Verhängnisvoller Pakt mit dem Faschismus

Es war Rolf Hochhuth, der in seinem Theaterstück „Der Stellvertreter“ Papst Pius XII. (1939-1958) den Vorwurf machte, zur Ermordung von Millionen Juden geschwiegen zu...

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MAINZ. Es war Rolf Hochhuth, der in seinem Theaterstück „Der Stellvertreter“ Papst Pius XII. (1939-1958) den Vorwurf machte, zur Ermordung von Millionen Juden geschwiegen zu haben. Sein Vorgänger Pius XI. gilt vielen Historikern als wahrer „Stellvertreter Jesu Christi auf Erden“. Als Papst, der dem Faschismus die Stirn bot. Nach der Lektüre des US-Historikers David Kertzer jedoch wird man die Geschichtsschreibung korrigieren müssen.

Kertzers These: ohne Vatikan kein Faschismus, ohne Pius XI. kein Benito Mussolini. Die Chronik der unheilvollen Verstrickung der Kurie mit der faschistischen Elite macht deutlich, dass sich der Duce und Pius XI. zwar nicht mochten. Sie schlossen aber einen verhängnisvollen Pakt. Als beide 1922 an die Macht kamen, etablierten sie ihre Herrschaft in gegenseitigem Einvernehmen. Der Diktator brauchte die Kirche, die ihm moralische Legitimität verlieh. Der Papst wiederum zählte auf Mussolinis Hilfe, um die bröckelnde Macht der Kirche zu sichern. Beide verband zudem die Furcht vor dem Kommunismus. Und sie stimmten darin überein, dass Demokratie schlecht sei, dass Menschen der Obrigkeit gehorchen sollten. So ordnete Mussolini an, dass in allen Klassenzimmern, Krankenhäusern und Gerichtssälen wieder Kruzifixe aufgehängt wurden; Priester und Bischöfe erhielten eine bessere staatliche Versorgung; die Kirche bekam etliche Millionen Lira, um Gotteshäuser zu restaurieren. Fortan sorgte der Vatikan verlässlich für die religiöse Begleitmusik des Faschismus.

Pius XI. – so Kertzer – habe seine Erfahrungen mit dem Faschismus danach auf den deutschen Nationalsozialismus übertragen. Ähnlich wie in Italien habe er in Deutschland die katholische Partei – das Zentrum – geopfert, um mit Adolf Hitler einen Deal zu schließen. Gegen Ende seines Lebens – Pius XI. stirbt 1939 – kann der Papst jedoch die antisemitischen Geister, denen er sich nicht entgegengestellt hatte, nicht mehr einfangen. Faktenreich und spannend, beschämend und erschütternd schildert Kertzer die Schuld der Kirche. Sein Buch wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet – es hat ihn verdient.

Von Helmut Ortner