Leidenschaftlicher Demokrat: Gastbeitrag zu Walter Lübcke

aus Der Mordfall Walter Lübcke

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Walter Lübcke: Der CDU-Politiker wurde am 1. Juni 2019 vor seinem Wohnhaus durch einen Kopfschuss getötet. Sein Engagement für Flüchtlinge und sein Widerspruch gegen Pegida-Anhänger hatten ihn zu einer Reizfigur für die rechte Szene gemacht.  Archivfoto: dpa

Walter Lübcke wurde Opfer rechter Hetze. Gastautor Christian Engelhardt (CDU), Landrat im Kreis Bergstraße, erinnert sich an den sympathischen Menschen und engagierten Politiker.

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KASSEL. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen beginnt am Dienstag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt der Prozess gegen Stephan Ernst (46) und Markus H. (44). Die beiden Rechtsextremisten müssen sich wegen Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke verantworten. Der CDU-Politiker war am 1. Juni 2019 um 23.20 Uhr auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen in den Kopf geschossen worden. Unser Gastautor Christian Engelhardt erinnert sich an seine Begegnungen mit Walter Lübcke:

„Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er will.“ – Höchstwahrscheinlich hat dieser Satz (2015 während der sogenannten Flüchtlingskrise bei einer Bürgerversammlung geäußert und via Internet verbreitet), aber vor allem die dahinterstehende Überzeugung Walter Lübcke, den ehemaligen Kasseler Regierungspräsidenten, das Leben gekostet. Dieser Mord stellt eine Zäsur für Deutschland und auch für mich persönlich dar.

Geselliger Mensch und leidenschaftlicher Politiker

Wer war Walter Lübcke? Er war das, was man einen Kumpel-Typ nennt. Selbst wenn man ihn nicht sah, was angesichts seiner Größe nicht häufig vorkam, konnte man ihn hören. Er war ein geselliger Mensch. Meistens bildeten sich Grüppchen um ihn. Denn da, wo Walter war, war was los – und es war vor allem lustig. Er hatte viel Humor. Er konnte seine Zuhörer fesseln. Er nahm kein Blatt vor den Mund.

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Und: Er liebte und lebte Nordhessen und Nordhessisches, in jeder Form, zum Beispiel Ahle Worscht und deftiges Essen. Meist stand er lässig mit einer Zigarette da, der Schalk blitzte aus seinen Augen. Das sind die ersten Bilder, die mir in den Kopf schießen, wenn ich an Walter Lübcke denke.

Ich habe den leidenschaftlichen Politiker und Kartenspieler persönlich kennengelernt, als ich Bürgermeister in Frankenberg (Eder) war. Meine Frau hatte uns miteinander bekanntgemacht, da sie ihn in Wiesbaden schon als Landtagsabgeordneten kennen und schätzen gelernt hatte. Seitdem hatten wir regelmäßig Kontakt. Wir trafen uns auf Veranstaltungen und bei zahlreichen Arbeitssitzungen.

Botschafter des hessischen Nordens

Hier zeigte sich auch die andere Seite: Denn Lübcke war nicht nur der sympathische Genussmensch mit kernigem Humor. Er war zugleich ein respektvoller Denker und ein energischer Demokrat. Er war ein fleißiger und überzeugter Vertreter des hessischen Staates. Einer, der sich mit viel Energie für seine Überzeugungen stark machte, etwa für den Einsatz erneuerbarer Energien und für Nachhaltigkeit.

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Als ich später in Wiesbaden arbeitete, traf ich ihn vor allem dann, wenn es um Nordhessen ging, auch unter anderem auf der Expo-Real in München oder auf der Tourismus-Messe in Berlin, wo er unermüdlich für „seine Region“ warb. Er war viel unterwegs und damit nicht nur Chef einer Mittelbehörde, sondern auch ein Botschafter des hessischen Nordens.

Doppelt traurige Zäsur

Der Mord an Walter Lübcke – man muss ihn fast schon eine Hinrichtung nennen – stellt für mich eine erschreckende Zäsur dar. Wir müssen davon ausgehen, dass hier jemand aufgrund seiner demokratischen Grundhaltung umgebracht wurde! Mit ihm ist ein Politiker ermordet worden, der sehr nahbar war, der den Dialog suchte, ein Mitglied einer Mittelbehörde, ohne Personenschutz. Er wurde aufgrund des eingangs zitierten Satzes und seiner Überzeugung, dass die Aufnahme von Geflüchteten 2015 richtig gewesen war und diese Menschen integriert werden müssen, zum Ziel einer rechten Hetzkampagne. Ich war lange fest davon überzeugt, dass eine Demokratie Ideen, die nicht der gängigen Meinung und Werteordnung entsprechen, aushalten muss, dass man den Dialog suchen muss und sich Angriffen auf unsere Demokratie mit Argumenten entgegenstellen muss. Doch aktuell nehme ich wahr, dass wir immer mehr Menschen eben nicht mehr mit Dialog und Tatsachen erreichen. Dass sich manche der Logik und einem Gespräch verschließen. Dass sich Netzwerke bilden, die sehr erfolgreich absurde Botschaften und Verschwörungsideen verbreiten. Hier sollten Politik und jeder und jede Einzelne genau hinschauen und versuchen, dem entgegenzuwirken.

Für mich persönlich stellt der perfide Mord an Walter Lübcke eine doppelt traurige Zäsur dar. Ich vermisse die Zusammenkünfte und den Austausch mit diesem klugen, lebensbejahenden Politiker. Und ich vermisse die Gewissheit, dass man mit fast jedem Menschen in Dialog treten und ihn mit Fakten und Argumenten erreichen kann. Hier heißt es: mit aller Kraft gegensteuern!

Von Christian Engelhardt