Auf der Achterbahn: Gregor Gysi wird 75

Gregor Gysi.

Der Berliner Rechtsanwalt Gregor Gysi ist einer der prominentesten Politiker der Linken. Zum 75. Geburtstag fühlt er sich noch einmal als Retter seiner Partei in der Pflicht.

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Berlin. Gregor Gysi hat es gerade nicht leicht. Mit seiner Partei war er ja immer auf der Achterbahn unterwegs, seit er im Dezember 1989 zeitweise an die Spitze rückte. Damals hieß sie – auf den letzten Metern der DDR – noch SED-PDS, später Linkspartei und schließlich die Linke. Einst wurde sie von anderen angefeindet, jetzt streitet sie vor allem mit sich selbst. Noch einmal sieht sich Gysi in der Pflicht, den Laden zusammenzuhalten. So herrscht an seinem 75. Geburtstag am 16. Januar nicht nur Feierlaune.

Längst ist der Berliner Rechtsanwalt nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter, wenn auch ein besonders wichtiger: Mit seinem Direktmandat aus Treptow-Köpenick trug er 2021 dazu bei, dass die Linke trotz Wahlschlappe wieder in Fraktionsstärke in den Bundestag einzog. Ohnehin ist Gysi für die Linke so etwas wie ein Überpromi. Das liegt sicher an seiner jahrzehntelangen Karriere als Bundestagsfraktionschef, Spitzenkandidat, Berliner Senator und Linken-Europachef. Aber es liegt auch einfach an Gysi – an seinem rhetorischen Talent, seinem Wortwitz, seiner Talkshow-Präsenz.

Sitzt man eine Stunde in seinem Bundestagsbüro im Jakob-Kaiser-Haus, wird das ein nachdenkliches Gespräch, aber eben auch voller ironischer Spitzen. Das Internet bietet sehr lange Hitlisten seiner besten Sprüche. So etwa: "Ich bin entgegen allen Gerüchten nicht klein, sondern kurz. Und wenn man kurz ist, muss man eine große Fresse haben, weil man sonst gar nicht wahrgenommen wird." Oder: "Ich kann mit Hornochsen umgehen. Wenn Sie das nicht können, gehen Sie auch nicht in die Politik." Oder dies: "Ein Linker muss nicht arm sein, ein Linker muss gegen Armut sein."

Gysi der „Luxus-Linke”

Dass er ein "Luxus-Linker" sei, sagte ihm nicht nur sein Genosse Oskar Lafontaine nach. Schon seine Herkunftsfamilie in der DDR nannte ein Journalist einmal den "roten Adel". Seine Eltern Klaus Gysi und Irene Lessing, beide studierte Ökonomen, waren Kommunisten im Widerstand gegen das deutsche NS-Regime. Sein Vater wurde später Kulturminister der DDR und Botschafter in Italien. Seine Mutter war zunächst Verlagsleiterin und später Abteilungsleiterin im DDR-Kulturministerium.

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Gysi, geboren am 16. Januar 1948, absolvierte in Berlin die Schule und gleichzeitig eine Ausbildung zum Rinderzüchter, bevor er an der Humboldt-Universität Jura studierte. Schon mit 23 Jahren war er Rechtsanwalt. Er trat 1967 in die SED ein, verteidigte aber später auch bekannte Oppositionelle wie Rudolf Bahro, Ulrike Poppe und Bärbel Bohley. Nach der deutschen Einheit wehrte er sich jahrelang gegen den Verdacht, der DDR-Staatssicherheit zugearbeitet zu haben.

Irgendwann trat diese Debatte in den Hintergrund, und Gysi wurde endgültig zum Sympathieträger seiner Partei. Er war nicht nur häufiger Gast in Talkshows im Fernsehen, sondern hatte sogar selber eine. Im Format "Missverstehen Sie mich richtig" plauderte er bis zu zwei Stunden lang auf Theaterbühnen mit Prominenten wie Henry Hübchen oder Lars Eidinger, Ralf Stegner oder Harald Martenstein und kam damit auf Youtube auf Zehntausende Klicks.

Privat gab es immer wieder Rückschläge für den Vater von drei Kindern. Zwei Ehen gingen in die Brüche. 2004 hatte der Politiker mehrere Herzinfarkte und eine gefährliche Aneurysma-Operation. Trotzdem wirkt er in diesen Tagen fit und drahtig. Der "Stern" fragte ihn jetzt, ob er sein Alter von 75 Jahren nicht selbst unglaublich finde. Sagt Gysi: "Nö. Ich habe rechtzeitig eins gelernt: Ab einem bestimmten Alter musst du dich pflegen. Schwimmen, Rad fahren, ab und zu Tischtennis. Und ich wandere. Das hat mir mein Fahrer nahegebracht."

Im selben Interview verriet Gysi, dass seine Genossin Sahra Wagenknecht wohl nicht zu seiner Geburtstagsparty kommt. Wagenknecht, ebenfalls sehr prominent und talkshowtauglich, ist zwar noch in der Linken, äußert aber immer wieder großen Unmut über deren Linie und Führung. Öffentlich hat sie Überlegungen über die Gründung einer neuen Partei angestellt. Gysi führte zuletzt hinter den Kulissen Vermittlungsgespräche. Der Ausgang ist offen. Doch seinen Appell wiederholte er jetzt noch einmal: "Sahra und ich haben eine historische Verantwortung, diese Partei zu retten."