Figaro hier, Figaro da – Der mobile Barbier von LA

aus Im Auto Mobil

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Perlende Erfrischung gefällig? Twain Taylor bietet eine Auswahl erlesenster Champagnersorten. Foto: Keldenich

Hersteller von Nutzfahrzeugen betonen immer wieder gerne, wie variantenreich ihre Produkte modifiziert und eingesetzt werden können. Wie wäre es zum Beispiel mit einem zum...

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. Von Axel Keldenich

„Haare schneiden, rasieren – zwei fuffzig!” hieß es einmal. Zugegeben, das ist auch hierzulande lange her, aber wenn ich bei Andy Paczuska, dem Friseur meines Vertrauens, 15 Euro auf die Theke lege, ist das schon inklusive Trinkgeld. Für solch ein Almosen schaltet Twain Taylor in seinem „Luxury Mobile Barbershop” nicht einmal das Radio ein. Okay, zu ihm muss ich auch nicht hingehen, er kommt zu mir. Also, er käme zu mir, wenn ich denn in Beverly Hills, Hollywood, Malibu oder irgendwo im kalifornischen Orange County rund um Los Angeles wohnte. Dann stünde exakt zur vereinbarten Zeit der eigens nach Twains Vorstellungen umgebaute und ausgestattete Mercedes Sprinter vor der Tür, in dessen Innerem sich das wahrhaft luxuriöse Studio befindet. Der goldglänzende ausladende Lederstuhl für den Kunden ist zwar der erste Hingucker, aber beileibe nicht der einzige. Der zweite Blick geht zur mit den feinsten Schampus-Sorten gefüllten Bordbar samt Kristallkelchen. Mit dem perlenden Nass in der Hand kann der Kunde auf einem Großbildschirm an der Stirnwand und weiteren vier Monitoren wahlwiese sein favorisiertes TV-Programm oder eine Auswahl an Movies betrachten, derweil der Meister sein Haupthaar wäscht, lockt, legt und föhnt.

175 Dollar Minimum

Die Feinen und Reichen dort zahlen locker die 175 Dollar, die Twains billigste Dienstleistung kostet. Dabei reden wir dann auch nicht mehr einfach über „Haare schneiden, rasieren“. In seiner Preisliste stehen neben Maniküre und Pediküre absolut ausgefallene Figaroleistungen wie Frisuren im Stile von prominenten Vorbildern. Aufgeschnappt hat der Maestro die Idee von Freunden seines Großvaters, die schon zu seiner Kinderzeit von einem Friseurladen auf Rädern träumten. Nachdem er selbst die Meisterprüfung als Coiffeur abgelegt hatte, erinnerte er sich an die Altherrenphantasieen.

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Unterstützung von Mercedes

Realisiert hat er das dann mit Hilfe von Ron Weaver, Gründer und Chef von „Automotive Design and Fabrication“ (ADF), einem so genannten „Upfiter“-Betrieb in San Fernando. Mit offizieller Unterstützung von Mercedes rüstet er Sprinter und neuerdings auch Metris – den amerikanischen Zwilling des Vito – nach individuellen Kundenwünschen um. Meistens zu individuellen Wohnmobilen, aber auch zu mobilen Filmstudios, TV-Übertragungswagen, Sonnenstudios oder eben zum Barbershop. Weaver ist einer von 40 Upfittern, mit denen Mercedes, das in Sachen Qualität und Sicherheit strenge Vorgaben macht, zur Zeit in den USA zusammenarbeitet. Tendenz steigend. In Weavers unscheinbarem Betrieb ohne jegliches Firmenschild herrscht seit Jahren Hochbetrieb. Nicht zuletzt deshalb, weil die Spezialisten die Grundideen ihrer Kunden verfeinern, konkretisieren und schließlich zu 100 Prozent im eigenen Hause umsetzen.

Mit Playstation und Satellitenschüssel

Wie beispielsweise den Einbau einer Chemotoilette im Heck des hochglanz-schwarz lackierten Barbershops, in dem es auch eine Playstation für Kunden gibt, die weder an TV noch an Videos Spaß haben. Auf dem Dach sitzt eine Satelliten-Schüssel und unter dem Chassisboden gibt es einen Tank für 375 Liter Wasser. Natürlich hat das alles seinen Preis. Twain Taylor will keine Summe verraten, wird dann aber doch recht deutlich: „Knapp sechsstellig“ sei der Dollarbetrag gewesen, den er zu berappen hatte. Da versteht man schon, warum er auch nicht gerade für den Mindestlohn arbeitet. „Ich habe drei Kinder auf dem College und eine Tochter auf einer Privatschule“, sagt Twain. „Da muss schon was reinkommen.“ Und wenn ihn ein Kunde an einem Sonntag sehen will, gibt es kein Vertun: Damit der Rubel rollt, rollt Twain los.

Flatrate für Figaro-Fans

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Ein kleiner Auszug aus seiner Preisliste verrät, dass er Rasuren, Barttrimmen und –färben zwischen 175 und 250 Dollar offeriert. Weiter oben auf dem Kopf gibt es auf Wunsch auch eine einfache Rasur für 175 Dollar, während das Angebot „mit und gegen den Strich“ schon 200 Bucks kostet. Färben kostet 220 und ein Komplettschnitt 250 Dollar. Das alles kann man auch in verschiedenen Kombinationen zu Paketen buchen, für die dann zwischen 275 und 550 Dollar fällig werden. Richtig preiswert sind dagegen Maniküre und Pediküre für schlappe 100 beziehungsweise 150 Dollar. Vierstellig wird’s bei Dreier-, Fünfer- oder Zehnerkarten. Schließlich bietet Twain seinen Kunden noch eine „Membership“. In fünf Levels gibt es seinen Service von 400 bis 3.200 Dollar einmal alle 14 Tage bis zu viermal pro Woche.

Nur für die Herren der Schöpfung

Seine Kunden bestellen ihn meist aus drei Gründen: Vorneweg, sagt Twain, wegen seiner fachlichen Qualität, dann, weil sie keine Zeit verschwenden für Wege zu so profanen Dingen wie Friseurläden, aber auch, weil die Zeit in Twain Taylors Reich durchaus etwas von Wellness hat. Und wer bestellt ihn? „Da sind Ärzte, Anwälte, Richter, Produzenten, Profisportler, Showgrößen und sogar Mitglieder königlicher Familien“, zählt der Barbier stolz auf. Und wer hier jetzt das politisch korrekte Binnen-I anmahnt, liegt daneben, denn Twain hat nichts mit weiblicher Kundschaft am Hut. Er widmet sich nur den Herren der Schöpfung und auch nur solchen mit Kurzhaarfrisuren.

Natürlich bedient er seine Kunden nicht nur vor deren Haustür, sondern auf Wunsch auch vor dem Sportstadion, am Airport oder bei Hotels. So ist Twain Taylor auch die Inkarnation des Barbiers von Sevilla, der in der berühmten Arie in Rossinis Oper ja auch omnipräsent sein soll, wenn es heißt: „Figaro hier, Figaro da …“

(Axel Keldenich, der Autor dieses Blogeintrags, arbeitet als freier Journalist für Tageszeitungen und Magazine.)