Malediven wollen Öko sein

Ein Holzboot liegt vor Gili Lankanfushi – einem Hotel auf der Malediveninsel Lankanfushi. Das Ressort gehört zu einem internationalen Netzwerk für nachhaltigen Tourismus. Foto: Carsten Heinke

Auf den traumhaften Inseln können Touristen Bäume pflanzen und damit die Umwelt schützen, während Meeresbiologen Baby-Korallen züchten, um die Riffe zu regenerieren.

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. Wie einen riesigen Aquamarin lässt die Tropensonne die Lagune vor Lankanfushi funkeln. Ihr türkis schimmerndes Wasser ist so klar wie ein Kristall. Selbst vom Strand aus sehe ich die bunten Fische, die sich im Schatten eines Dhoni (hölzernes Boot) tummeln. Der Sand unter meinen Füßen ist weich und fein wie Pulverschnee und so blendend weiß, dass er die grünen Palmenwedel über meinem Kopf noch grüner erscheinen lässt und den strahlend blauen Himmel noch viel blauer.

Ein Holzboot liegt vor Gili Lankanfushi – einem Hotel auf der Malediveninsel Lankanfushi. Das Ressort gehört zu einem internationalen Netzwerk für nachhaltigen Tourismus. Foto: Carsten Heinke
Korallen werden nachgezüchtet und am Riff ausgesetzt. Foto: Carsten Heinke
Meeresbiologin Emma Bell holt Dornenkronen-Seesterne aus dem Riff, denn sie zerstören die Korallen. Foto: Carsten Heinke

Ich bin am Strand von Gili Lankanfushi, nur 20 Bootsminuten von der maledivischen Hauptstadt und ihrem Flughafen entfernt. Vor mir liegt der Indische Ozean, hinter mir das Fünf-Sterne-Öko-Eiland, das Trip Advisor 2018 zum besten Resort des Landes und in die Top Fünf der weltbesten Hotels gewählt hat.

„Alles okay mit Ihrer Villa?“, fragt Nicolas Khairallah. Wie alle auf der Mini-Insel ist der 32-jährige Hotelmanager barfuß und mit einem Bambusfahrrad unterwegs. „Okay“ ist gut. Denn ich bin echt begeistert. Das Gästehaus, das ich in den nächsten Tagen ganz für mich alleine haben werde, ist ein zweistöckiger Holzpalast. Wie 44 andere steht er im Wasser und ist per Brücke oder schwimmend zu erreichen. Wie die komplette Anlage wurden auch die extravaganten Unterkünfte streng nach ökologischen Gesichtspunkten gestaltet. Der private Butler, der zu jedem Haus gehört (alle heißen Mr. Friday), hat mit mir sicher wenig Arbeit. Denn ich bin wunschlos glücklich. „Wir tun alles, um die Umwelteinflüsse des Hotels so gering wie möglich zu halten und so viel wie möglich für die Natur zu tun“, erklärt Nicolas. International anerkannte Öko-Gütesiegel wie das von „Earth Check“ untermauern das.

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Ich genieße meinen Smoothie und die Aussicht und lasse meine Seele weiter baumeln. Keine Frage, es ist nicht nur traumhaft schön, sondern ebenso ein idealer Ort zum Träumen. Doch Emma Bell holt mich in die Wirklichkeit zurück. Die junge Meeresbiologin kommt mir mit Schnorchelzeug und einem Stoffsack in den Händen auf dem Landungssteg entgegen. Sie erinnert mich daran, dass kein Paradies nur paradiesisch ist, auch dieses nicht.

Der Beutel, den Emma von ihrer Inspektion im Hausriff mitgebracht hat, ist noch triefend nass. Als sie ihn umdreht, purzelt ein halbes Dutzend rötlich-violetter Nadelkissen heraus. „Das sind Dornenkronen-Seesterne – hübsch, aber heikel, denn ihre Leibspeise sind Steinkorallen“, erklärt die 23-jährige Britin. Die Stachelhäuter, deren Stacheln auch der Mensch besser nicht zu nahe kommen sollte, richten in den Riffen großen Schaden an.

„Bis zu sechs Quadratmeter Korallen kann so ein Tier binnen eines Jahres verputzen“, weiß Emma. Immer häufiger komme es zu massenhaften Vermehrungen. Gründe dafür seien das Verschwinden natürlicher Feinde durch Überfischung, vermutlich aber auch ins Meer gelangte Düngemittel. „Die sorgen für mehr Grünalgen – Nahrung für die Seestern-Larven“, so die Wissenschaftlerin. Um Plagen vorzubeugen, gehen sie und ihr Team täglich auf Patrouille.

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Doch selbst wenn ganze Riffe kahlgefressen werden: Gründe für das Korallensterben gibt es viele. Die explosionsartige „Algenblüte“ selbst entzieht den Meerestieren lebenswichtige Grundlagen und vergiftet sie. Auch jährlich 6000 Tonnen Sonnenschutzmittel schaden den Riffen enorm. Emma empfiehlt deshalb Naturkosmetik mit mineralischen UV-Filtern, frei von Mikroplastik. „Am konsequentesten wäre es, komplett ohne Sonnencremes ins Wasser zu gehen und statt dessen lange, Kleidung zu tragen“, meint die Umweltaktivistin.

Der unbestritten größte Verlust an Korallen geht jedoch auf das Konto der so genannten Bleichen. Bereits um die Jahrtausendwende war etwa die Hälfte aller Riffe davon betroffen. Vor allem durch den letzten El Niño wurden über zwei Drittel des Weltbestands zerstört. Auch die Malediven verloren mehr als 60 Prozent ihrer Korallen. „Bedingt durch die globale Erwärmung, können die Steinkorallen ihren Stoffwechsel nicht aufrecht erhalten. Zunächst verlieren sie ihre prächtigen Farben, dann sterben sie“, erläutert Dr. Ameer Awad Abdulla. Ich treffe den australischen Meeresbiologen, der sich weltweit für die Rettung der Ozeane engagiert, in Reethi Beach im Baa-Atoll, etwa 120 Kilometer von Malé.

Wie Gili Lankanfushi gehört das auf einer märchenhaft schönen Insel gelegene Hotel zu Green Pearls, einem internationalen Netzwerk für nachhaltigen Tourismus. Das ökologische Konzept von Reethi Beach beinhaltet beispielsweise die eigene Abwasserentsorgung und Trinkwasserherstellung – wozu auch die Abfüllung in Glasflaschen gehört.

Eine Besonderheit dieses Resorts unter Leitung von Direktor Peter Gremes ist das Wertstoff-Recycling. Dazu wird nicht nur der eigene, auf ein Minimum beschränkte Plastikmüll, sondern auch jener der ganzen Umgebung gesammelt und aufbereitet. Aus dem daraus gewonnenen Granulat werden in Taiwan Schuhe hergestellt.

Auch das erst kürzlich eröffnete Schwesterhotel Reethi Faru wenige Kilometer weiter profitiert von dem umweltfreundlichen, nachhaltigen Konzept. Dazu gehört unter anderem, dass jeder Gast eine lebendige Erinnerung auf der Insel hinterlassen kann, indem er einen Baum pflanzt.

Um die Betreuung von Forschungs- und Rettungsprojekten zum Schutz marinen Lebens kümmern sich Ameer und sein Kollege, Dr. Paul Marshall. Bei ihren regelmäßigen Besuchen der Green-Pearls-Hotels bringen sie Personal und Gäste auf den neuesten Stand.

„Eine super Sache“, meint Jan-Hendrik Träger, der den Vortrag der beiden Wissenschaftler gehört hat. Der junge Heidelberger Krankenpfleger ist wie sein Vater begeisterter Sporttaucher. Beide nutzen ihren Malediven-Urlaub für ihr Hobby und entschieden sich dazu bewusst für eine „grüne“ Variante. „Wir wollen der Natur nicht schaden“, erklärt der 24-Jährige. Besonders spannend findet er das Korallenaufzuchtprogramm, an dem sich jeder aktiv beteiligen kann.

Dank Partnerschaft mit der Umweltschutzorganisation Earth Check hat man mit den „Korallenkindergärten“ auch in Gili Lankanfushi positive Erfahrungen gesammelt. Wer will, kann eine Patenschaft übernehmen und bei der künstlichen Fortpflanzung der stummen Riffbewohner selber Hand anlegen. Emma Bell lädt mich und andere Hotelgäste ein, ihr beim Knüpfen einer „Korallen-Kette“ zu helfen.

Vor der Hütte der Meeresbiologin liegt ein etwa fußballgroßer lebender Geweihkorallenstock. Mit Hammer und Meißel schlagen wir die Lebensgemeinschaft tausender Einzelpolypen in kleine Stücke und knüpfen sie im Abstand von etwa zehn Zentimetern an lange, dicke, feste Seile. Als alle fertig sind, fahren wir per Boot in Richtung Riff. Während wir als Schnorchler von oben assistieren, taucht Emma Bell hinab zur Zuchtstation, die einem großen Wäscheständer ähnelt.

Wie Büschel kleiner Zweige hängen dort schon ästelnde Korallen an Leinen zwischen Stangen. Behutsam und geschickt vertäut die junge Frau die frischen Setzlinge. „Wenn ihr euch gut entwickelt, dürft ihr in zwei, drei Jahren raus ins Riff“, verspricht sie ihnen. Ich bin sicher, dass die Korallenbabies das verstanden haben und nun fleißig wachsen. Wenn ich mal wieder hier bin, sind sie sicherlich schon groß.

Von Carsten Heinke