Rübenbauern: Bienen von Insektizid nicht betroffen

Die Firma Südzucker mit dem Werk im rheinhessischen Offstein gehört zu den Betrieben, die eine Notfallzulassung für das Insektizid bekommen haben.  Foto: dpa

Die Landwirte aus Rheinland-Pfalz wehren sich gegen die Kritik an der Notfallzulassung für ein Pflanzenschutzmittel. Ohne dessen Einsatz stünden Existenzen auf dem Spiel.

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MAINZ. Der Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer wehrt sich gegen die Vorwürfe von Tierschützern, durch die Notfallzulassung des Mittels Cruiser 600 FS und den darin enthaltenen Wirkstoff Thiamethoxam Bienen und Insekten zu gefährden. „Sowohl ökologisch, sozial als auch wirtschaftlich ist diese Notfallzulassung absolut gerechtfertigt. Bienen sind nicht betroffen durch die Anwendung“, sagte Christian Lang, Geschäftsführer Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer.

Das Mittel wurde bis Herbst 2018 im Zuckerrübenanbau gegen Vergilbungsviren eingesetzt und dann verboten. Kurz vor Weihnachten erlaubte das von Julia Klöckner (CDU) geleitete Bundeslandwirtschaftsministerium den Einsatz, weil die Viren wieder um sich griffen – aber nur als Notfallzulassung. Das heißt: befristet bis Ende April, auf ausgewählten Flächen und unter strengsten Auflagen. Unter anderem hat die Firma Südzucker im pfälzischen Offstein eine solche Zulassung.

Tausende Arbeitsplätze seien bedroht

Die Zuckerrübenbauern und die Zuckerfabrik Offstein kämpften derzeit wegen des Virusbefalls um ihr Überleben, tausende Arbeitsplätze seien bedroht: „Zwei Erreger – Viren und Bakterien – treten als schlimmste Pandemie auf dem Acker auf.“ Gegen die Bakterien der parallel aus Süden eingewanderten Zikaden werden derzeit in Worms, Gießen und Bad Kreuznach Gegenmaßnahmen erforscht, was naturgemäß Zeit kostet. Im vergangenen Jahr sei deshalb in Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland die „Alarmstufe Rot“ für die Bekämpfung der Viruskrankheiten ausgerufen worden. „Dazu kam es, weil im Klimawandel Blattläuse als erwachsene Tiere überwintern und sofort im Frühjahr die jungen Pflanzen überfallen“, erklärt Lang. „Sie tragen die Viren in sich und die Krankheit vermindert den Zuckerertrag um bis zu 45 Prozent! Damit wird der Anbau unwirtschaftlich und die Zuckerfabriken müssen für alle Zeit schließen. Mit dem minimalen, kontrollierten und wissenschaftlich begleiteten Einsatz der Beizmittel können wir einen nicht mehr zu reparierenden Schaden an der heimischen Wirtschaft und regionalen Lebensmittelproduktion abwenden.“

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Lang betonte: „Mit dem Notfall-Einsatz der Neonic-Beize können 90 Prozent der sonst in der Fläche nötigen Mittel eingespart werden.“ In zahlreichen europäischen Ländern wird das bereits praktiziert. „Es gibt bisher auch nach Meinung der Wissenschaft keinen umweltschonenderen und wirksamen Schutz vor Virusübertragung.“ Die Neonic-Mittel, die den besagten Wirkstoff enthalten, verpassen den Zuckerrüben „Schutzmasken“, um sie in der Anfangsphase vor Blattläusen zu schützen. Der Wirkstoff werde deshalb auch in Hundehalsbändern gegen Flöhe eingesetzt. „Gegen Hundehalsbänder gibt es keine Petition – wer legt sich schon gerne mit Heimtierhaltern an, wenn man selbst Bienen als Nutztiere züchtet?“, klagt Lang.

"Keinerlei dokumentierte Bienenschäden"

Nach seinen Aussagen gingen die Auflagen für den Thiamethoxam-Einsatz in der Landwirtschaft „weit über eine wissenschaftlich begründete Notwendigkeit hinaus“. Zudem blühten Zuckerrüben („Eine der besten Kulturen für die Biodiversität des Ackerbaus“) nicht zeitgleich mit der Aktivität von Bienen. „Es gab und gibt weltweit keinerlei dokumentierte Bienenschaden durch Zuckerrüben“, sagte Lang. Imker müssten keine Schäden befürchten. Kritiker des Notfalleinsatzes aus der Ökologie, Biologie oder der Deutschen Umwelthilfe würden „Angst vor Schäden schüren, die es nicht gibt! Pflanzenschutzgegner interessiert das nicht.“

Auch Eberhard Hartelt, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz, verteidigte die Notfallzulassung als notwendig und angemessen. „Immer wieder wird das Argument angeführt, die Bienen seien beim Einsatz von Neonicotinoiden gefährdet“, sagte Hartelt. „Dies ist bei einem Einsatz als Beize bei Zuckerrüben jedoch nicht der Fall, da die Rübe nicht blüht. Die nun erfolgte Notfallzulassung in Deutschland wurde unter strengen Auflagen erteilt, so dass die Gefährdung der Biene ausgeschlossen werden kann.“ Kein Landwirt habe Interesse daran, Bienen zu gefährden, erläuterte Hartelt. Es sei jedoch erforderlich die Ernte zu schützen, um heimischen Zucker erzeugen zu können. Der BWV habe sich daher gemeinsam mit vielen weiteren Verbänden in Deutschland für die Notfallzulassung eingesetzt.

"Ohne Pflanzenschutzmittel mit Wirkung über die Vergilbungskrankheit im Rübenanbau würde die Zuckerproduktion in Deutschland eingestellt werden müssen", warnte Norbert Schindler, Präsident der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz. "An der Rheinschiene haben in den letzten beiden Jahren schon etliche Landwirte mit dem Rübenanbau aufgehört. Wollen wir in Zukunft unseren Zucker nur noch aus Brasilien und Übersee beziehen?" Deutschland hinke bei der Notfallzulassung ohnehin hinter anderen Ländern hinterher.

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Von Ulrich Gerecke