Schon zwölf Tafeln in Rheinland-Pfalz geschlossen

aus Coronavirus-Pandemie

Thema folgen
Die Tafel in Mainz gehört zu den Einrichtungen in Rheinland-Pfalz, die wegen der Corona-Krise geschlossen wurden. Archivfoto: Harald Kaster

Die Corona-Krise hinterlässt auch ihre Spuren in der Versorgung der Bedürftigen. Zwölf Tafeln in Rheinland-Pfalz sind bereits geschlossen. Die Spenden gehen deutlich zurück.

Anzeige

MAINZ. Das Coronavirus trifft auch die Tafeln in Rheinland-Pfalz hart. Vor zwei Wochen berichtete der Landesverband von deutlichen Spendenrückgängen aufgrund von Hamsterkäufen, mittlerweile sind zwölf Einrichtungen geschlossen, darunter Mainz, Worms, Oppenheim, Alzey und Bad Kreuznach.

Die Epidemie kommt über die Hilfsorganisation in einer durchaus angespannten Umbruchphase, wie das Sozialministerium in Mainz andeutet. Aktuell gebe es zwar „keine Hinweise für eine ,Überforderung‘ der Tafeln“, auch über finanzielle Defizite sei nichts bekannt. Gleichwohl stünden einzelne Einrichtungen vor neuen Aufgaben, berichtet Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD): „Dabei handelt es sich um grundsätzlich lösbare Herausforderungen.“

Die Einrichtungen vesorgen 54.500 Menschen

Bätzing-Lichtenthäler erklärt dies in einer Antwort auf eine Große Anfrage der CDU-Landtagsfraktion, die bereits vor dem Corona-Ausbruch gestellt und bearbeitet worden ist. Bei ihren Auskünften beruft sie sich im Wesentlichen auf den unabhängigen Landesverband Tafel Rheinland-Pfalz/Saarland, der nicht unter Landesaufsicht steht.

Anzeige

Demnach gibt es derzeit in Rheinland-Pfalz 54 Tafeln mit 86 Ausgabestellen, unter anderem in Mainz, Worms, Bingen, Bad Kreuznach, Kirn und Sobernheim. Sie versorgen 54.500 Menschen, von denen rund die Hälfte Sozialhilfe bezieht. Ein Viertel der Kunden bekommt Grundsicherung oder Rente. Der Anteil der Asylbewerber liegt hingegen „nur“ noch bei ungefähr 20 Prozent.

Von den rund 4700 Mitarbeitern erhalten nur 160 Entgelt, der größte Teil arbeitet ehrenamtlich. Fast alle Tafeln werden von eigenen Vereinen getragen oder sind Teil größerer Vereine wie „Treffpunkt Reling“ in Bad Kreuznach oder die Obdachloseninitiative „Platte“ in Bingen. Für sie bleiben Spenden die wichtigste Einnahmequelle. Öffentliche Zuschüsse der Kommunen erhalten zwar 42 Prozent der Tafeln. Sie spielen aber ebenso wie die „Münze“ – das ist der symbolische Beitrag der Kunden in Höhe von ein bis zwei Euro – nur eine untergeordnete Rolle.

„Eine flächendeckende finanzielle Förderung der Tafeln erfolgt nicht“, betont Bätzing-Lichtenthäler. Und das soll auch so bleiben, weil es dem Selbstverständnis der Tafeln entspreche. Lediglich Zuschüsse für Fortbildungsmaßnahmen für Tafel-Mitarbeiter könne das Sozialministerium zusagen, als Teil der Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Ihre Zukunftsherausforderungen müssen die Tafeln also selbst lösen – und das sind nicht wenige: Neben der sattsam bekannten schwindenden Bereitschaft fürs Ehrenamt erwartet der Landesverband eine Verschiebung von Einzel- zu Großspenden. Dafür müssen mehr zentrale Lagerkapazitäten geschaffen werden, besonders für Kühlprodukte.

Das vielleicht größte Problem: Viele Spender wünschen einen „projektbezogenen Mitteleinsatz“, schreibt Bätzing-Lichtenthäler unter Berufung auf den Verband. Also Sachspenden für eine bestimmte Zielgruppe oder einen Anlass. Die größten Kostenfaktoren der Tafeln sind jedoch Mieten, Strom und andere laufende Betriebskosten, zum Beispiel für Anschaffung und Unterhalt von Fahrzeugen oder Gebäuden. „Entscheidenden Anteil“ an den Kosten hat nach Angaben des Landesverbandes zudem die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften in Sachen Lebensmittelhygiene und Datenschutz. Das klingt ein bisschen nach „Bürokratie essen Tafeln auf“.

Anzeige

Weil eine direkte Förderung der Tafeln weder möglich noch gewünscht sei, sieht Bätzing-Lichtenthäler den stärksten Hebel der Landesregierung, die Vereine zu unterstützen, weiterhin in der allgemeinen Armutsbekämpfung: „Der Schlüssel zur Reduzierung von Armut und sozialer Ungleichheit ist eine gute Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik.“ Die dazu ergriffenen Maßnahmen, die Bätzing-Lichtenthäler auf zwei Seiten auflistet, helfen den Tafeln nicht direkt. Ihre Quintessenz lautet: Das Land unterstützt die Tafeln am meisten, indem es dafür sorgt, dass immer weniger Menschen vor lauter Armut hingehen müssen. Wegen Corona geht das im Moment gar nicht.

Von Ulrich Gerecke