Mein erstes Mal...beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring

aus Im Auto Mobil

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Irgendwie muss man ja beweisen, dass man tatsächlich beim 24-Stunden-Rennen war und nicht zum Fußballschauen in der Kneipe um die Ecke. Foto: Chowanetz

Es wirkt auf den ersten Blick als eine ausgesprochen seltsame Idee, ein Autorennen über einen Zeitraum von einem ganzen Tag zu veranstalten. Aber das 24-Stunden-Rennen auf der...

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. Fahrlehrer wird man bei einem 24-Stunden-Rennen wahrscheinlich nicht viele antreffen - sie würden wohl an ihrem Beruf verzweifeln. Die Wettkämpfer auf der Strecke verstoßen so gegen ziemlich alles, was man auf dem Weg zum Führerschein lernt: Machen Sie bei langen Fahrten ausreichend Pausen, in denen Sie sich gründlich erholen. Setzen Sie sich nur ausgeschlafen hinters Steuer. Fahren Sie bei Nacht nur so schnell, dass Sie noch im Lichtkegel Ihrer Scheinwerfer auf Gefahrenstellen reagieren können. Und vor allem: Fahren Sie defensiv, bleiben Sie entspannt, lassen Sie Drängler überholen. - Beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring bringt das konsequente Einhalten dieser Regeln garantiiert keinen Podiumsplatz ein.

Wippermann, Brünnchen oder Schwalbenschwanz

Wenn man als am Motorsport Interessierter noch irgendwie nachvollziehen kann, warum es ein sich über 24 Stunden hinziehendes automobiles Kräftemessen gibt, lässt das Verständnis ein wenig zu wünschen übrig, wenn es um die Frage geht, warum sich Fans das antun. Die belegen - nicht nur am Nürburgring - schon Tage vor dem eigentlichen Rennen die besten Stellflächen auf den Campingplätzen, sitzen dann während der 24 Stunden an Streckenabschnitten mit so klangvollen Namen wie Wippermann, Brünnchen oder Schwalbenschwanz und sehen jedes der knapp 200 Autos alle achteinhalb oder neun Minuten in wenigen Sekunden an sich vorbeirasen, wieder und wieder und wieder.

Impressionen ohne Ende

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Die Faszination eines 24-Stunden-Rennens für Zuschauer ist, wie gesagt, nur schwer nachvollziehbar - bis man das erste Mal selbst dabei ist. Was für ein Spektakel, was für ein Erlebnis! Die Impressionen wollen kein Ende nehmen: Vom Gridwalk kurz vor dem Rennen, bei dem man ganz dicht an Fahrzeuge und Fahrer herankommt, über den ohrenbetäubend lauten Start (den es für die verschiedenen Fahrzeugklassen gleich dreimal gibt), die zwar verbotenen, aber dennoch immer wieder gezündeten nächtlichen Feuerwerke überall an der Strecke bis zu einem Besuch in der Box, wo Mechaniker sich fieberhaft bemühen, einen Defekt am Fahrzeug zu beheben, während die gerade "dienstfreien" Piloten in Diskussionen mit der Crew verwickelt sind..

Nächtlicher Besuch an der Strecke

Alle anderen Höhepunkte des Rennens werden aber in den Schatten gestellt von dem, was zunächst am unspektakulärsten klingen mag: dem nächtlichen Besuch an der Strecke. Die Rennfahrer rasen etwa beim Stefan-Bellof-S trotz tiefster Dunkelheit mit einem Tempo - wie schnell mögen sie sein? 200? 220? - den abschüssigen Kurs hinunter, dass einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht (verliert das nahe Nürburg während solcher Veranstaltungen eigentlich den Titel "Luftkurort"?) und bremsen vor der Rechtskurve zum Schwalbenschwanz so spät ab, dass man in Gedanken schon die Unfallmeldung formuliert. Dabei bietet die relativ lange Gerade hervorragende Möglichkeiten zum Überholen - und die Fahrer nutzen sie bei vollem Risiko. Dass sie dabei während der Dunkelheit nur einen Teil der Strecke einsehen können - was soll´s? Die meisten Fahrer, erläutert der Nürburgring-Haudegen rechts von mir, könnten den Kurs auch mit geschlossenen Augen abfahren und wüssten dennoch ganz genau, wo auf der Strecke sie sich gerade befinden. Ich mache mir im Gedanken ein Memo: "Idee einer nächtlichen Mitfahrt auf dem Nürburgring ersatzlos verwerfen."

Gedanken schweifen ab

Wenn es eine Lücke in der Abfolge der Wagen gibt, bleibt Zeit, auch einmal über eigentlich nichtige Dinge nachzudenken. Wer in aller Welt hat in riesigen Buchstaben "Ina, ich liebe dich" auf die Fahrbahn gepinselt - und vor allem wann? War der unbekannte Romeo dabei froh, dass seine Herzensdame Ina hieß und nicht, sagen wir: Anna-Katharina oder Jennifer-Louisa?

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Vor der Siegerehrung nach Hause

Gerne würde ich an dieser Stelle berichten, ob es auch in der zweiten Hälfte ein solcher Riesenspaß bleibt, die 24 Stunden vom Nürburgring zu genießen. Ich muss jedoch zu meiner Schande gestehen, dass ich offensichtlich das Alter verlassen habe, in dem es ein Feldbett in der Nähe der Rennstrecke mit dem heimischen Schlaflager aufnehmen könnte - egal, welche Verlockungen sich in der Umgebung bieten. Fast beruhigt es mich ein wenig, dass ich mit dieser Einstellung nicht unbedingt alleine bin. Der Weg zurück vom Ring gestaltet sich mitten in der Nacht als Geduldsprobe. Die Abfahrten aus der Region Nürburg sind komplett dicht, fünf, sechs, manche sagen gar acht Kilometer Stau auf dem Weg zur Autobahn. Die verächtlichen Blicke der 24-Stunden-Rennen-Dauergäste, die ich im Nacken zu spüren meine, sind definitiv nur Einbildung. Selbst die eingefleischten Fans machen sich lange vor der Siegerehrung auf den Heimweg. Wenn man ein Hochgeschwindigkeitsrennen gesehen hat, ist es doppelt schlimm, anschließend im Schneckentempo in Richtung Heimat zu juckeln.