Auto ist Kino im Kopf

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Vorreiter: Beim britischen Kult-Auto Mini sind den Individualisierungen seit jeher keine Grenzen gesetzt. Ein Wagendach in den Farben des Union Jack ist da schon fast ein alltägliches Extra. Foto: BMW

Mitfahrzentralen, Car-Sharing, Privattaxi-Apps - fast scheint es, als gäbe es keinen Grund mehr, sich ein eigenes Auto zuzulegen - und wenn doch, dann nur eine schlichte...

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. Von Lars Hennemann

Neulich, beim Stammtisch. Männer unter sich. Das Gespräch kommt nach gefühlten 32 Sekunden auf ein erwartbares Thema: Autos. Den Aufschlag macht der Vertreter der Fraktion, der Autos für ein Produkt hält, das sich eigentlich schon lange überlebt hat. Er erzählt davon, wie zufrieden er doch mit seinem fahrbaren Untersatz sei, der keine 10000 Euro gekostet habe. Und garniert seinen Bericht mit Anekdoten von Besitzern von Nobelkarossen süddeutscher Provenienz, die - klar - "nichts als Ärger" mit diesen hätten.

Schweigen in der Runde. Mir gehen noch andere Berichte durch den Kopf. Die von vor allem jungen Leuten, die komplett aufs Auto verzichten. Weil es ihnen nichts mehr bedeutet. Oder Dienstleistungen, die man abruft - Auto ja, aber nur auf Zeit. So wie man es gerade will oder benötigt. Wo sind sie hin, die Zeiten von Benzin im Blut, dem gierig brüllenden, feuerroten Sechs-Zylinder-Kompressor am Fuße eines Alpenpasses, dem Schwebegefühl beim Cruisen? Dekadenter Luxus vergangener Zeiten, dem nur noch die hinterhertrauern, die nicht gemerkt haben, dass wir längst in anderen Zeiten leben?

Sag es durch die Blume

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Nein. Auto ist Kino im Kopf. Und das wird nie an Beliebtheit verlieren. Wer es nicht glaubt, möge an den ersten Beetle zurückdenken, den VW herausbrachte, in der Hoffnung auf eine möglichst lukrative Neuauflage des Käfer-Feelings. Das Auto war eine komplette Mogelpackung. Golf-Gestell, Golf-Technik, ungefähr so romantisch wie eine Nacht in der Wolfsburger Fußgängerzone. Aber am Armaturenbrett war eine Blume angebracht. Flower Power mit dem Marketing-Holzhammer, klar. Aber die ebenso lächerliche wie rührende Geste zeigte eines: Ein Auto will nicht nur gefahren werden, es löst etwas aus in unserem Kopf. Wir wollen uns in ihm sehen - selbst wenn wir es komplett ablehnen. Dann besteht das Kopfkino eben im E-Bike oder im Monatsticket für den Gelenkbus der Stadtwerke.

Ziehen zerren, zupfen

Seit dem Beetle haben die Hersteller dazu gelernt. Sie befriedigen jede noch so kleine Lücke, die unsere Vorstellungswelt lässt. Da wird am Blech braver Mittelklasselimousinen nur ein wenig gezogen, gezerrt und gezupft - und schon sitzt man im sportlichen Coupé. Ein simpler, Tausende von Euro teurer Trick, der hervorragend funktioniert, wie der 4er BMW oder Audis A5 beweisen. Ungelenke SUVs kann man auf ähnliche Weise umfunktionieren: Einmal mit dem großen Designhammer draufgeschlagen, und schon sitze ich nicht mehr in einem überdimensionierten Hausfrauenpanzer, sondern in einem Aktivität und Coolness versprühenden - ja was denn? Die Antwort gibt jeder selbst, der einen X4, einen Mokka oder einen Evoque kauft. Per Kino im Kopf.

Rule Britannia

Am weitesten treibt dieses Spiel derzeit wohl der Mini. Es gibt ihn mittlerweile oder bald in allen Varianten zwischen relativ nah am Urahn befindlichen Zweitürer bis zum trendigen Lieferwagenverschnitt. Demnächst sogar als Viertürer. Sogar bei dem ist anzunehmen, dass das Kalkül seiner Erfinder aufgehen wird, weil selbst dieser doch schon arg langweilige Entwurf immer noch die Kaufanreize aussendet, die der Mini aussenden soll: exzentrischer als die technoid-kühlen Konkurrenten aus Korea, Japan oder Deutschland. Wer will, kann sich zur Sicherheit ja das Dach als Union Jack lackieren lassen. Das hilft in den Momenten, in denen man der eigenen Autosuggestion vielleicht doch nicht so recht über den Weg traut...

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Mein Auto soll wie ich sein

Nächste Station: Rüsselsheim. Mit dem Adam baut Opel das Auto, das uns den Weg weist in das, was wir vielleicht Kopfkino 2.0 nennen könnten: Autos, die komplett so sein sollen wie wir uns selbst sehen (wollen). Sternenhimmel, Lenkräder in allen Farben des Regenbogens, Lack in kunstvoll vertropfter Do-It-Yourself-Optik - dagegen war die Plastikblume des Beetle ein Sturm in der Kunststoffvase. Natürlich bieten auch andere Hersteller mittlerweile Ausstattungsideen, die man bis vor wenigen Jahren allenfalls in Spielzeugläden vermutet hätte. Aber der Mini mit dem Blitz auf der Schnauze zeigt besonders augenfällig, dass Kopfkino mittlerweile keine Frage des Preises mehr ist. Und die nächste Welle rollt schon: Sie wird vollelektronisch sein. Unsere Autos werden unsere Welt tragbar, nein: komplett fahrbar machen. Sie werden, wenn wir das zulassen und für eine gute Idee halten, unser Eingabegerät für Internet, soziale Netze, Musikdienste, und und und. Und das alles in der stählernen oder zunehmend kunststoff-durchzogenen (nein, hier ruft jetzt bitte niemand Trabbi, das ist kein Kopfkino, sondern Verklärung!) Verpackung, die jeder will. Für seinen Kopf.

Last exit Dacia

Die Diskussion am Stammtisch wechselt zu einem anderen Thema. Der Vertreter der Verzichts-Fraktion, der die Debatte angestoßen hatte, fährt Dacia. Und ist mit diesem Auto zufrieden. Soll er und kann er bestimmt auch. Bei dieser Marke will er jedenfalls bleiben. Aber als nächstes will er sich einen Duster kaufen, den Mini-SUV der rumänischen Pfennigfuchser-Marke. Weil der so schön praktisch und irgendwie ein ganz klein wenig rabaukig gestylt ist. Kino im Kopf. Unsere Autos mögen in den nächsten Jahren, was ihre Technik anbelangt, immer vernünftiger werden. Vermutlich müssen und sollten sie das auch. Aber es ist ein herrlich beruhigendes Gefühl, dass wir für anhaltende Unvernunft schon selbst sorgen werden. Weil das Leben sonst einfach nur stinklangweilig wäre. Nicht nur beim Thema Auto.

(Lars Hennemann ist 46 Jahre alt und wuchs in einer Stahlarbeiterstadt auf. Stahlarbeiter, die vor allem für die Autoindustrie zulieferten. Sein Interesse an allem, was sich auf vier Rädern bewegt, ist auch im Zeitalter von Aluminium und Kunststoff ungebrochen. Lars Hennemann ist stellvertretender Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung Mainz und des Wiesbadener Kurier.)