Langlaufen im Böhmerwald

Tief verschneit ist der Wald am Grenzkamm zwischen Dreisesselberg und Plöckenstein.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar

Nachts faucht der Schneesturm ums Haus. Das Bayerwald-Dorf Bischofsreut, direkt an der Grenze zu Böhmen, scheint im wirbelnden Weiß versinken zu wollen. Am Vorabend ist die...

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. Nachts faucht der Schneesturm ums Haus. Das Bayerwald-Dorf Bischofsreut, direkt an der Grenze zu Böhmen, scheint im wirbelnden Weiß versinken zu wollen. Am Vorabend ist die Gruppe angereist, 15 Menschen aus allen Teilen Deutschlands. Alle haben ein Ziel: Die Begegnung mit Land und Leuten beim Wintersport in einer Gegend, die „Kan ada vor der Haustüre“ genannt wird. Im Niemandsland der einstigen Grenze ist sie zuweilen von fast berauschender wie beängstigender Einsamkeit geprägt.

Tief verschneit ist der Wald am Grenzkamm zwischen Dreisesselberg und Plöckenstein.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar
Blick auf das verschneite Krumau in Tschechien. Das Städtchen an der Moldau gilt als „Perle des Böhmerwaldes“.Foto: Claudia Diemar  Foto: Claudia Diemar

„Reisen in der Gruppe heißt mit vielen Augen sehen“, meint einer der Teilnehmer bei der Vorstellungsrunde. Jeder erzählt von einer besonders schönen Reise, die man bislang erleben durfte. Dann serviert Frau Madl, die Wirtin des Landgasthofs „Zum Matthiasl“, Hirschbraten mit Knödeln und alle kauen in schweigender Eintracht.

„Begegnung mit Böhmen“ nennt sich der kleine Reiseveranstalter, der die Teilnehmer zusammen gebracht hat. Leiter Dr. Erwin Aschenbrenner, ein promovierter Philosoph aus Regensburg, hat unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs damit begonnen, das einstige Niemandsland zwischen Bayern und Böhmen erfahrbar zu machen – per Rad, Kanu oder eben auf Skiern.

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Damit jeder sein persönliches Loipenglück finden kann, teilt man sich in Kleingruppen auf. Die Anfänger üben mit Helmut. Sportlich Ambitionierte sind mit Erwin unterwegs. Fortgeschrittene, die es dennoch gemütlich angehen wollen, ziehen mit Ludwig los. Und als Mann für alle Fälle gibt es noch Egon, der in Böhmisch-Röhren, dem nächsten Dorf hinter der Grenze, geboren wurde. Egon bezeichnet sich selbst als „Überbleibsel der Böhmerwald-Urbevölkerung“. Er ist pensioniert, aber schwer beschäftigt, besitzt Bienenvölker, eine Forellenzucht und ist als Goldsucher sowie als Nationalpark-Ranger auf tschechischer Seite tätig. Egon Urmann ist einer, der den lieben langen Tag anschaulich erzählen kann, vom Leben im Böhmerwald einst und jetzt. Und vom Leben auf beiden Seiten der Grenze, denn er hat mehr als 20 Jahre in Bayern gearbeitet.

Heute lebt er in Lenora, dem einstigen Eleonorenhain, auf tschechischer Seite, hat zwei Pässe und fühlt sich als Europäer. Verständigung ist das Generalthema seines Lebens. Nichts ist ihm wichtiger als die Überwindung einstiger Vorbehalte zwischen den Völkern.

Die erste Skitour mit Egon führt auf dem „Goldenen Steig“ nach Cesky Zleby, zu deutsch Böhmisch-Röhren. Der Goldene Steig ist kein Märchenbegriff, sondern der Name eines schon im Mittelalter bedeutenden Handelsweges zwischen Passau und Prachatitz, auf dem vor allem Salz transportiert wurde. Der einstige Säumerpfad ist auch heute nicht mehr als ein Waldweg zwischen uralten Fichten und jungen Laubbäumen, die unverdrossen aufschießen, wo die Nadelbaumriesen altersbedingt oder wegen Sturmschäden gefallen sind. Wir sind im Nationalpark Bayerischer Wald-Böhmerwald, in jenem Teil, wo kein Eingriff in die Natur mehr erlaubt ist.

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Nach der Skitour versucht Egon, ein wenig Ordnung in das begriffliche Durcheinander zu bringen. Der Böhmerwald, auf tschechisch Šumava genannt, was „die Rauschende“ oder „die Schäumende“ bedeutet, ist eine etwa 120 Kilometer lange und bis zu 50 Kilometer breite Gebirgskette im deutsch-österreichisch-tschechischen Grenzgebiet. Obwohl es sich also geologisch um ein einziges Gebirge handelt, spricht man hüben und drüben mal vom Böhmerwald, vom Mühlviertel oder Bayerischen Wald, zuweilen auch kurz Bayerwald genannt.

Zu beiden Seiten der Grenze hatte man seit eh und je mit dem rauen Klima zu kämpfen, das im Winter den Schnee unter den Schritten knirschen lässt. Aber die Grenzen sind seit einer Generation wieder offen, auch wenn man immer einen Ausweis dabei haben sollte, weil man dann und wann doch auf einen Kontrollposten treffen könnte. Auch in der Loipe gilt das. Sie mäandert hier länderübergreifend wie die noch junge Moldau, deren Arm hier „kalte Moldau“ heißt. Man muss sich hier auskennen, um seinen Weg zu finden. Selbst auf der „Bayerwaldloipe“ ist nur ein Teil gespurt. Doch Erwin und Ludwig kennen die Gegend auch im dicken weißen Winterpelz gut genug, um die Gruppe durch den kniehohen Neuschnee entlang des Grenzkamms Richtung Dreiländereck zu führen.

„Wie ist es draußen kalt, ganz steif gefroren steht der Wald“, kommentiert der Dichter Georg Britting unseren Weg zum Dreisesselberg. Statt aus stolzen Fichten besteht dieser Wald aus Baumskeletten, die aus dem Nebelgrau ragen. Sturm Kyrill wütete hier vor Jahren, dann hat der Borkenkäfer den Rest erledigt.

Wind und Schnee haben die abgestorbenen Stämme in frostig-bizarre Skulpturen verwandelt, die Bärte und Schöpfe aus festgebackenen Kristallen tragen. Dann bricht die Sonne durch. Der Schnee glitzert und gleißt. Er ist kalt genug, dass die Skier wie von selbst gleiten. Die ganze Welt besteht plötzlich nur noch aus strahlendem Weiß und kaltschönem Blau. Man könnte meinen, jenseits des Polarkreises zu sein, weit weg im Norden oder Osten, an einem fernen frostigen Ende der Welt. Diese überwältigende Mischung aus Kälte und Licht erleben zu dürfen, macht uns sprachlos glücklich. Am Abend schneit es wieder.

Von Claudia Diemar