New York: Der Ort des Attentats ist heute eine Sehenswürdigkeit

Blick aus dem Inneren des One World Trade Centers auf New York City. Fotos: Petra Neumann-Prystaj

Sie bleiben unvergessen, die Opfer des Anschlags vom 11. September 2001. Im 9/11-Memorial-Museum erklingen heute Tonbandaufnahmen ihrer letzten Worte.

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. Während die überbesetzte U-Bahn mit einem Affentempo durch den Untergrund von Manhattan brettert, der Station am ehemaligen „Ground Zero“ entgegen, sind die Mitfahrenden wie Süchtige in ihre kleine Handy- und Kopfhörer-Welt versunken. Nur nichts hören, nichts sehen und die auf Kaltluft gestellte Klimaanlage ignorieren. Auf der Sitzbank gegenüber könnte sich eine Liebesgeschichte anbahnen. Das Paar passt optisch so gut zusammen, als hätte eine Agentur die beiden für die West Side Story gecastet. Aber anders als in einem Hollywoodfilm nehmen sie im wahren Leben keine Notiz voneinander. Gegen die Faszination von Mobile Phones können Amors Pfeile nichts ausrichten.

Blick aus dem Inneren des One World Trade Centers auf New York City. Fotos: Petra Neumann-Prystaj
Blick aus dem Inneren des One World Trade Centers auf New York City. Foto: Petra Neumann-Prystaj
Blick in den teuersten Bahnhof der Welt, eine Kathedrale  in weißem Marmor.
Blick in den teuersten Bahnhof der Welt, eine Kathedrale  in weißem Marmor. Foto: Petra Neumann-Prystaj

Willkommen in New York, der Stadt mit dem Pulsschlag kurz vor dem Kollaps. Der Stadt des Lärms, des bunten Völkergemischs, der riesigen Essensportionen und des Traumas vom 11. September 2001. Längst gehört der Ort des Attentats auf die westliche Welt zu den Sehenswürdigkeiten, die ein Tourist heutzutage besucht haben muss. Ein Ort, an dem Trauer, aber auch Größenwahn eine typisch amerikanische Verbindung eingehen, beides natürlich perfekt inszeniert.

Vor dem dunklen Gedenkbrunnen „Reflecting Absence“ (auf Deutsch „die Abwesenheit widerspiegeln“) mit den eingravierten Namen der Opfer rätseln Besucher, was wohl die in die Buchstabenvertiefungen gesteckten einzelnen weißen Rosen zu bedeuten haben. Es sind Happy-Birthday-Grüße. Sie erinnern daran, dass die mit Blumen Geehrten heute wahrscheinlich Geburtstag feiern könnten, wenn sie nicht vor 17 Jahren durch Terroranschläge radikal-islamistischer Attentäter getötet worden wären. Die vielen Namen stehen für rund 3000 Schicksale.

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Symbol für die Überlebenskraft einer Stadt, die sich nicht unterkriegen lässt und als Siegerin auftrumpft, ist eine inzwischen legendäre chinesische Wildkirsche. Der von Trümmern beschädigte, fast vernichtete Baum wurde von Gärtnern sorgsam aufgepäppelt, zeigt sich jetzt, wie durch ein Wunder, im grünen Blätterkleid und ist zu einem beliebten Fotomotiv geworden. Zwei Gedenkbrunnen bedecken die Grundrisse der zerstörten beiden World-Trade-Zwillingstürme. Neun Meter tief rauschen künstliche Wasserfälle von den Rändern herab. Das Wasser fließt in ein quadratisches Loch in der Mitte und verschwindet im Dunkeln, im Nichts. Der von so viel Symbolik beeindruckte Tourist erlebt ein Wechselbad der Gefühle. Im 2014 eröffneten 9/11-Memorial-Museum wird er mit voller Wucht mit dem Leid der Opfer und Helfer konfrontiert. 10 000 Gegenstände machen die Tragödie sieben Stockwerke unter der Erde erlebbar. In der „Kapelle“ bekommt jedes Opfer einen Namen und ein Gesicht. Eingespielt werden Interviews mit Verwandten, die erzählen, wie sehr sie ihren Vater oder die Freundin vermissen. Anrufbeantworter speicherten die zu Herzen gehenden Abschiedsbotschaften von Menschen, die nur noch wenige Minuten zu leben hatten. Hier erklingen ihre für immer verstummten Stimmen jeden Tag. Im Museum wird aber nicht nur an die Toten erinnert. Auch an diejenigen, die sich zufällig in der Umgebung der Türme aufhielten, Staub und Giftstoffe einatmeten und seitdem massive Gesundheitsprobleme haben.

Wenn der von den schmerzlichen Eindrücken noch benommene Tourist aus der Unterwelt ans Tageslicht tritt, erlebt er eine Art Wiedergeburt. Er sieht die von dem spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava entworfene, vor zwei Jahren eröffnete U-Bahn-Station Oculus vor sich. Dieser teuerste Bahnhof der Welt hat 3,8 Milliarden Dollar gekostet, etwa viermal so viel wie die Hamburger Elbphilharmonie. Die extravagante Dachform wird gern mit dem Flügel einer Friedenstaube verglichen, Gehässige sehen in ihr aber auch ein Skelett. Das Gebäude aus Stahl, Glas und italienischem Marmor erstrahlt in edelstem Weiß und gleicht einer Kathedrale, die so übermächtig viel Raum beansprucht, dass sich die Menschen darin klein und unbedeutend fühlen. In der Transit Hall setzen sich Boutiquen der internationalen Luxuslabels in Szene.

Wenige Schritte weiter erhebt sich der mit 541 Metern Höhe größte Turm der westlichen Welt, das One World Trade Center. Die Höhe – 1776 Fuß – wurde festgelegt, weil die Zahl an das Jahr der Unabhängigkeitserklärung erinnert. Mit dem Aufzug, in dem in atemberaubender Schnelligkeit Videobilder aus der Geschichte New Yorks aufeinanderfolgen, gelangt man in nur 47 Sekunden zu den Aussichtsetagen. Hier liegt die Stadt dem Besucher rundherum zu Füßen. Bei guten Wetterbedingungen kann er sogar bis 80 Kilometer in die Ferne sehen. Die Stadt kokettiert mit ihren Wolkenkratzern. Nach der Schockstarre, die auf den 11. September 2001 folgte, gab es in Manhattan einen Wachstumsschub. Noch mehr Hochhäuser, noch mehr Hotels, noch mehr Bewohner. Trotz der überzogen hohen Mieten.

Zurück auf die Straße. Auf dem Trottoir schläft am helllichten Nachmittag, von den Passanten geflissentlich übersehen, ein junger Mann. Auf dem Schild vor ihm steht, dass er 19 Dollar braucht. Damit könnte er eine Übernachtung in einer Jugendherberge bezahlen.