Hochschulzukunftsprogramm: Alles bestens an den Unis in...

Archivfoto: hbz/Sämmer, Henkel

Als vor zehn Tagen das "Hochschulzukunftsprogramm Rheinland-Pfalz" auf dem Tisch lag, war Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) bemüht, zufrieden zu wirken. Alles bestens...

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MAINZ. Als vor zehn Tagen das "Hochschulzukunftsprogramm Rheinland-Pfalz" auf dem Tisch lag, das Ergebnis der einjährigen Arbeit einer vom Land eingesetzten Expertenkommission, war Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) bemüht, zufrieden zu wirken. Zumindest nach außen interpretierte er das Papier vor allem als Bestätigung: Die Hochschulen des Landes seien "auf einem guten Weg" und leisteten "hervorragende Arbeit in Forschung, Studium und Lehre".

"Dieses Papier ist eine Ohrfeige für den Minister"

Alles bestens also? Mitnichten. Die Lesart an den Universitäten und Fachhochschulen des Landes scheint doch ein wenig anders zu sein als die des Ministers. Ein Professor der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erkennt in dem Dokument eine "Ohrfeige für den Minister", wenn auch eine "weichgespülte", und in einem der Leitgedanken des Papiers, Synergien zu schaffen, eine Generalabrechnung mit der Hochschulpolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Im Sinne von "Standortpolitik" seien genau die Parallelstrukturen geschaffen worden, deren Abbau die Kommission nun dringend empfehle.

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Der Wissenschaftler sieht klare Indizien dafür, dass die Botschaft eines "Brandbriefs", mit dem alle zehn Dekane und beide Rektoren auf die finanzielle Notlage der Uni Mainz aufmerksam gemacht hatten, bei der Kommission angekommen sei. Nicht von ungefähr warne der Bericht die Landesregierung mit deutlichen Worten davor, bei der Hochschulfinanzierung noch mehr einzusparen.

"Ein Ausstiegsszenario gibt es nicht"

Auch das habe die Kommission klar erkannt: Das drohende Auslaufen der Bund-Länder-Mittel aus dem bis 2020 befristeten Hochschulpakt sei eine finanzielle Zeitbombe, die Hochschulen in Rheinland-Pfalz besonders hart treffen würde ­– weil der Anteil an der gesamten Bund-Länder-Finanzierung hier mit 40,5 Prozent höher ausfalle als in jedem anderen Bundesland. "Ein Ausstiegsszenario gibt es nicht", sagt der Mainzer Wissenschaftler.

An der Uni Mainz hängen mehrere hundert Stellen von Doktoranden und Postdoktoranden in den Sozial- und Geisteswissenschaften am Tropf des Hochschulpaktes. Diese Mitarbeiter sehen einer ungewissen Zukunft entgegen, solange die Fortsetzung des Programms nicht gesichert ist.

"Wir machen uns da schon Sorgen"

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"Wir machen uns da schon Sorgen", bestätigt Universitätspräsident Georg Krausch. "Wenn das nicht fortgeführt wird, stehen wir vor ernsten Problemen." Die Verstetigung des Hochschulpaktes stehe zwar im Groko-Vertrag, doch das sei "nur die halbe Miete", solange der Landesanteil nicht ebenfalls dauerhaft gesichert sei.

Insgesamt sieht Krausch den Ernst der finanziellen Lage an der Universität Mainz in dem Bericht realistisch abgebildet. Es sei nun mal die Wahrheit: Rheinland-Pfalz zähle nicht zu den finanzstarken Ländern. "In der Hochschullandschaft stehen wir ähnlich da wie Mainz 05 in der Bundesliga: Wir haben vergleichsweise wenig Geld, schaffen es aber trotzdem, uns ganz gut zu behaupten, zumindest bislang."

"Eine Reformierung der Hochschulfinanzierung ist seit Jahren überfällig"

Noch besser könne das gelingen, hofft Krausch, wenn Verbesserungen im System der Hochschulfinanzierung umgesetzt würden, die sich die Universität schon lange wünsche und die nun von der Kommission angeregt würden. Dazu zählen eine längerfristige Planung, die den Hochschulen mehr Sicherheit geben würde, und die Übertragung der Verantwortung für den Stellenplan an die Hochschulen, im Sinne echter finanzieller Autonomie. "Angesichts eines Globalhaushalts an der Universität macht es wenig Sinn, am Stellenplan festzuhalten, das sagen wir schon lange", bekräftigt Krausch.

Auch der Präsident der benachbarten Hochschule Mainz, Gerhard Muth, findet: "Eine Reformierung der Hochschulfinanzierung ist seit Jahren überfällig. Das muss nicht bedeuten, dass wesentlich mehr Geld fließt. Aber etwas mehr Transparenz in der Mittelzuweisung sollte schon möglich sein."

Erste Gespräche noch vor den Sommerferien

Er wolle sich nun erst mal "intensiv und gründlich" mit den Aussagen des Berichts befassen, teilte Wissenschaftsminister Konrad Wolf auf Anfrage mit – und ergänzte: "Natürlich bedeutet dies nicht, dass wir jeden Vorschlag teilen." Gemeinsam mit den Hochschulen werde er die weiteren Schritte abwägen, erste Gespräche fänden noch vor den Sommerferien statt. Bis Ende des Jahres solle dann eine für alle verbindliche Rahmenvereinbarung mit den Eckpunkten der künftigen Hochschulentwicklung stehen. Mit der Frage der Stellenpläne befasse sich eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Ministerium und Hochschulen bereits seit Wochen, noch lägen keine Ergebnisse vor. Was den Hochschulpakt angeht, verwies Wolf auf den gemeinsamen Beschluss von Bund und Ländern bei der Wissenschaftskonferenz im April, bis Juni 2019 eine Verwaltungsvereinbarung zur Fortführung des Paktes auszuarbeiten. Er sei zuversichtlich, dass dieses Ziel erreicht werde.

Die Empfehlungen der Kommission

Im Auftrag des Mainzer Wissenschaftsministeriums nahm im April 2017 eine 16-köpfige, hochkarätige Expertenkommission eine Gesamtbetrachtung des rheinland-pfälzischen Hochschulsystems in Angriff, um Stärken und Schwächen zu analysieren und Empfehlungen zur Weiterentwicklung auszuarbeiten. Das Ergebnis soll als Grundlage einer künftigen Rahmenvereinbarung zwischen der Landesregierung und den Hochschulen mit einer angestrebten Laufbahn von fünf Jahren dienen.

Nach einem Jahr stellte die Kommission unter Vorsitz von Professor Holger Burckhart, Rektor der Universität Siegen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, am 25. April ihren Abschlussbericht vor, das 60-seitige Hochschulzukunftsprogramm Rheinland-Pfalz.

Im Schlusskapitel formuliert die Kommission klare Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Wissenschaftsstandorts Rheinland-Pfalz. Die Wichtigsten lauten:

Regionale, aber auch länderübergreifende Kooperationen der Hochschulen mit außeruniversitären Institutionen, Unternehmen und Kammern ausbauen.

Mehr Kooperation der Hochschulen untereinander. Noch ungenutzte Möglichkeiten der Zusammenarbeit bieten sich nach Ansicht der Kommission vor allem zwischen Universität Koblenz/Landau, Technischer Universität Kaiserslautern und Fachhochschule Koblenz sowie durch diese neuen Kooperationsmodelle; Universität/Fachhochschule Trier, Fachhochschule Worms/Fachhochschule Ludwigshafen, Fachhochschule Mainz/Fachhochschule Bingen, Technische Universität/Fachhochschule Kaiserslautern.

Der internationale Wettbewerbsfähigkeit der Universität Mainz nachhaltig unterstützen.

Durch gezielte Förderung von Forschung die Profilbildung der Hochschulen verstärken. Das Land soll die Universitäten bei der Berufung herausragender Wissenschaftler unterstützen und könnte einen zusätzlichen Forschungsfonds auflegen.

Das System der Hochschulfinanzierung gründlich überarbeiten; den Hochschulen zur Förderung ihrer Wettbewerbsfähigkeit mehr finanzielle Autonomie gewähren; dazu zählt auch die Übertragung der Stellenplanverwaltung vom Land auf die Hochschulen.