So läuft es mit der digitalen Krankmeldung

Patienten erhalten künftig nur noch eine Ausfertigung ihrer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Denn Arbeitgeber können die Meldung mittlerweile direkt bei der Krankenkasse abfragen.

Seit Januar gibt es die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung – die eAU. Die Erfahrungen nach den ersten Tagen: Viele nutzen sie bereits, doch es gibt auch Klärungsbedarf.

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Mainz/Wiesbaden/Frankfurt . Kurz nach Neujahr herrscht großer Andrang in der Infektionssprechstunde eines Mainzer Hausarztes. Etliche Patienten mit Erkältungssymptomen werden krankgeschrieben. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gibt es nach wie vor ausgedruckt auf Papier. Dass Arbeitnehmer seit dem 1. Januar ihre Krankmeldung nicht mehr dem Arbeitgeber vorlegen müssen, ist hier zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht bekannt.

Dabei hat der Landeshausärzteverband Rheinland-Pfalz seine Mitglieder kurz vor Weihnachten ausführlich über die Neuerung informiert, sagt Verbandsvorsitzende Barbara Römer. Auch die Kassenärztliche Vereinigung habe zu Jahresbeginn alle Mitglieder darüber unterrichtet, dass die Arbeitgeber die Krankmeldung bei den Krankenkassen ihrer Mitarbeiter jetzt auf elektronischem Weg abfragen müssen.

Betriebe sollten informiert sein

Und auch die Unternehmerverbände bestätigen, dass die Unternehmen in Hessen und Rheinland-Pfalz informiert wurden. „Die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) ist seit einigen Monaten eines der aktuellen Themen, über die die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) ihre Mitglieder laufend informiert“, sagt VhU-Sprecher Patrick Schulze. „Hessenmetall als einer der größten Mitgliedsverbände der VhU hat beispielsweise für seine Mitgliedsunternehmen Anfang 2022 drei Online-Seminare zusammen mit der AOK Hessen durchgeführt und umfangreiche Informationen in seinem Serviceportal bereitgestellt.“ Es sei davon auszugehen, dass die anderen Verbände ihre Mitgliedsunternehmen ebenfalls informiert haben.

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Auch in der „Deutschen Handwerks Zeitung” (DHZ), die jedem in der Handwerkskammer eingetragenen Betrieb zugeht, sei die Thematik mehrfach aufgegriffen worden. „Insofern sollte jeder Betrieb entsprechend informiert sein“, sagt auch Bernhard Mundschenk, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Wiesbaden.

Hoher Klärungsbedarf seitens der Arbeitgeber

Die Barmer Krankenkasse hat bereits im vergangenen Jahr Unternehmen die Möglichkeit gegeben, das digitalisierte Arbeitgeberverfahren im Pilotbetrieb zu testen. „Im Verhältnis zum Gesamtpotenzial aller Unternehmen haben allerdings bei Weitem nicht alle dieses Angebot bei den Krankenkassen wahrgenommen“, sagt ein Sprecher. Konkrete Auswertungen zur Inanspruchnahme der eAU würden aktuell noch nicht vorliegen. Im Tagesgeschäft sei aber ein sehr hoher Klärungsbedarf seitens der Arbeitgeber feststellbar.

In welcher Größenordnung der Abruf von eAU-Daten von den Unternehmen bei den Krankenkassen erfolgt, ist auch den Unternehmerverbänden nicht bekannt – ebenso wenig, ob die Mitarbeiter ihre AU nach wie vor postalisch an die Unternehmen schicken. „Dies ist zwar nicht erforderlich, schadet aber auch nicht“, sagt VhU-Sprecher Schulze.

Dass einige Arztpraxen und Unternehmen die eAU noch nicht nutzen, berichtet Moritz Mergen, Sprecher der Landesvereinigung der Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz. Das liege daran, dass noch nicht alle die notwendigen digitalen Schnittstellen eingerichtet haben. „Jene Ärzte, die noch keine eAU anbieten, geben die Bescheinigung weiterhin in Papierform aus. Diese wird dem Arbeitgeber dann in althergebrachter Form per Post geschickt. Ende des ersten Quartals 2023 dürften alle Kinderkrankheiten beseitigt sein und alles nach Plan laufen“, so Mergen.

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„Da in vielen Arztpraxen die Neuregelung noch nicht umgesetzt wurde, schicken nach unserer Einschätzung nach wie vor recht viele Beschäftigte den ‚gelben Schein‘ auf dem Postweg ihrem Arbeitgeber zu“, sagt auch HWK-Hauptgeschäftsführer Mundschenk.

Digitalisierung reduziert Papierverbrauch

Für die Patienten sei der neue Service sehr hilfreich und werde gerne angenommen, berichtet Hausärztin Römer von den Erfahrungen in den ersten Wochen. Die technische Umsetzung funktioniere zum großen Teil reibungslos. Wenn allerdings im Nachhinein Meldungen von der Krankenkasse eintreffen, dass die Übertragung doch nicht funktioniert hat, sei die erneute Ausstellung und Versendung per Post an die jeweilige Krankenkasse mit hohem zeitlichem Aufwand für das Praxispersonal verbunden.

Für die Arztpraxen sei die eAU strukturell keine Erleichterung, da das Praxisverwaltungssystem bis zur Übertragung der eAU etwa zehn Sekunden komplett blockiert sei. „Sie können in dieser Zeit im Gegensatz zum Druckverfahren nicht parallel am PC weiterarbeiten“, berichtet Römer. „Da aber gerade jetzt in der Hochphase der Erkältungszeit sehr viele Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen Tag für Tag in den Praxen ausgestellt werden müssen, haben insbesondere unsere Medizinischen Fachangestellten wieder einen Zeitfresser mehr für administrative Aufgaben im Tagesverlauf.“ Es seien noch viele Hausaufgaben zu erledigen, damit die Digitalisierung auch einen Benefit und nicht nur Mehrbelastungen für Arztpraxen mit sich bringe.

„Die elektronische Krankmeldung spart Zeit und Geld, und nachhaltig ist sie obendrein“, fasst Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Rheinland-Pfalz und im Saarland, die Vorteile zusammen. Für den Datenaustausch werde eine lückenlose und bei allen Beteiligten identische Dokumentation sichergestellt. Das bedeute weniger Bürokratie und weniger Personalaufwand. Kleis weist zudem darauf hin, dass mit der Digitalisierung für Arbeitgeber der Papierverbrauch in der Gesetzlichen Krankenversicherung um 1400 Tonnen pro Jahr reduziert werden könnte.