In Abu Dhabi sind Schildkröten zu Hause

Anfassen ist normalerweise streng verboten: Bei dieser Schildkröte gilt eine Ausnahme, sie wurde verletzt gefunden und gesund gepflegt. Foto: Helge Sobik

In den warmen, dunklen Nächten kommen sie an Land. Seit Millionen von Jahren ist es ihr Ritual: Die bedrohten Karett-Schildkröten legen ihre Eier am Strand der Insel Saadiyat.

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. Wenn nur noch die Sterne leuchten, kommen sie an Land. Mit den Wellen schwappen sie auf den Strand und schleppen sich nun schwerfällig im Schutz der Nacht in Richtung Dünen. Es ist die Stätte ihrer eigenen Geburt. Von unsichtbaren Kräften gelenkt, kehren sie immer wieder hierher zurück. Ein Leben lang: an den schönsten Strand der Emirate. Seit Abermillionen Jahren.

Anfassen ist normalerweise streng verboten: Bei dieser Schildkröte gilt eine Ausnahme, sie wurde verletzt gefunden und gesund gepflegt. Foto: Helge Sobik
Breiter Dünengürtel von Saadiyat: Die Jungschildkröten haben von den Nestern bis zum Meeressaum über 100 Meter zurückzulegen. Mit einem Meter pro Minute kommen sie voran. Foto: Helge Sobik
Breiter Dünengürtel von Saadiyat: Die Jungschildkröten haben von den Nestern bis zum Meeressaum über 100 Meter zurückzulegen. Mit einem Meter pro Minute kommen sie voran.
Meeresbiologin Arabella Willing aus Schottland hat ihre Liebe zu den Schildkröten erst in Abu Dhabi entdeckt.

Lange schon zählen die Karett-Schildkröten, die bis zu 75 Kilo schwer werden können, zu den bedrohten Arten. In den Dünen der Insel Saadiyat unmittelbar vor Abu Dhabi-Stadt graben sie ihre Nester, legen im April, Mai und Juni ihre Eier ab, und 55 bis 65 Tage später schlüpfen von Juni bis August ihre Nachkommen. Sie tun es so heimlich wie möglich und warten im Wasser in Küstennähe, bis es möglichst finster ist – und still. Wie zu Anbeginn der Zeiten, als ihre Urahnen an derselben Stelle an Land gingen. Warm ist es auch mitten in der Nacht noch, leichter Wind sortiert regelmäßig die schneeweißen Sandkörner neu, knistert mit dem Halfagras der Dünen. Und eine passt auf: Wie gut, dass all die Schildkröten auf Heimatbesuch Arabella Willing aus Schottland als Beschützer auf ihrer Seite haben.

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Erst hat sie als Meeresbiologin auf den Malediven gearbeitet, jetzt ist sie so etwas wie die „Schildkrötenmutter von Saadiyat“. Sie steht auf der Gehaltsliste eines der Luxushotels dort und ist gleichwohl mit so vielen Vollmachten ausgestattet, dass sie auch für alle anderen Hotels entlang des neun Kilometer langen Bilderbuchstrandes weisungsbefugt ist: Sie kann dazu auffordern, die Außenbeleuchtung zu dimmen oder auszuschalten, Strand-Bars zeitweilig zu schließen, Musikboxen auszustöpseln – im eigenen Haus ebenso wie bei der Konkurrenz. „Ich bin so etwas wie die Licht- und die Ton-Aufsicht“, sagt sie. Und sogar Großbaustellen kann sie deshalb in Zusammenarbeit mit der Polizei über Nacht stilllegen lassen. Kein Krach, kein Flutlicht, einfach nur Stille und Dunkelheit. Damit die Schildkröten sich in Sicherheit wähnen und an Land trauen.

Das Glück der Schildkrötenschützer aus der Emirates Natural History Group um Arabella ist, dass sie gewissermaßen als Patron ein Mitglied der Herrscherfamilie auf ihrer Seite haben. Scheich Nahyan bin Mubarak al-Nahyan ist so etwas wie Ehrenvorsitzender der Naturschützer-Gruppe. Sein Name hat hier Gewicht. Und deswegen geschieht, was Arabella sagt. Zwar sind an der bis dato menschenleeren Küste von Saadiyat binnen der letzten zehn Jahre Hotels und Villen entstanden. Trotzdem sind die Auflagen streng. So ist der komplette Abschnitt zum Beispiel ausdrücklich nicht motorisiert. Jet-Ski und Motorboote dürfen sich diesem Strand nur auf bis zu zwei Kilometer nähern. Die Dünen dürfen nicht bebaut, abseits der Wege nicht betreten und nur auf wenigen angelegten Pfaden auf Holzplanken durchquert werden. Hotels und Wohnhäuser gibt es erst hinter dem Dünengürtel – viel weiter weg vom Meeressaum als anderswo. Und draußen auf dem Wasser gibt es große Fischfang-Verbotszonen über Seegraswiesen, die ebenfalls unter Schutz gestellt wurden. Denn dort im Golf lebt die weltweit zweitgrößte Dugong-Population. Viele dieser ebenfalls bedrohten Seekuh-Familien grasen dort auf dem Meeresgrund.

Leicht lässt sich derweil argumentieren, dass es den Schildkröten noch besser erginge, wäre an Saadiyats Küste gar nicht erst gebaut worden. Das ist sicher richtig und doch in dieser Weltgegend aussichtslos – und nicht nur hier. Der Bauboom greift nach allem, was schön ist und leer war. Er hat mit allem, was an Interessen dahintersteht, die weitaus größere Macht. Die Kunst ist deshalb, beides unter einen Hut zu bringen und dabei das Beste für die Natur herauszuholen.

Gemeinsam mit Ritesh Bhakta, Mohamed Abdelatty, Jeanette und Nick du Preez und all ihren anderen Mitstreitern der bereits 1977 gegründeten Emirates Natural History Group hat Arabella Willing viel erreicht. Über 100 verletzte Schildkröten haben sie gerettet und ins Turtle Rehabilitation Center in Dubai gebracht. Vielen weiteren Tieren haben sie den Bau der Nester und abermals noch mehr Jungtieren den Weg zurück ins Meer ermöglicht.

„In der Zeit der Ei-Ablage laufe ich jeden Morgen um fünf Uhr vier Kilometer in die eine und vier in die andere Richtung am Strand entlang“, erzählt Arabella, „um anhand der frischen Spuren im Sand etwaige Nester sofort zu lokalisieren, zu markieren und noch am selben Vormittag mit dem Team einzuzäunen. Meistens finde ich an diesen Morgenden am Strand mehr verlorene Sonnenbrillen als Nester“. Sie lacht. In manchen Jahren ist es bloß gut ein Dutzend, in anderen sind es 40 Gelege. Eine einzelne Schildkröte legt bis zu fünf Nester an, verteilt hunderte Eier – und verschwindet noch vor Sonnenaufgang so still wieder in den Fluten, wie sie Stunden zuvor an Land gekommen war.

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Zur Schlüpfzeit werden die Gelege beobachtet, um den vielen Kleinen den sicheren Weg zurück ins Meer zu ermöglichen. Der ist hier weit. „Einen Meter pro Minute legen sie zurück, von den Dünen bis zum Wasser sind es aber oft mehr als 100 Meter. Mehr als anderthalb Stunden dauert es deshalb, bis die Mini-Schildkröten im Meer sind und davonschwimmen können.“ Ihre Feinde an Land sind vor allem Füchse, Schlangen, Raubvögel – und Menschen.

Ob Arabella Willing das Leben für die Schildkröten in die Wiege gelegt war? Sie lacht wieder und streicht sich eine Strähne aus der Stirn: „Nicht unbedingt, als Kind zu Hause in Schottland hatte ich ein Chamäleon als Haustier. Und einen Papagei!“

Was man so früh morgens auf dem Strand noch so alles sieht? Gazellen zum Beispiel. Wo Wüste aufs Meer trifft, sind auch sie zu Hause. Und die Frühaufsteher unter den Urlaubern natürlich, die auch. Die ersten Jogger, die der Hitze des Tages zuvorkommen wollen. Und manchmal springen draußen vor der Küste die Delfine.

An vier Tagen pro Woche sitzen Freiwillige auf dem Flachdach eines Hotelrestaurants, haben mit Feldstechern das Meer im Blick und kartieren Seevögel – und Delfine. Ihr größtes Glück? „Jungtiere springen zu sehen!“, sagt Mohamed Abdelatty, der eigentlich Fernsehjournalist ist und in seiner Freizeit an solchen Projekten mitarbeitet. „Denn das ist ein Beweis dafür, dass die Population gesund ist und die Wasserqualität stimmt.“ Wie schön das Meer hier eigentlich ist? Es steht dem Strand in nichts nach und schillert in schönstem Türkisblau.

Von Helge Sobik