VDE will deutliche Vereinfachungen für Balkonkraftwerke

aus Energiekrise

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Eine kleine Solaranlage ist an einem Balkon eines Mehrparteienhauses angebracht.

Auftrieb bei der Energiewende durch einen Vorschlag des VDE. Die Anschaffung und der Betrieb sogenannter Balkonkraftwerke soll deutlich vereinfacht und erleichtert werden.

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Mainz. Der Wegfall der Mehrwertsteuer bei Fotovoltaikanlagen seit dem 1. Januar hat die Preise auch bei den immer beliebteren Balkonkraftwerken deutlich sinken lassen. Jetzt macht ein Vorschlag des Verbandes der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. – kurz VDE – von sich reden. Mit einem Positionspapier schlägt der VDE eine deutliche Vereinfachung der Regelungen für sogenannte Balkonkraftwerke vor. Das sind kleine Fotovoltaikanlagen, die meist aus ein oder zwei Fotovoltaik-Modulen und einem Wechselrichter bestehen. Der Solarstrom wird direkt als 220-Volt-Wechselstrom vor Ort in das Haus-Stromnetz eingespeist und weitgehend selbst verbraucht. Da diese oft an Balkongeländern montiert werden, hat sich der Begriff Balkonkraftwerk eingebürgert.

Schon jetzt ist es einigermaßen unkompliziert, ein solches Balkonkraftwerk mit einer Maximalleistung von bislang 600 Watt anzuschaffen und in Betrieb zu nehmen. Doch die vom VDE angestrebten Änderungen von Normen und Gesetzen sollen das Ganze nochmal deutlich vereinfachen, weitere Hürden abbauen und damit attraktiver machen. Was genau soll geändert werden?

Die 800-Watt-Grenze soll kommen

Der VDE schlägt in seinem Positionspapier zunächst vor, die EU-weite Bagatellgrenze von 800 Watt für Balkonkraftwerke endlich auch in Deutschland einzuführen. Damit würde der bisherige deutsche Sonderweg mit dem strengeren Limit von 600 Watt beendet und die Begrenzung um 200 Watt angehoben. Dazu schlägt der VDE eine entsprechende Gesetzesänderung in der „Verordnung zum Nachweis von elektrotechnischen Eigenschaften von Energieanlagen“ (NELEF) vor. Umsetzen muss das demnach der Gesetzgeber.

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Freie Wahl des Stromzählers

Diese neue Regelung ist richtig attraktiv. Die Balkonsolaranlage soll gemäß dem Vorschlag des VDE an jedem beliebigen vorhandenen Zähler betrieben werden dürfen. Also auch an alten „Drehscheiben-Zählern“ ohne Rücklaufsperre. Genau das ist bislang streng verboten.

Bei einem Zähler ohne Rücklaufsperre dreht sich der Zähler rückwärts, wenn das Balkonkraftwerk mehr Watt Leistung liefert, als momentan im Haus verbraucht wird. Der Überschuss fließt ins öffentliche Netz und der Zählerstand reduziert sich entsprechend. Bislang ist es so, dass ein solcher Zähler gegen einen Zähler mit Rücklaufsperre getauscht werden muss. Die neue Regelung würde diese Pflicht abschaffen und der vorhandene Zähler dürfte weiter genutzt werden, selbst wenn er manchmal rückwärts zählt. In diesem Zusammenhang weist der VDE explizit darauf hin, dass die Verantwortung für den Zählertausch immer beim Netzbetreiber liegt und nicht beim Verbraucher. Auch hier gilt, dass diese Änderung nur durch den Gesetzgeber erfolgen kann.

Weitere Vereinfachung der Anmeldung 

Der nächste Vorschlag sieht eine vereinfachte Anmeldung der kleinen Sonnenstromkraftwerke vor. Bislang läuft die Anmeldung eines Balkonkraftwerkes so, dass der Verbraucher seine Anlage online auf der Webseite des Markstammdatenregisters anmeldet. Von dort aus wird automatisch der vor Ort zuständige Netzbetreiber informiert. Dieser kann nun entscheiden, ob er den Betrieb der Anlage zulässt. Er kann die Anlage „einfach so“ zulassen, unter Auflagen – beispielsweise Zählertausch – zulassen oder den Betrieb untersagen. Bisher ist es damit so, dass ein Verbraucher hier ein Stück weit der Willkür eines regionalen Netzbetreibers ausgeliefert ist. Gerät er an einen, der Umsatz um jeden Preis machen will und deshalb Balkonkraftwerke verbietet, hat er sprichwörtlich Pech gehabt. Hat er Glück und hat einen wohlwollenden Anbieter, kann er seine Anlage betreiben.

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Genau dieser Meldeweg soll durch den VDE-Vorschlag quasi direkt nach dem Markstammdatenregister gekappt werden. Mit der neuen Regelung meldet der Verbraucher seine Anlage online an und das war es. Der Netzbetreiber wird nicht mehr involviert und kann dem Verbraucher keine Steine mehr in den Weg legen. Die Anlage darf mit der Anmeldung beim Markstammdatenregister dauerhaft betrieben werden. Wie schon zuvor ist auch das ein Vorschlag, der auf eine Gesetzesänderung abzielt und vom Gesetzgeber umgesetzt werden muss.

Schukostecker werden endlich geduldet

Spannend ist auch eine beabsichtige Änderung der VDE-Norm in Sachen Anschluss von Balkonkraftwerken. Bislang sieht diese Norm vor, dass der Strom aus Balkonkraftwerken nur über eine spezielle, gesondert mechanisch abgesicherte Steckverbindung in das Hausnetz eingespeist werden darf. Konkret ist das eine „Wieland-Steckdose”, die statt einer normalen Steckdose montiert werden muss. Das aber darf nur ein Elektriker machen. Der Aufwand und die Kosten für den Verbraucher steigen dadurch. An diese Dose wird das Balkonkraftwerk dann mit einem Wielandstecker angeschlossen.

Genau diese Vorschrift soll geändert werden. Die Wielandsteckdose soll nur noch empfohlen aber nicht mehr vorgeschrieben werden. Und die haushaltsübliche Schukosteckdose wird für Balkonkraftwerke bis 800 Watt explizit geduldet. Damit kann der Verbraucher sein Balkonkraftwerk einfach in die Steckdose an der Wand stecken und betreiben. Kein zusätzlicher Installationsaufwand, keine zusätzlichen Kosten. Das Gute ist, hier bleibt der Gesetzgeber außen vor, denn über diese Norm entscheidet der VDE vollumfänglich selbst. 

Zertifizierung von „steckerfertigen Balkonsolaranlagen“

Der VDE will in der geänderten Norm einführen, dass die Anbieter solcher komplett steckfertigen Anlagen sich prüfen und zertifizieren lassen können. Damit können sie dann ihre anschlussfertigen Komplettpakete als VDE-Norm-geprüft anbieten. So kann sich der Verbraucher auf diese technische Sicherheitsgarantie verlassen. Diese Komplettpakete gibt es seit Jahren am Markt und sie sind durch die Prüfpflicht für die einzelnen Komponenten auch völlig sicher. Dann aber sind sie genau das auch mit offiziellem Prüfsiegel und „VDE-Segen“.

Gewusst wie: Wer von Solarstrom profitieren will, sollte Grundkenntnisse haben.
Gewusst wie: Wer von Solarstrom profitieren will, sollte Grundkenntnisse haben. (© dpa/Marijan Murat)

Das bedeutet zum Glück nicht, dass Verbraucher zum Kauf solcher zertifizierten Anlagen verpflichtet sind. Wer möchte, kann sich sein Balkonkraftwerk immer noch aus selbst ausgewählten Einzelkomponenten zusammenstellen und diese eben separat kaufen. Nicht desto trotz müssen diese Komponenten, wie schon immer, entsprechende Sicherheitsnormen erfüllen. Wer beispielsweise einen Wechselrichter ohne jede VDE-Normung vom Billighändler aus Fernost beschafft und betreibt, kann schon immer Ärger bekommen. Oder aber die Versicherung bezahlt nicht, wenn wegen so einem unsicheren Gerät ein Brand entsteht und das Eigenheim ein Raub der Flammen wird. Auch bei diesem Vorschlag hat der VDE als normgebende Instanz die Entscheidungshoheit, es bedarf keiner Gesetzesänderung durch den Gesetzgeber.

Wann und wie wird das umgesetzt?

Die Regelungen, die der VDE in seiner Norm direkt und selbst ändern kann, sind in der Umsetzung unproblematisch. Die Vorschläge sind seit letztem Oktober öffentlich und befinden sich derzeit in der „Kommentierungsphase”. Verbraucher, Verbraucherschützer oder Hersteller dürfen diese Normänderungsvorschläge derzeit kommentieren. Nach dieser Beteiligungsphase werden die Kommentare ausgewertet und dann wird die Normenänderung umgesetzt. Das sollte im Laufe des Jahres geschehen.

Doch bei den Punkten, die der VDE nur als Vorschlag an den Gesetzgeber durchreicht, kommt es eben auf die Bundesregierung als zuständige Instanz an. Zudem sind hier weitere Stellen wie die Bundesnetzagentur involviert. Ob die Anhebung der Bagatellgrenze auf 800 Watt, die „freie Wahl des Zählers“ und die vereinfachte Anmeldung kommen, hängt davon ab, ob die Bundesregierung die vom VDE vorgeschlagenen Gesetzesänderungen umsetzt. Allerdings gilt der VDE als Normgeber und damit als kompetente und maßgebliche Stelle für Sicherheitsfragen in der Elektrotechnik. Daher darf man darauf hoffen, dass die Bundesregierung den Vorschlägen folgt und die Gesetze ändert. Wann das geschieht, ist unklar.

Ein wichtiger und richtiger Schritt zugunsten der Energiewende

Insgesamt sind all diese vom VDE auf den Weg gebrachten Änderungen ein richtiger und wichtiger Schritt, um den Betrieb von steckfertigen Balkonkraftwerken zu vereinfachen und attraktiver zu machen. Zudem würde damit das umgesetzt, was in den meisten anderen EU-Ländern schon seit langem gilt und angewendet wird. Die 800-Watt-Grenze beispielsweise ist von Anfang an in der EU als Standard verabschiedet und von den meisten Mitgliedsstaaten umgesetzt worden. Nur Deutschland ist mit der strengeren Begrenzung auf 600 Watt mal wieder einen Sonderweg gegangen. Das gilt auch für den Anschluss per Wielandsteckdose. In allen anderen EU-Ländern sind die haushaltüblichen Steckdosen seit Jahren zugelassen.