Ohne erhobenen Zeigefinger

Beratung am runden Tisch: Diplom-Sozialpädagogin Kristina Friedel-Linzenmeyer (Mitte) hilft jungen Drogenkonsumenten. Unser Foto zeigt sie mit Ursula Pich, Mitarbeiterin der Alzeyer Jugend- und Drogenberatung, sowie mit Geschäftsführer Eberhard Speidel. Foto: photoagenten/Carsten Selak  Foto: photoagenten/Carsten Selak

Die Schlossgasse führt zu den zentralen Orten in Alzey und hat etwas Heimeliges. Für manchen Jugendlichen ist sie indes ein Weg der Reue, für einige der Weg zur Besserung. Er...

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ALZEY. Die Schlossgasse führt zu den zentralen Orten in Alzey und hat etwas Heimeliges. Für manchen Jugendlichen ist sie indes ein Weg der Reue, für einige der Weg zur Besserung. Er führt sie zur Jugend- und Drogenberatungsstelle Alzey. Im Erdgeschoss erinnern Gitter an die Vergangenheit des Gebäudes als Gefängnis.

Bevor die Jugendlichen diesen Weg gehen, sind sie erstmals mit „weichen Drogen“ wie Cannabis erwischt worden. Ein Jugendgericht hat sie zur Teilnahme an der „Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten“ – kurz FreD – verdonnert. Oder sie sind Polizisten aufgefallen oder auch Eltern. Die Teilnahme kann die 15- bis 21-Jährigen vor dem Jugendarrest bewahren. Es soll eine frühe Intervention sein. Mit dem Grundsatz „Hilfe vor Strafe“.

„Die Jugendlichen sind erstmal sehr zurückhaltend, wenn sie zu uns kommen. Sie haben Respekt und sind unsicher“, schildert Kristina Friedel-Linzenmeyer. Die Diplom-Sozialpädagogin gibt die FreD-Kurse, die vier Mal zwei Stunden dauern und an denen vier bis neun Jugendliche teilnehmen – meistens Jungs. Aber dann seien sie überrascht, dass ihnen die FreD-Verantwortlichen auf Augenhöhe begegnen und einen entspannten Gesprächston wählen. Es gehe nicht um den erhobenen Zeigefinger, in FreD würden die Jugendlichen vor allem beraten und informiert.

Das geschieht, indem die Jugendlichen über die Gründe für ihren Drogenkonsum reden. Manche seien froh, regelrecht erleichtert, bei FreD zu sein. Hier könnten sie erstmals über das reden, was sie belaste: etwa Stress oder Erwartungshaltungen, die an sie gestellt würden. Friedel-Linzenmeyer bringt Wissen über das Thema ein, etwa über die Folgen von Sucht: „Es gibt viele Gerüchte und Halbwahrheiten über Drogen. Die Jugendlichen finden es gut, dass sie die Möglichkeit haben, darüber nachzudenken.“

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Information sei das erklärte Ziel von FreD, sagt Friedel-Linzenmeyer. Doch es ergäben sich weitere Wirkungen. Etwa, dass ältere Teilnehmer für jüngere Verantwortung übernehmen. Die Beratungsstelle bleibe mitunter auch eine Anlaufstelle, wenn die Kurse abgelaufen sind: Wenn die Jugendlichen Fragen zu Folgen hätten, die sich ergeben, weil sie mit Drogen erwischt wurden. Etwa wenn sie den Führerschein machen wollen und dabei ihre Abstinenz nachweisen müssen.

Prävention ist in all ihren Formen immer auch dem Vorwurf ausgesetzt, nichts zu bewirken. Die FreD-Macher betreiben Erfolgskontrollen. Gut die Hälfte der Teilnehmer lasse nach dem Besuch die Finger von Drogen. Andere bräuchten mehr Zeit: „Bei Gefährdeten machen wir ein Nachgespräch und zeigen Möglichkeiten auf.“ Anderen habe Friedel-Linzenmeyer auch schon deutlich gesagt, sie müssten einen Entzug machen.

Es gibt das Projekt FreD seit dem Jahr 2000. Das Land stellte im Jahr 2015 der Beratungsstelle gut 20 000 Euro bereit. Das Geld muss immer wieder neu beantragt werden.

FreD sei eine „letzte Weggabelung“ für die Jugendlichen, sagt die hauptamtliche Mitarbeiterin Martina Miedreich. Eine Chance, von der Drogenkarriere Abstand zu nehmen. Daher ist die Frage über den Wert von FreD für Jürgen Heigl auch simpel zu beantworten: „Was würde passieren, wenn es FreD nicht gäbe? Es gäbe einige Drogenabhängige mehr.“ Heigl ist Vorsitzender des Vereins, der als einziger Gesellschafter für die GmbH fungiert, welche die Beratungsstelle betreibt.

Von Mario Thurnes