Eine Floßtour auf der Havel bei Potsdam

Eine Fahrt mit dem Floß auf der Havel ist ein aufregendes Abenteuer.Foto: Karsten-Thilo Raab  Foto: Karsten-Thilo Raab

Die Havel ist kürzer als der Mississippi. Sie ist schmaler und fließt langsamer. Dafür hatte das Floß von Tom Sawyer sicher keinen Außenbordmotor. Auch wenn dieser hier nur...

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. Die Havel ist kürzer als der Mississippi. Sie ist schmaler und fließt langsamer. Dafür hatte das Floß von Tom Sawyer sicher keinen Außenbordmotor. Auch wenn dieser hier nur schlappe fünf PS hat. Trotzdem kommt fast unweigerlich ein herrliches Tom-Sawyer-Huckleberry-Finn-Gefühl auf. Ein Hauch von Abenteuer inmitten der zivilisierten Welt, obschon dazu normalerweise eine Toilette und ein Bad zählen. Diesbezüglich gilt es zu improvisieren. Bequeme Sitzgelegenheiten, eine Küche, Strom und fließend Wasser fehlen ebenso. Und trotz aller Unbill: Eine Floßfahrt auf der Havel ist ein aufregendes Abenteuer.

Eine Fahrt mit dem Floß auf der Havel ist ein aufregendes Abenteuer.Foto: Karsten-Thilo Raab  Foto: Karsten-Thilo Raab
Zeit für eine kleine Erfrischung mit einem Sprung vom Floßdach in den Templiner See.Foto: Karsten-Thilo Raab  Foto: Karsten-Thilo Raab

Das kleine Floß mit dem roten Aufbau ist gerade einmal 5,70 Meter lang und 2,75 Meter breit. Der Holzaufbau enthält an beiden Seiten Staufächer, auf die sich die Hobbykapitäne setzen können. Mit ein paar Brettern lässt sich die Sitzfläche zudem binnen kurzer Zeit in eine 1,80 mal 2,20 Meter große Liegefläche für zwei bis drei Personen umwandeln. Wer es sich dort richtig bequem machen möchte, sollte aber auf jeden Fall eine Isomatte oder besser eine Luftmatratze im Gepäck haben. Ohne Polster auf dem harten Untergrund zu nächtigen, ist mehr als unbequem.

Mit 155 Zentimetern Höhe erlaubt der mit Fenstern ausstaffierte Aufbau nur den wenigsten Erwachsenen aufrecht zu stehen. Dafür ist das Dach so stabil, dass es als Sonnenliege oder Sprungbrett für eine Erfrischung in der Havel genutzt werden kann. Was gleich andeutet, worauf bei der gemütlichen Floßfahrt das Hauptaugenmerk liegt: Entspannen. Denn das Ziel ist der Weg, auch wenn das eine oder andere sehenswerte Städtchen entlang der Wasserwege zu einer Erkundung einlädt.

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So ist auch für uns die Devise schnell klar. Wir wollen die Seele ein bisschen baumeln und uns einfach mal treiben lassen. Um unterwegs nicht zu verhungern oder zu verdursten, steuern wir vom Anleger der Floßstation am Kulturzentrum Schiffbauergasse in Potsdam über den Tiefen See ein kleines Stück am markanten Hans-Otto-Theater mit seiner muschelartigen Überdachung vorbei. Denn hier findet sich ein praktisches Kuriosum: Deutschlands einziger Aldi-Markt mit eigenem Bootsanleger.

Die Shopping-Tour ist für einen Hobbykapitän ohne Bootsführerschein die erste kleine Herausforderung. Denn nach der knapp zehnminütigen Einführung wird aus der grauen Theorie beim Anlegemanöver die nicht ganz so einfache Praxis. Nach zwei vergeblichen Versuchen dort anzulanden, gelingt das Ganze beim dritten Versuch im Schneckentempo. Da das Floß über keine Bremse verfügt, muss mithilfe der Lenkstange sowie des geschickten Einsatzes von Vorwärts- und Rückwärtsgang angelegt werden. Das ist letztlich keine Hexenkunst, sondern nur Übungssache.

Mit genügend Proviant an Bord legen wir wieder ab, um nach einer Wende vom Tiefen See über die Neue Fahrt und die Havel zum Templiner See zu gelangen. Dabei herrscht auf einigen Teilstücken der Wasserstraße ein Gewimmel wie auf dem Jahrmarkt. Unzählige kleine Motorboote, aber auch Ruderboote, Kanus, Passagierschiffe und jede Menge andere Flöße tummeln sich hier bei echtem Kaiserwetter. Mit der Hand am Ruder kommen einem die Worte aus der kurzen Einweisung in den Sinn: „Wie auf der Straße gibt es auch auf dem Wasser Verkehrsregeln. Am besten ihr verhaltet euch defensiv und gebt anderen im Zweifelsfalle Vorfahrt“, hieß es bei der Übergabe. Entsprechend zurückhaltend sind wir unterwegs.

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Bei diesem Tempo kommt nicht nur die Seele mit, es bleibt auch genügend Zeit für einen Ausblick auf die Ufer. Neben der Rundkuppel der Nikolai-Kirche fällt der Sitz des brandenburgischen Landtags in Potsdam ins Auge. Wir tuckern vorbei an mondänen Villen und prachtvollen Herrensitzen. Aber auch moderne Wohnanlagen wie die Potsdamer Speicherstadt, kreative Viertel wie die Schiffergasse und schmucklos-graue Hochhäuser säumen das Gewässer.

Dann ist es Zeit, sich kurz zu erfrischen, und einfach mal in den Templiner See zu hüpfen, ehe wir in den Schwielowsee einbiegen. An einer seichten Stelle am östlichen Ufer gehen wir vor Anker. Wir genießen Kekse und einen Kaffee, die Füße baumeln im Wasser.

So gestärkt geht es weiter nach Werder an der Havel. Die Gemeinde mit der weithin sichtbaren Heilig-Geist-Kirche und der gut erhaltenen Bockwindmühle besticht durch charmante kleine Gassen und alte Fischerhäuser. So nett dieses Fleckchen auch ist, gibt es hier leider keinen geeigneten Anlegeplatz für uns, um die Nacht zu verbringen. Andere Flöße und Boote waren schneller. Da rächt sich das gemütliche Kaffeetrinken.

Wir unternehmen einen Abstecher in den Glindower See. Doch auch hier waren wir zu langsam für die Suche nach einem netten Liegeplatz am Steg. Doch am Strandbad Glindowsee haben die Betreiber Mitleid mit unserer speziellen Form der Seenot und gestatten uns, dort festzumachen sowie die Duschen und Toiletten zu nutzen. So wird es mit Grill und Rotwein noch ein herrlicher Abend unterm Sternhimmel, ehe uns das sanfte Schaukeln des Floßes in den Schlaf wiegt.

Am nächsten Morgen stechen wir zurück Richtung Potsdam in See. Vorbei an der Floßstation geht es dann weiter östlich. Wir passieren den herrlich grünen Babelsberger Park, an dessen Ufern das Kleine Schloss und das Dampfmaschinenhaus als Blickfänge herausragen. Über den Jungfernsee gelangen wir schließlich zum Lehnitzsee. Diesmal überlassen wir die Suche nach einem Nachtlager nicht dem Zufall und machen die Flöße am Ufer fest. Um uns herum nichts als Wasser und dicht bewaldete Natur. Nur einen Steinwurf vom Ankerplatz entfernt, hat ein Biber ganze Arbeit geleistet und einen mächtigen Baum gefällt. In dieser perfekten Idylle ist außer Vogelgezwitscher, dem Surren der Insekten und dem einen oder anderen vorbeifahrenden Boot nichts zu hören. Eine absolute Insel der Ruhe zwischen der Millionenstadt Berlin und der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. Nur schade, dass es am nächsten Morgen schon wieder zurückgeht. Aber alle sind sich einig: Ein herrliches Erlebnis, das unbedingt wiederholt werden muss.

Von Karsten-Thilo Raab