Eine Segeltour zu Myanmars Seenomaden

Die Jar Lann Kyung Bucht liegt versteckt und ist nahezu menschenleer. Foto: Marc Vorsatz

Im Mergui Archipel leben die Moken, Myanmars Seenomaden. Als „Jäger der Meere“ fangen sie die Beute mit einem Speer. Bei einer Katamaran-Tour kann man die Kultur kennenlernen.

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. Die Szenerie hat etwas Gespenstisches: Ein Geisterschiff liegt irgendwo im Nirgendwo in pechschwarzer Nacht. Ein großer knarrender Holzpott, der ein giftgrünes Licht auf die Andamanische See wirft. An die 20 mega-starke Glühlampen tanzen an seinen Auslegern über dem Wasser. Aber kein einziger Mann ist in Sicht.

Die Jar Lann Kyung Bucht liegt versteckt und ist nahezu menschenleer. Foto: Marc Vorsatz
Die traditionelle burmesische Gesichtsbemalung dient den Schülern als Sonnenschutz. Foto: Marc Vorsatz
Der Skipper präsentiert stolz seinen Fang, den Wahoo. Foto: Marc Vorsatz

Das wollen wir uns doch mal genauer anschauen, schließlich sind wir nicht auf der Aida oder Mein Schiff 1 sondern auf einem hochseetauglichen Katamaran unter burmesischer Flagge, auf der Meltemi. Skipper Robby „Ernie“ Devlin ist immer für eine Extratour zu haben und lässt sogleich ein Dingi zu Wasser. Der Australier mit Wohnsitz im thailändischen Phuket, der auf Fidschi das Segelhandwerk erlernte, greift sich sein Walki-Talki, wir unsere Kameras und schon hüpfen wir in unserem Schlauchboot über gallegrün reflektierende Wellenkämme diesem Monstrum entgegen.

Als wir beidrehen, schaut ein Moke verdutzt über die abgewetzte Reling auf uns herab. Moken oder auch Mawken sind „die vom Meer Verschlungenen“, die Seenomaden. Der Mann hat sich mit einem spitzen Enterhaken bewaffnet, mit dem man lieber keine Bekanntschaft machen möchte. Schließlich wäre das nächste Provinzkrankenhaus, in das man auch nicht unbedingt wollen würde, zwei Tage entfernt. Käpt’n Ernie winkt ab. Alles in Ordnung. Mit dem Haken fischt der Moke Hornhechte aus dem Wasser. Das grelle Licht lockt die Raubfische an die Oberfläche. Maung Khine erweist sich als freundlicher Zeitgenosse und bittet uns an Bord. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Überall Kisten, leere, volle, Kabel, Seile, Netze, ein mächtiger Generator von anno Dutt und zwischen all dem zwei schlafende Kollegen auf den rohen Holzplanken. Fischer Maung zieht einen Hornhecht nach dem anderen aus dem Wasser, ohne sie dabei zu verletzen. Wir probieren es, mit Erfolg. Man muss nur schnell genug sein.

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So fischen die Moken also heute. Noch vor ein paar Jahren legten sie großen Wert darauf, als Sea Hunter und nicht als Fischer tituliert zu werden. Jäger der Meere, die mit einem Speer Beute machen. Das ist selten geworden. Die meisten Moken sind inzwischen sesshaft geworden, leben nicht mehr als Nomaden, oder genauer gesagt, Halbnomaden. Ein paar Monate während des Monsuns in ihren Stelzenhäusern am Strand, ein paar Monate mit Kind und Kegel auf dem Wasser in ihren hölzernen Booten, den Kabangs. Das war einmal vor kurzer Zeit. Denn die moderne Festland-Zivilisation mit all ihren Regeln und Gesetzen, mit ihren modernen Motorbooten, Geld, Fernsehern und Handys ist gerade dabei, die Moken zu assimilieren. Die leben jetzt zwischen zwei Welten. Ihre Kultur und Lebensweise ist im Begriff, genau dort unterzugehen, unwiederbringlich.

Nur zwei Tage zuvor ist unsere Cruise in dieser für uns ganz normalen Festland-Zivilisation gestartet.

Wir checken ein auf der Meltemi, einem stattlichen Katamaran mit Kingsize-Betten in geräumigen Kabinen. Das gibt es selten. Die Schiffsjungen Kayin und Zolay begrüßen uns mit einem herzlichen „Mingalaba“ – möge Segen über dich kommen. Der erste Segen, der über uns kommt, ist ein Gedicht. Und zwar eines für den Gaumen: gegrillter Red Snapper mit grünem Papaya-Salat auf Wildreis, dazu ein französischer Chardonnay. Einfach köstlich. Als krönender Abschluss kommt Maracuja an Vanilleeis. Irgendwie schmecken die Passionsfrüchte hier anders als zu Hause im Supermarkt – besser.

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Und ganz nebenbei haben wir uns aus der modernen Zivilisation geschlichen. Als ein blutroter Streifen am Horizont die Nacht ankündigt, wirft unser Skipper vor einer unbewohnten Insel Anker. Die tropische Nacht bricht schnell herein so dicht am Äquator. Sanftes Wellenrauschen, in den Palmen das Zirpen von Grillen. Sonst nichts, nichts als Ruhe. Kein Auto, kein Mensch, herrlich.

Den nächsten Morgen lassen wir gemütlich angehen. Urlaub eben. Eine Runde entspannt planschen im türkisfarbenen Wasser, das es locker mit dem der Malediven oder der Karibik aufnehmen könnte. Und dann schon wieder ein Gedicht. Ein Frühstücksgedicht mit Kaffee, Tee, frisch gepresstem Saft, vegetarischem Omelette mit ordentlich Chili drin, Wurst, Käse und exotischen Marmeladen.

Ernie hat Kurs genommen auf Insel 115, eine von den über 800 Inseln und noch viel mehr Inselchen. Nicht jede hat einen Namen. Das Festland ist jetzt kaum noch auszumachen am Horizont. Dafür überall Inseln. Kleine karge felsige, größere mit dichtem Gestrüpp bedeckt, große mit Regenwald, Palmen und versteckten Badebuchten. Die von der Sorte, bei der man am nächsten Morgen nur eine einzige Fußspur im schneeweißen Sand entdeckt, nämlich die eigene vom Abend zuvor.

Eine dieser Traumbuchten ist Jar Lann Kyung. Wir landen mit Dingi und Kajak an und können uns gar nicht sattsehen. So in etwa muss wohl das Paradies aussehen. Dem wollen wir Ewigkeit verleihen und knipsen was das Zeug hält. Strand von hier, Wasser von da und Selfies von überall. Doch nach ein paar Stunden scheint die Meltemi viel spannender als das Paradies. Denn sie wird uns zu unserem Ziel, den letzten Refugien der Seenomaden führen. Außerdem haben Kayin und Zolay sicher schon feinstes Sashimi zubereitet. Am Morgen ging ihnen nämlich ein stattlicher Wahoo an den Haken.

Am nächsten Tag laufen wir das Moken-Dorf Ma Kyone Galet auf Lampi Island an. Kinder rennen uns entgegen, begrüßen uns freudestrahlend mit einem herzerfrischendem Mingalaba. Wir Fremden scheinen eine willkommene Abwechslung im Inselalltag zu sein. Sie laden uns gar in ihre Schule ein. Niedlich sehen sie aus mit ihrer gelben Farbe im Gesicht, die viel mehr schmückt, als vor der Sonne schützt.

Die schöne Thet Thet Zon strahlt ein wenig schüchtern, dabei auch ein bisschen stolz in unsere Kameras. Ob ihr Schule Spaß mache. Sehr sogar. In welche Klasse sie gehe und wie alt sie sei. In die erste Klasse. Wie alt sie sei, wisse sie nicht.

„Für Moken spielt Zeit keine Rolle, sie zählen keine Jahre. Noch nicht“, erklärt Dr. Rossella Rossi. Sie ist die Direktorin des Instituto Oikos, einer italienischen Non-Profit-Organisation, die sich auf Lampi mit Rat und Tat für die Rechte der Moken stark macht, sich für Nachhaltigkeit und den Erhalt des einzigartigen Ökosystems über- und vor allem unter Wasser einsetzt. Das ist auch bitter nötig, überall liegt mittlerweile Plastikmüll im Sand. Feuerzeuge, Tüten, Bonbonpapier, einfach alles. Eine Müllabfuhr gibt es nicht. Brauchte das „wilde Volk obskurer Herkunft“ in der Vergangenheit ja auch nicht. So wurden die Moken in der historischen Enzyklopädie des British Indian Empire einst beschrieben.

Die späteren Kinder von Thet Thet Zon werden sicher wissen, wann sie geboren wurden und wie alt sie sind. Und Maung Khine auf seinem giftgrünen Boot ist schon heute kein Jäger mehr, sondern ein Fischer.

Etwas nachdenklich segeln wir wieder zurück in unsere Welt. Wir sind Zeitzeugen geworden einer untergehenden Kultur.

Von Marc Vorsatz