Rückkehr einer Legende

2016 verschwand nach 68-jähriger Karriere der Defender als Neuwagen von den Straßen, jetzt kommt eine zeitgemäße Neuinterpretation des Klassikers in den Handel. Foto: Jaguar Land Rover

Harte Männer weinen nicht, außer vielleicht, wenn der Lieblingsverein absteigt; außer vielleicht, wenn im Kühlschrank nur Brokkoli und Spinat-Smoothies sind. Und außer...

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. Harte Männer weinen nicht, außer vielleicht, wenn der Lieblingsverein absteigt; außer vielleicht, wenn im Kühlschrank nur Brokkoli und Spinat-Smoothies sind. Und außer vielleicht, wenn die Produktion einer automobilen Ikone nach Jahrzehnten eingestellt wird. Sollte diese zugegebenermaßen steile These stimmen, sind 2016 viele Tränen geflossen, als nach 68 Jahren Bauzeit der letzte Land Rover Defender vom Band lief.

Niemals aber geht man, um noch ein Klischee zu bemühen, so ganz – und so gibt es gut vier Jahre nach dem emotionalen Abschied vom „Landy“ ein Wiedersehen mit dessen gleichnamigem Nachfolger.

Bei einer ersten Ausfahrt mit dem Defender des Jahres 2020 steht eine Frage im Vordergrund: Ist der Neue ein würdiger Erbe der Legende – oder nur ein Allerwelt-SUV, dem man das Namensschild einer Ikone verpasst hat? Der harte Kern der eingefleischten Landy-Enthusiasten wird natürlich nie und nimmer eine Alternative für das Original akzeptieren. Jenen aber, für die der Defender zur Automobilgeschichte gehört wie in ihren Klassen der VW Käfer, der Toyota Corolla und der Porsche 911, macht es Land Rover leicht, den neuen Defender als angemessene Fortschreibung des Offroad-Klassikers zu akzeptieren.

Kein Besuch mehr beim Orthopäden nötig

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Mehr als das: Bei nüchterner Betrachtung hat der neue Defender gegenüber dem alten unschlagbare Vorteile. Wer hätte mit dem rustikalen Original eine Langstreckenfahrt ins Auge gefasst (wobei der anschließende Besuch beim Orthopäden beinahe fest mit eingeplant hätte werden müssen)? Der Defender 2020 ist vom Interieur eher ein Premium-SUV als ein frugaler Geländewagen, mit gemütlichen Sitzen, mit allen Fahrassistenzprogrammen, die das Leben leichter machen, mit einem Entertainment-System, das so modern ist, dass es sukzessive auch in anderen Modellen von Jaguar Land Rover eingeführt werden wird. Amüsantes Detail am Rande: Sozusagen als Gegenpart zur Weichzeichnung des Innenraums sind in den Türverkleidungen -zig Schraubenköpfe zu sehen, die den Defender optisch wohl zu einem Arbeitstier machen sollen (so etwas können wohl nur die Briten, ohne dass es lächerlich wirkt...).

Niemand sollte nun aber glauben, dass der im Innenraum auf Komfort getrimmte Defender kein ernsthafter Offroader mehr wäre. Im Gegenteil. Der 2020er-Landy basiert auf der neuen X7x-Karosseriearchitektur, das Chassis ist Land Rover zufolge zehn Mal steifer als das üblicher Wettbewerber. Der Rampenwinkel beträgt 28 Grad beim Defender der Version 110 und 31 Grad beim Defender 90, der vordere Böschungswinkel liegt bei 38 Grad, der hintere bei 40. Ob die Bodenfreiheit von 291 Millimetern es tatsächlich, wie Land-Rover-Techniktrainer Thomas Frische behauptet, ermöglicht, eine stehende Weinflasche zu überfahren, müssen wir an dieser Stelle anzweifeln. Für eine Bierflasche, die harte Männer wahrscheinlich ohnehin bevorzugen würden, reicht es aber allemal. Unter anderem diese Bodenfreiheit bringt es mit sich, dass man im Defender extrem hoch sitzt und wahrscheinlich sogar vor coronaverseuchten Aerosolen geschützt ist. So hoch fliegen die nicht...

Spannend wäre die Frage, wie viele Käufer des mindestens 49 760 Euro teuren Defender (Version 90 ohne Mehrwertsteuersenkung; Version 110 ab 55 600 Euro) mit ihrem Neuerwerb tatsächlich asphaltierte Straßen oder Waldwege verlassen. Im Gelände hält der Offroader umfangreiche technische Unterstützung bereit, die Landy-Classic-Puristen niemals erleben werden, von ClearSight Ground View, was einen Blick durch Motorhaube und Motor nach unten ermöglicht, bis zum Terrain Response System für verschiedene Bodeneigenschaften, das erstmals sogar programmiert werden kann.

cw-Wert von 0,68 gehört der Vergangenheit an

Ein letztes Beispiel, wie weit Klassiker und Neuinterpretation auseinanderliegen: Der cw-Wert des Neuen liegt bei 0,38, die des Klassikers bei 0,68. Das übersetzt sich in einen Normverbrauch von 7,7 l/100 km beim Defender 90 D200 mit 147 kW/200 PS (gemessen nach WLTP, umgerechnet auf NEFZ). Weitere Motorisierungen bieten für den Defender bis zu 294 kW/400 PS, dann bei einem Normverbrauch von 9,9 – 9,6 l/100 km. Eine Plug-in-Hybridversion ist für Ende des Jahres angekündigt.