Mit dem Schiff die Meereswelt der Malediven entdecken

Unbewohnte Eilande mit Traumstränden und Palmen: Das ist die Inselwelt der Malediven. Foto: Katja Hink  Foto: Katja Hink

Die „Divemaster“ wiegt sich auf dem spiegelglatten Meer. Der Kaffee dampft in der Tasse, das Frühstück steht bereit. Da bimmelt durchdringend die Glocke, mit der die...

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. Die „Divemaster“ wiegt sich auf dem spiegelglatten Meer. Der Kaffee dampft in der Tasse, das Frühstück steht bereit. Da bimmelt durchdringend die Glocke, mit der die Passagiere ansonsten zu den Mahlzeiten gerufen werden. Doch diesmal geht es nicht ums Essen, sondern um die Delfine, die nur noch wenige Meter vom Schiff entfernt schwimmen und vom Frühstückstisch aus gut zu beobachten und zu fotografieren sind. Es sind Spinner-Delfine, die von der nächtlichen Jagd nach Futter im Indischen Ozean in den Schutz des Atolls zurückkehren.

Unbewohnte Eilande mit Traumstränden und Palmen: Das ist die Inselwelt der Malediven. Foto: Katja Hink  Foto: Katja Hink
Der Meeresbiologe Dr. Robert Charles Anderson lebt und arbeitet seit 1983 auf den Malediven.Foto: Katja Hink  Foto: Katja Hink

Elf Tage dauert die Schiffsreise von Malé, der Hauptstadt der Malediven, bis zum Thaa-Atoll weit im Süden des Inselstaates und wieder zurück. Elf Tage voller Delfine, Wale, fliegender Fische, unberührtem Sand auf winzigen Eilanden, Schnorcheln morgens und abends. Zehn sternklare Nächte auf dem Wasser, scheinbar mitten im Nirgendwo. Aber auch elf Tage mit Vorträgen, in denen der britische Meeresbiologe und Reiseleiter Dr. Robert Charles Anderson (59)seinen 14 Gästen einen Einblick in die Geschichte, Geologie und Meereswelt der Malediven gibt, und so die Augen der Gäste für die Schönheit der Natur öffnet. Er berichtet aber auch vom kommerziellen Fischfang im Indischen Ozean. Hier sterben in den Netzen der Fischerboote jedes Jahr zehntausende Delfine, Wale, Schildkröten und andere Tiere als sogenannter Beifang. Dass sich das ändert, dass der Fischfang nachhaltiger wird, dafür setzen Anderson und weitere Forscher sich ein. Mit seinen Reisen schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe, denn gleichzeitig dienen sie der Erforschung der Wale und Delfine. Im Lauf von 20 Jahren ist so eine beachtliche Datensammlung entstanden.

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Tagsüber kreuzt das Schiff zum Zweck der Naturbeobachtung, nachts wird an geschützten Stellen in den Atollen geankert. Für die Besatzung des 30 Meter langen Schiffes ist diese Art des Reisens ungewöhnlich: Normalerweise beherbergt die Divemaster Taucher. Aber statt nur von einer Tauchgelegenheit zur nächsten zu fahren, wird hier gekreuzt, und auch mal im Kreis gefahren, um beispielsweise Delfingruppen länger beobachten zu können. Dabei kommen die Tiere bis ans Schiff, denn manche lieben es, auf der Bugwelle regelrecht zu surfen. Und Pilotwale stecken gerne den Kopf aus dem Wasser, um das Schiff genau anzuschauen.

Die erste Hälfte der Reise führt auf der Ostseite des Inselstaates nach Süden am Vaavu- und Meemu-Atoll vorbei bis zum weit im Süden gelegenen Thaa-Atoll. Dieses wird im Süden umrundet. Auf der Westseite des Atolls fährt das Schiff nun wieder nach Norden. Im Faafu-Atoll biegt es nach Osten ab, denn am südlichen Ende des Vaavu-Atolls befindet sich das längste Riff der Malediven, ein beliebter Sammelpunkt von Delfinen. An der Ostseite des Atolls kehrt die Divemaster wieder nach Malé zurück. Eigentlich sollte auf der Westseite des Inselstaates zurückgefahren werden, aber eine Gruppe von sechs Orcas (Killerwalen) erzwingt eine Planänderung werden: „Die Orcas sind die gefürchtetsten Raubtiere des Meeres, sie treiben die Delfine vor sich her“, erläutert der Biologe. Die Folge: Das Gewässer ist auf einmal wie leer gefegt. Einen Tag lang fährt die Divemaster in Richtung Norden, ohne dass ein Wal oder Delfin zu sehen ist. Charles Anderson beschließt daher, den Kurs nach Norden auf der Ostseite der Malediven fortzusetzen. Kaum ist das Schiff sozusagen nach rechts abgebogen, lassen sich auch schon wieder Spinnerdelfine blicken.

Dass die Malediven immer noch ein Paradies für Taucher und Schnorchler sind, hänge mit einigen Schutzmaßnahmen zusammen, erklärt Anderson. „Zu den Schlüsselfaktoren zählt das Verbot, mit Harpunen zu fischen. Deswegen gibt es noch reichlich Rifffische wie Papageien- oder Doktorfische, die in den meisten anderen tropischen Reisezielen selten geworden sind.“ Auch der Schutz von wichtigen Arten wie Mantas, Walhaien und Meeresschildkröten trage dazu bei, dass diese Tiere einfach zu sehen sind. Der Schutz sei effektiv, betont Anderson, da die Malediven die traditionelle Leinen-Thunfisch-Fischerei betreiben. „Und es gibt ein lange bestehendes Verbot für die meisten Formen der Netz-Fischerei, die in anderen Ländern so zerstörerisch wirkt.“

So findet man sich nach dem Sprung vom Beiboot so manches Mal im glasklaren Wasser inmitten von Fischschwärmen wieder. Die Tiere stören sich nicht an den ungewohnten Besuchern. Die bunten und beachtlich großen Papageienfische nagen laut hörbar Algen von den Korallen ab, die Clownsfische pflegen ihre Anemonen, die Doktorfische verteidigen geschäftig ihr Revier. Muränen lassen sich von Putzerfischen die Zähne reinigen, ein Tintenfisch tarnt sich als graue Koralle, nur sein Auge verrät ihn. Ab und zu zieht ein Riffhai vorbei – für die Schwimmer ungefährlich. Manchmal schweben Adlerrochen und Mantas majestätisch in der Tiefe am Riff entlang. Auch verschiedene Arten von Meeresschildkröten sind hier zu Hause.

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Robert Charles Anderson hat im Laufe der Jahrzehnte 1500 Fischarten gezählt und darüber mehrere Bücher veröffentlicht. Er ist sich sicher, dass noch immer nicht alle Fischarten entdeckt worden sind. „Ich habe Notizen über meine Sichtungen nun über 20 Jahre gesammelt. Jetzt muss ich die Daten analysieren, das wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Was ich sagen kann, ist, dass es im Lauf von 20 Jahren weniger Sichtungen des Unechten Schwertwal gibt, dafür aber mehr Orcas.“ Seine Gäste ahnen die Bedeutung solcher Erkenntnisse, denn sie haben auf der Reise gelernt, dass beide Schwertwal-Arten als Delfinjäger nebeneinander an der Spitze der Nahrungskette stehen.

Die Tage vergehen schnell auf dem Schiff, ständig tönt der Ruf „Dolphin“ oder „Whale“ über das Deck. Manchmal bleibt kaum Zeit zum Essen, will man nichts verpassen. Sogar wenn es eigentlich schon dunkel ist, bietet die Natur noch Programm: Eines Abends zeigt sich am nächtlichen Ankerplatz der größte Fisch überhaupt: der Walhai. Bisweilen gelingt es, mit ihm zu s chnorcheln, doch diesmal bietet sich den Passagieren ein besonderes Schauspiel: Angelockt von kleinsten Wasserlebewesen, die sich im Schein einer Schiffslampe versammeln, taucht der riesige Fisch aus dem Nichts direkt am Bootsdeck auf und saugt die Nahrung in sein großes Maul. Mehrere Stunden umrundet er das Schiff und frisst dabei. An einem anderen Abend wird eine Gruppe Ammenhaie von dem Licht angelockt. Doch wenn dann nachts alle Lichter gelöscht sind und allmählich tiefe Stille einkehrt, dann werden die leisen Geräusche hörbar: Wie das Ausatmen eines Pilotwals, der im Mondlicht leise das Schiff umkreist.