Fischern von je her reichlich Weißfisch, Aal, Hecht, Zander, Barsch, ja sogar hin und wieder mal einen kapitalen Wels. Und den Bauern auf den hydromorphen Böden satte Gurkenernten. Bis heute ein begehrtes Handelsgut. Mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ verhalf Theodor Fontane den legendären Spreewaldgurken gar zu einem Platz in der Weltliteratur: „Die Spreewaldprodukte haben nämlich in Lübbenau ihren vorzüglichsten Stapelplatz und gehen erst von hier aus in die Welt. Unter diesen Produkten stehen die Gurken obenan.“

In Richtung Lübbenau führt auch die Hauptetappe. Gut 20 Kilometer und ein paar Schleusen aus längst vergangenen Tagen liegen nun vor den Freizeitsportlern. Nicht ganz ohne, müssen sie doch stromaufwärts gegen eine sehr moderate Strömung anpaddeln. Die Schleusen muss man übrigens selbst bedienen. Für viele das Aufregendste an so einer Tour. Belohnt werden die Paddler mit urwüchsiger Natur, die gerade zu neuem Leben erwacht. Sie ist eingebettet in eine Kulturlandschaft, in der Rehe, Wildschweine, Schwäne, Enten, Frösche und Störche zu Hause sind. Ja sogar einen flüchtigen Blick auf einen scheuen Biber kann man mit sehr viel Glück erhaschen. Das ist selbst im Spreewald eine echte Seltenheit. Erst im Jahre 2003 haben sich hier wieder die ersten Tiere von der Oder her kommend angesiedelt. 150 Jahre lang war die Auen- und Moorlandschaft biberfrei. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Mensch die letzten ihrer Art abgeschlachtet, heute stehen sie unter strengem Schutz.

Als die Sonne langsam beginnt, immer längere Schatten übers Wasser zu werfen, wird es empfindlich kalt. Dafür rückt der kulinarische Höhepunkt des Spreewaldes in greifbare Nähe: Nach einem Schwitzbad in einem russischen Dampfbad und einer ausgiebigen Massage lassen sich die Hobbysportler erschöpft aber glücklich im Hotelrestaurant „17fuffzig“ von Sternekoch Oliver Heilmeyer verwöhnen. Gebeizte Taubenbrust an Süßkartoffel und Pfeffer-Olivenjus. Köstlich! Der Schweizer Maître de Cuisine, der sich schon am baden-württembergischen Schluchsee einen Namen gemacht hat, setzt konsequent auf regionale Produkte und Bodenständigkeit. So zählt frisches, kalt gepresstes Leinöl aus dem Spreewald zu seinen absoluten Lieblingsölen.

Die Küche der Region ist ohnehin um Längen besser als ihr Ruf. Das wusste auch schon Theodor Fontane. Bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg im Spreewald angekommen, notiert der Feingeist: „Die Gelegenheit erscheint mir günstig, überhaupt die Bemerkung zu machen, dass unsere verschriene Mark ein wahres Eldorado für Feinschmecker ist.“

Von Marc Vorsatz