Hühnersteuer kostet Autobauer Millionen

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Auch der neue Vito muss vor dem Export in die USA zerlegt und am Ziel wieder zusammengebaut werden. Foto: Mercedes Benz Vans

Das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU ist - zu Recht - umstritten. Sollte die Vereinbarung aber in Kraft treten, dürften bei einigen Autoherstellern die...

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. Wunderliches passiert bei der Produktion des Mercedes Sprinter. Kaum ist das Nutzfahrzeug zum Beispiel in Düsseldorf fix und fertig vom Band gelaufen, werden die für den USA-Export bestimmten Exemplare gleich wieder demontiert. Die Segmente kommen jeweils in zwei separate Container, reisen auf zwei unterschiedlichen Schiffe in einer laaaaaangen Tour über den Atlantik und werden in den Vereinigten Staaten wieder zusammengebaut. Die zeitaufwendige Aktion kostet, so Volker Mornhinweg, Leiter von Mercedes-Benz Vans, pro Fahrzeug 3000 Dollar - ganz zu schweigen davon, dass sich die Lieferzeit um drei bis sechs Monate verlängert. Aber so oder mit ähnlich abstrusen Tricks vermeiden Hersteller von kleinen Nutzfahrzeugen, dass ihre Produkte in den USA mit einer 25-prozentigen Strafsteuer, der "Chicken Tax", versehen werden.

Kartoffeln, Brandy und Kleintransporter

Die, um es höflich zu formulieren, skurrile Abgabe geht zurück auf das Jahr 1963. Nachdem Frankreich und Deutschland eine Sondersteuer auf US-Hühnerfleisch erhoben, reagierte Präsident Lyndon B. Johnson, indem er auf bestimmte importierte landwirtschaftliche Produkte wie Kartoffelmehl oder Brandy (ja, Brandy!) seinerseits einen 25-Prozent-Zoll erhob. Zu den betroffenen Erzeugnissen gehörten (warum, weiß wohl niemand so genau) auch kleine Nutzfahrzeuge, sogenannte Light Trucks.

Scheiben durch Bleche ersetzt

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Während bei Kartoffel, Alkohol und anderen "Chicken-Tax"-Gütern die Strafsteuer irgendwann verschwand, besteht sie bei den Kleintransportern bis heute fort. Der enorme Erfolg solcher Fahrzeuge wie insbesondere des Sprinter ließ Mercedes nach Wegen suchen, den 25-Prozent-Importaufschlag zu vermeiden. Das funktioniert im Fall der Stuttgarter seit 2001, indem eben die fertigen Autos vor dem Export demontiert werden, weil nur ganze Fahrzeuge der "Chicken Tax" unterliegen. Den gleichen Prozess durchlaufen die Export-Exemplare des Vito. Die Konkurrenz ging oder geht nicht minder kreative Wege. Der in Europa gefertigte Transit Connect von Ford erreicht die USA als Pkw. Im Zielland werden die Rücksitze ausgebaut und die hinteren Scheiben durch Bleche ersetzt - fertig ist die (strafzollfreie) Kastenwagen-Version des Transporters.

Deutsche Arbeitsplätze in Gefahr

Nun könnte man über die Chicken-Tax lächeln wie über manche unbegreifliche EU-Verordnung. Im Fall von Mercedes beschleunigt die Strafsteuer aber das Vorhaben, in den USA ein Werk für leichte Nutzfahrzeuge hochzuziehen. Das wiederum trägt mit dazu bei, dass im Düsseldorfer Daimler-Werk bis zu 1800 der 6600 Arbeitsplätze wegfallen könnten.