Durch Japan von Kyoto zum Koya-San

Japans berühmtester Friedhof befindet sich in der Tempelstadt Koya-San.Foto: Ute Strunk  Foto: Ute Strunk

Eigentlich hört sich die Zen-Meditation ganz einfach an: Man sitzt mit geradem Rücken aufrecht und atmet doppelt so lang aus wie ein. Die Praxis ist freilich schwieriger, aber...

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. Eigentlich hört sich die Zen-Meditation ganz einfach an: Man sitzt mit geradem Rücken aufrecht und atmet doppelt so lang aus wie ein. Die Praxis ist freilich schwieriger, aber wer das Meditieren perfekt beherrscht, wird den Geist sammeln und innere Ruhe finden.

Japans berühmtester Friedhof befindet sich in der Tempelstadt Koya-San.Foto: Ute Strunk  Foto: Ute Strunk
58 Klöster bieten in Koya-San Tempelübernachtungen an.Foto: Ute Strunk  Foto: Ute Strunk
Im Viertel Ponto-cho in Kyoto gibt es viele Bars und Restaurants. Hier kann man mit etwas Glück eine Geisha sehen.Foto: Ute Strunk  Foto: Ute Strunk
Zen-Meister Taka Kawakami aus Kyoto kontrolliert seinen körperlichen Zustand während der Meditation mit einer modernen Datenbrille und dem Smartphone.Foto: Ute Strunk  Foto: Ute Strunk

Zen-Meister Taka Kawakami legt weder Wert darauf, dass seinen Schülern im Yogasitz die Füße einschlafen, noch zwingt er sie dazu, die Gedanken auszuschalten. „Man muss sich wohlfühlen“, lautet die Devise. Und deshalb darf man während der Meditation durchaus auch auf einem Stuhl sitzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. „Warum nicht, wenn es den Menschen hilft, gesund zu bleiben“, sagt der Zen-Meister. Denn letztlich sei das Ziel, Glück und Gesundheit zu erlangen.

Als moderner Mönch setzt der Japaner mit amerikanischer Ehefrau und einer vierjährigen Tochter auf eine schicke schwarze Datenbrille. Diese misst während der Meditation seine Haltung, Atmung und Augenbewegung – und sie hilft ihm dabei, seine Technik zu verbessern. Taka Kawakami ist buddhistischer Priester in fünfter Generation und er bietet seine Meditationskurse im Shunko-in in Kyoto an. Der Tempel mit den traditionellen Schiebewänden und Bodenmatten aus Reisstroh stammt ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert. Auch im angrenzenden Garten bricht der 38-Jährige mit den strengen Regeln des Buddhismus. Denn eigentlich sind Zen-Gärten reine Trockengärten, in denen es nur Steine, Sand oder Felsen gibt. Mit ihren schön geharkten Mustern im Kies dienen sie einem einzigen Zweck – der Meditation. Bei Taka Kawakami wachsen dagegen etliche Sträucher und Bäume.

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Auch im benachbarten Taizo-in-Tempel sehen die Besucher mehr Pflanzen, als im traditionellen Zen-Garten üblich. Dafür ist das eine der schönsten Anlagen Kyotos – besonders, wenn ab Anfang November das Laub des Ahorns rot leuchtet. Die alte Kaiserstadt gehört mit ihren vielen Kulturgütern zu den interessantesten Städten Ostasiens. Sie ist vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont geblieben und so gibt es hier heute allein 17 historische Unesco-Welterbestätten.

Einer der Höhepunkte ist die Tempelhalle des Sanjusangendo mit den 1 001 Holzstatuen der Tausendarmigen Kannon, der buddhistischen Göttin der Barmherzigkeit. Die detailreich geschnitzten Figuren haben nicht wirklich 1 000 Arme, sondern jeweils nur 40, die allerdings je 25 Aufgaben bewältigen, sodass man auf insgesamt 1 000 kommt. Beeindruckend sind auch die handgeschnitzten Wärterfiguren, die mit einer so eindrucksvollen Mimik gearbeitet sind, dass man unweigerlich in der Betrachtung versinkt.

In Kyoto spürt man den Gegensatz zwischen jahrtausendealter Tradition und Moderne besonders stark. So sieht man bei einem Spaziergang durch die Viertel Gion und Ponto-cho mit etwas Glück eine weißgeschminkte Geisha oder ihre Auszubildende, eine Maiko. Sie sind ein beliebtes Fotomotiv. Als Tourist weiß man allerdings oft gar nicht, wen man da eigentlich vor der Linse hat. Es sind nämlich nicht nur japanische Frauen, die in großblumigen Kimonos durch die Straßen trippeln. Und Frauen im Kimono sind noch lange keine Geishas. „Oft leihen sich Chinesinnen für ein paar Stunden einen Kimono aus, um sich einmal wie eine Japanerin zu fühlen“, erzählt Reiseleiter Hartmut Pohling.

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Aber es geht auch moderner – und zwar nicht nur in den glitzernden Läden der Einkaufsmeilen. Ein Beispiel ist der avantgardistische Großbahnhof im Zentrum von Kyoto. Besonderer Hingucker in dem futuristischen Gebäudekomplex ist die große Freitreppe, die in den Abendstunden mittels LED-Leuchten in allen Regebogenfarben funkelt. Davor strahlt ab November – wer hätte das im überwiegend buddhistischen Japan vermutet – ein überdimensionaler Weihnachtsbaum.

Neben dem Buddhismus, der für alles zuständig ist, was mit Tod und Sterben zu tun hat, spielt der Shintoismus eine große Rolle im Leben der Japaner. Die Shinto-Götter kümmern sich ums Leben. Ohne ihren Segen wird kein Kind getauft, kein Haus eingeweiht und nicht geheiratet. Überall im Land beten die Menschen an Shinto-Schreinen und spenden Geld, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Oder sie kaufen sich für umgerechnet etwa einen Euro eine Art Weissagung. Aus einer mit Holzstäben gefüllten Box ziehen sie einen Stab mit einer Nummer. Die gibt an, aus welcher von einer Vielzahl an kleinen Schubladen man sich den Zettel mit seiner Prophezeiung ziehen darf. Ist diese positiv, nimmt man den Zettel mit heim. Ist sie negativ, wird er an eine Leine geknotet und zurückgelassen. Da sind die Japaner ganz pragmatisch und sagen sich, dass es die Götter schon richten werden.

Auch die Reinigung ist ein wesentlicher Bestandteil des Shintoismus. Vor jedem Schrein befindet sich ein Wasserbecken mit Schöpfkellen mithilfe derer Hände und Mund gereinigt werden – um böse Geister fernzuhalten.

Reinlichkeit ist ganz generell wichtig. Nicht nur, dass die Straßen extrem sauber sind, man kann sogar ganz unbesorgt jede öffentliche Toilette benutzen, ohne sich ekeln zu müssen. Natürlich ist auch ein Besuch des traditionellen japanischen Onsen-Bades nicht ohne gründliche Reinigung möglich. Zumal in den heißen Quellen meist mehrere Menschen gleichzeitig in ein Becken steigen – aber immer schön nach Geschlechtern getrennt.

Testen kann man so ein Onsen-Bad zum Beispiel in der Tempelstadt Koya-San, rund eine Stunde südlich von Osaka gelegen. Auf rund 900 Metern Höhe bieten 58 Klöster Tempelübernachtungen an – ein ganz besonderes Erlebnis. Im Gästehaus werden die Schuhe am Eingang abgelegt und gegen Hausschlappen eingetauscht. Die Zimmer sind schlicht ausgestattet. Gegessen wird auf Kissen sitzend am Boden, geschlafen auf Futons. Im Herbst ist es mit einer Außentemperatur von circa acht Grad im Gegensatz zum warmen Kyoto unangenehm kalt. Wer ins Gemeinschaftsbad will, muss sich zunächst in seinem Wohnraum komplett entkleiden und den dort bereitgelegten Kimono anziehen. Das erfordert trotz der wärmenden Klimaanlage einige Überwindung – schließlich muss man erst einmal halb nackt über den zugigen Flur laufen, um dann ins 42 Grad warme Wasser steigen zu können.

Auch die Nacht auf dem harten Futon ist nicht für jeden Rücken ein Vergnügen. Für die eventuell schlaflose Nacht auf dem Boden entschädigt am nächsten Morgen ein Spaziergang über Japans berühmtesten Friedhof zur Gedenkstätte für Kukai, den Begründer des Shingon-Buddhismus. Auf dem Weg zu seinem Mausoleum kommt man an etlichen moosbewachsenen Grabstätten berühmter japanischer Persönlichkeiten vorbei. Häufig sieht man auch sogenannte Jizo-Figuren. Als „Retter der ungeborenen Seelen“ werden die Statuen oft von Eltern totgeborener oder abgetriebener Kinder geschmückt. Man erkennt sie daran, dass die Figuren Häkelmützchen oder Lätzchen tragen – also Dinge, die auch Babys haben. Manchmal sieht man gar eine Statue, die geschminkt ist. Das deutet darauf hin, dass das entsprechende Kind heute im Teenageralter ist. Und so staunt der Besucher in Japan nicht nur über moderne buddhistische Mönche, sondern bisweilen auch über den sonderbaren Götterglauben.