Krieg und Boulevard: Wie "Bild" Spekulationen produziert

Mit diesem Fahndungsfoto der Polizei Kassel bebilderte die BILD ihre Spekulationsstory um Thorsten K. Screenshot: VRM

Ein Manager von Rheinmetall verschwindet einige Tage. Nachdem längst klar ist, dass er offenbar persönliche Probleme hat, nährt "Bild" die Spekulation um eine russische Entführung.

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MAINZ. Entwarnung zu einer Schreckensmeldung - die eigentlich keine sein müsste. Die aufgebauschte Geschichte: Der Manager einer Tochtergesellschaft von Rheinmetall verschwindet für mehrere Tage spurlos. Thorsten K., Chief Operation Officer der Tochtergesellschaft Rheinmetall Landsysteme GmbH, war vier Tage lang weder für Freunde noch für das Management des Rüstungskonzerns zu erreichen. Das Brisante: K. ist einer der Verantwortlichen für die Panzerproduktion und -vermarktung bei Rheinmetall. Er kennt Militärgeheimnisse der Bundeswehr und war angeblich auch in die geplante Lieferung von 100 Marder-Panzern an die Ukraine involviert.

Am vergangenen Sonntag dann greift ihn die Polizei Kassel in der Nähe der Kasseler Messehallen auf: alkoholisiert. Zuvor war K. mit einem elektrischen Leihroller beim Geldabheben von einem Bankautomaten nicht weit von seinem Fundort entfernt von einer Überwachungskamera gefilmt worden. Alle Indizien deuten zumindest nach dem Aufgreifen K’s auf eine persönliche Tragödie hin. Dass der Mann seine Position in dem Rüstungskonzern behalten kann, ist wohl auszuschließen. Ein offenbar tragisches, menschliches Schicksal.

Bild spekuliert über Entführung durch "Russen-Agenten"

Für den Boulevard eröffnet sich aber die Möglichkeit, aus dem Verschwinden des Rheinmetall-Managers nachträglich eine Spekulation um russische Machenschaften zu stricken. In der Nacht zu Freitag - fünf Tage nach dem Aufgreifen K’s - erzählt Bild.de die Geschichte. Nicht ohne die Spekulation, dass der russische Geheimdienst hinter dem Verschwinden des Rüstungsmanagers stecken könnte: „War K. (volle Namensnennung, d. Red.) etwas zugestoßen? Wurde er möglicherweise von Russen-Agenten entführt? Vielleicht sogar vergiftet?“, schrieb Bild. Nur wer äußerst aufmerksam liest, erkennt das als rhetorische Fragen, die man sich vor dem Wiederauftauchen des Managers stellen konnte. Doch auch am Ende der Story - die zwischenzeitlich entschärft wurde - hieß es bei Bild: Die Sicherheitsbehörden schlössen nichts endgültig aus - auch nicht ob der Manager entführt worden sei: „Wurde K… entführt? Oder ist er selbst abgetaucht, weil ihm der Kriegsstress zu sehr auf die Psyche schlug?“

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Möglich wird diese Dramatisierung, weil sich weder Rheinmetall noch die Sicherheitsbehörden bisher zu offiziellen Stellungnahmen hinreißen ließen. Bei Fällen von Menschen in Grenzsituationen keine unübliche Reaktion. Die Zeitungen der VRM erfahren jedenfalls ohne größere Mühe aus dem engen Umfeld der Rheinmetall-Führung: „Ein rein persönliches Problem. Russen-Spekulation abwegig.“

Zu diesem Zeitpunkt haben Focus online und andere den spekulative Story längst weiterverbreitet. Bei Focus ist K., der Manager einer Rheinmetall-Tochter, gar zum „Chef des Rüstungskonzerns“ aufgestiegen.