Malkurs am Chiemsee

Chiemsee-Schiffe verbinden das ganze Jahr über die Inselwelt im Chiemgau.Foto: Chiemsee-Alpenland Tourismus  Foto: Chiemsee-Alpenland Tourismus

Wenn weiße Nebel über dem Chiemsee schweben und die Morgensonne ihren Farbreigen über die hügelige Landschaft und blaue Alpenkette streut, dann „leuchtet“ der...

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. Wenn weiße Nebel über dem Chiemsee schweben und die Morgensonne ihren Farbreigen über die hügelige Landschaft und blaue Alpenkette streut, dann „leuchtet“ der Chiemgau.

Chiemsee-Schiffe verbinden das ganze Jahr über die Inselwelt im Chiemgau.Foto: Chiemsee-Alpenland Tourismus  Foto: Chiemsee-Alpenland Tourismus
Wie vor 200 Jahren malen Hobby-Künstler am Chiemsee.Foto: Manfred Lädtke  Foto: Manfred Lädtke

Wie vor 200 Jahren die Chiemseemaler, lassen sich an solchen Tagen heute Hobbykünstler mit Staffelei, Pinsel und Farben von der stimmungsvollen Naturlandschaft inspirieren. Wer Aquarellmalerei noch nicht beherrscht, kann zwischen Frühjahr und Herbst einen Malkurs besuchen.

Ein gellendes „Tuuut“ zerreißt die Stille. Das Ausflugsschiff nimmt Kurs auf die Herreninsel. Dort arbeiteten im 19. Jahrhundert zwar Maler wie Wilhelm Trübner und Carl Schuch, wirklich interessant für die Farbpoeten war die Insel aber vor allem wegen der „malerischen“ Sicht auf die benachbarte idyllische Fraueninsel.

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Entstanden waren die Künstlerkolonien freilich nicht aus Sehnsucht nach Romantik, sondern aus einem schlichten Interesse der Herrscher in München. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war König Maximilian neugierig, wie das Landleben in seinem 1806 mit Napoleons Hilfe entstandenen Reich aussah. Der Hof schickte Maler und Schriftsteller mit dem Auftrag über den See, Sitten, Brauchtum und Alltagsszenen zu dokumentieren. Aus den Bildnotizen entwickelte sich die Landschaftsmalerei, die später auf handelnde Personen verzichtete. Keine großen Ölschinken waren mehr gefragt, sondern Skizzen und intime Formate für den leichten, praktischen Transport und Dekorationsbedarf in bürgerlichen Wohnzimmern. Die zeitgleiche Erfindung der Farbtube war quasi der Beschleunigungsmotor für die gefragten neuen Kunstprodukte.

Eine Dauerausstellung im Augustiner Chorherrenstift im Alten Schloss erinnert an die Entwicklung der Malerei am See von 1790 bis zum Zweiten Weltkrieg. Vom Schloss geht der Blick hinüber zur Fraueninsel, die vier junge Künstler 1828 als Motiv für ihre Sehnsucht nach vollkommener Schönheit entdeckten. Max Haushofer, Franz Trautmann sowie die Brüder Boshart fanden im Wirtshaus „Zur Linde“ ein zünftiges Quartier. Andere Zeitgenossen wie Eduard Schleich oder Julius Exter folgten den Pionieren, um sich in schöpferischer Bildkraft auszuleben. Beschauliche Uferszenen, weite Moorgebiete, der Alltag von Fischern und Landleuten, Stürme, Gewitter oder das wechselhafte Spiel von Licht und Wolken waren das Bühnenbild für täglich neue Farbinszenierungen.

Inzwischen hatte Haushofer die Wirtstochter und ein Malerkollege deren Schwester geheiratet. Die Hochzeitsfeier war Beginn für ausschweifende Feste und Zechgelage auf der Fraueninsel. In der rustikalen Wirtsstube der „Linde“ lassen sich heute Gäste gerne an jenem Stammtisch fotografieren, an dem sich einst die Herren Künstler am Leben satt tranken.

Im Alten Schloss zeugen 150 mystisch-dunkle bis farbensprühende Landschaften, Akte und Stillleben des Landschaftsmalers Julius Exter von einer vitalen Farbenpracht im Malerparadies. In Übersee-Feldwies hatte sich der unter Kollegen als „Farbenfürst“ gefeierte Königliche Professor ein Bauernhaus für seine später europaweit bekannte Malschule gekauft. Beim Rundgang durch Studierstube und Atelier meint man, der Meister höchstpersönlich tauche jeden Moment in einem der schmalen Gänge auf. Indes war die sittsame Landbevölkerung den Freigeistern nicht überall und immer wohlgesonnen. So machte von Exters Malschule die Anekdote die Runde „man habe gesehen, wie sich schamlose Weiber ganz nackt malen ließen“.

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Die heutigen Hobbymaler steigen zu einer kleinen Bucht am Herrenchiemsee hinab. Dort liegen die Malutensilien schon bereit. Das Landschaftsmotiv könnte plakativer nicht sein. Den weiten Blick auf die Fraueninsel begrenzen stattliche Trauerweiden sowie links und rechts ein Bootssteg. Draußen auf dem silbrig schimmernden Wasser kreuzen Segelschiffe vor dem winzigen Eiland mit seinem prägenden Campanile und 1 200 Jahre alten Münster. Wie ein luftiges Leinentuch wölbt sich ein mattblauer Himmel über die Szenerie und gibt den dominierenden Farbton an den Staffeleien vor. Blau verleiht dem Aquarell Tiefe, weiß Petra Habenstein, Rot wirke näher.

Dann geht es los. Damit sich der Malbogen nicht wellt, wird er zunächst genässt und auf einem Brett befestigt. Erst müsse die Bildkomposition im Kopf entstehen, dann sei das Motiv mit feinen Bleistiftstrichen vorzuzeichnen. Um zum Beispiel die Proportionen des weit entfernten Campanile festzulegen, wird der Bleistift in Augenhöhe neben den Turm gehalten. „So könnt ihr die gemessene Höhe anschließend auf das Papier übertragen“, rät die Kunstlehrerin. Ganz allmählich werden aus vorsichtig aufgetragenen Farbkompositionen lichtvolle Bilderbogen. Passanten wagen einen flüchtigen Blick, andere zücken ihre Kamera. „Nicht im Wasser! Tippen Sie den Pinsel besser auf einem Lappen ab, sonst verlaufen die Farben unkontrolliert“, empfiehlt eine vorbeigehende Dame. Sie kennt sich aus.

Die nächsten Tipps hat wieder Petra Habenstein parat: „Kleine Wölkchen entstehen durch Abtupfen der blauen Farbe mit einem Taschentuch. Für weiße Segel spart einfach Dreiecke farblich aus.“ Zum Herausarbeiten einer individuellen Note dürfe man aber auch schummeln und Szenen heranzoomen oder Farbvorlieben frönen“, macht die Kursleiterin Mut. Die Bäume in Pink und eine Nixe im See? „Nix dagegen. Ihr seid der Boss!“

Von Mandred Lädtke