Was Eltern erwarten dürfen – und was ein Kind ihnen schuldet

Nicht immer ist die Beziehung zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern entspannt. Foto: olezzo – stock.adobe  Foto: olezzo – stock.adobe

Verschiedene Lebensrealitäten von Eltern und erwachsenen Kindern sorgen oft für Enttäuschung und Schuldgefühle - auf beiden Seiten. Wie können Eltern und Kinder damit umgehen?

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. Das Profilbild des Familienchats zeigt, wie Julias Geschwister gemeinsam mit den Eltern in die Kamera lachen. Julia ist auf dem Bild nicht zu sehen. Nicht, weil sie diejenige war, die das Foto ihrer Familie aufgenommen hat, sondern weil sie nicht dabei war, als es gemacht wurde. Trifft sich ihre Familie, wird häufiger mal vergessen, sie zu fragen, ob sie Zeit hat. Immer schon war sie der Sonderling in der Familie. Diejenige, die anders dachte, sich anders kleidete.

„Weil ich schon als Kind andere Interessen hatte als der Rest meiner Familie, hatte ich den Spitznamen ,Sonderling‘. Ich weiß, dass das ein Stück weit auch liebevoll gemeint war, unterbewusst habe ich den Begriff aber wohl übernommen und bin so über die Jahre hinweg in diese Rolle hineingewachsen“, erzählt die 27-Jährige. Losgeworden ist sie die Bezeichnung nie. Im Gegenteil. Sie markiert heute noch deutlicher als damals ein Anderssein, das sie in gewisser Weise zum Außenseiter in der Familie werden ließ.

Zu akzeptieren, dass ihre Eltern anders sind als sie, fällt Julia bis heute schwer. Es fällt ihr schwer zu akzeptieren, dass ihre politische Einstellung eine andere ist, sie konservativer über Beziehungsmodelle denken, einen Urlaub im heimischen Garten dem in fernen Ländern vorziehen, nie ein Buch, dafür aber jeden Abend die Fernsehzeitung in die Hand nehmen. Verschiedene Lebenswirklichkeiten, die bei jedem Treffen aufeinanderprallen, für Zündstoff, nicht selten für Ärger und noch viel häufiger für enttäuschte Erwartungen sorgen. Auf beiden Seiten. Waren die Eltern für sie als Kind die starken Allwissenden, zu denen sie immer aufgesehen hat, fällt es Julia heute immer schwerer, sich mit ihren Eltern zu identifizieren.

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Es ist unmöglich, die Eltern nicht zu enttäuschen

„Sich von seinen Wünschen und den Träumen, die Eltern mögen anders sein, zu verabschieden und sie so zu akzeptieren, wie sie sind, ist einer der grundlegendsten, aber auch schwierigsten Lernprozesse in jedem Leben“, schreibt Michael Bordt in seinem Werk „Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen“. Bordt, deutscher Philosoph, behauptet sogar, dass es nahezu unmöglich sei, die Eltern nicht zu enttäuschen – schon allein deshalb, weil wir als Töchter und Söhne einer anderen Generation und in einer anderen Kultur groß geworden sind. Dass uns andere gesellschaftliche Einflüsse geprägt hätten und wir entsprechend andere Werte, andere Überzeugungen verträten. Für den 58-Jährigen ist es deshalb geradezu unumgänglich, dass Kinder ihre Eltern enttäuschen, wollen sie eine eigene Persönlichkeit ausbilden.

Gesellschaftliche Erwartungen und möglicherweise überholte Vorstellungen davon, wie sich ein Kind seinen Eltern gegenüber zu verhalten hat, führen nicht selten zu Gewissensbissen und Schuldgefühlen bei den Kindern. Diese beginnen bei harmloseren Fragen wie denen, ob sie Heiligabend auch mal mit der Familie des eigenen Partners verbringen dürfen, obwohl sie genau wissen, wie viel der Mutter daran liegt, diesen Abend gemeinsam zu verbringen, und enden bei solchen wie etwa der, ob man als Kind dazu verpflichtet ist, die Pflege seiner Eltern zu übernehmen, wenn sie krank oder alt sind. Müssen Kinder ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie die Erwartungen ihrer Eltern enttäuschen, um ihren eigenen Interessen und Lebensvorstellungen nachkommen zu können?

Die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch beantwortet die Frage eindeutig: „Nur weil bestimmte Personen ihre Eltern sind, schulden Kinder ihren Eltern erst einmal nichts. Es gibt nämlich keine Pflichten, die wir allein aufgrund des Umstands haben, dass wir die Tochter oder der Sohn von jemandem sind.“ Eine These, die aneckt und in den Medien seit Veröffentlichung von Bleischs Buch „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ für Diskussionen sorgt. Laut werden Meinungen wie die, eine solche Haltung zeuge von Undankbarkeit gegenüber den Eltern, die sich – zumindest im Normalfall – jahrelang aufgeopfert und eigene Bedürfnisse hinter die ihrer Kinder gestellt haben. Bleisch aber hält dagegen: „Eines ist klar: Kinder haben um die Beziehung zu ihren Eltern ebenso wenig gebeten wie um ihr Leben.“

Selbstverständlich gibt das dem Kind keinen Freifahrtschein, die Gefühle der Eltern bewusst zu verletzen. Gemeint ist vielmehr, dass Eltern von ihren Kindern nichts einfordern dürfen, nur weil sie dafür verantwortlich sind, dass sie geboren wurden. „Allfällige Pflichten ergeben sich vielmehr aus einem lebendigen Interesse aneinander und aus einer liebenden Bindung – wenn es sie denn gibt“, so die Philosophin.

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Beziehung zu Eltern lässt sich nicht ersetzen

Und gerade die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist eine ganz besondere. Anders als eine Freundschaft oder Partnerschaft lässt sie sich nicht einfach beenden oder in irgendeiner Form ersetzen. „Wenn Freunde sich auseinanderleben oder zerstreiten, versiegen mit der Zeit auch die Pflichten, uns umeinander zu kümmern. Bei Eltern und Kindern scheint das komplizierter. Sie hören nicht auf, Kinder und Eltern zu sein“, sagt die 45-Jährige. Positiv bedeute das eine Verbundenheit, negativ eine Verletzlichkeit.

Dieser Argumentation folgend wäre ein schlechtes Gewissen den Eltern gegenüber also nur dann angemessen, wenn die Erwartungen der Eltern bewusst enttäuscht wurden – gerade weil Kinder meist genau wissen, was ihren Eltern am Herzen liegt, was sie verletzen würde. „Kinder sollten sich der speziellen Verletzlichkeit ihrer Eltern bewusst sein und diesem Bewusstsein Ausdruck verleihen, indem sie sich den Eltern erklären und gegebenenfalls ihr Bedauern zum Ausdruck bringen – aber sie dürfen sich für ihr eigenes Leben, ihre eigenen Ansichten und ihren eigenen Geschmack entscheiden“, so Bleisch.

Was macht gute Eltern aus?

Ein gutes Kind ist eines, das die Erwartungen seiner Eltern respektiert und nicht achtlos übergeht, dabei aber seine Bedürfnisse nicht vergisst. Was aber macht umgekehrt gute Eltern aus? Sind sie aufgrund dieser besonderen Verletzlichkeit innerhalb der Beziehung nicht ebenso gefragt, Bedürfnisse ihrer Kinder zu respektieren? „Gute Eltern erziehen ihre Kinder in der Freiheit, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen“, so Bleisch. „Sie sehen ihre Kinder nicht als Garanten des eigenen Lebensglücks, sondern als eigenständige Persönlichkeiten, die möglicherweise auch ganz andere Wege wählen, als die Eltern gewünscht hätten.“

Ebenso wie es für Kinder bei der Ausbildung einer eigenen Identität dazugehört, damit aufzuhören, sich über ihre Eltern zu definieren, sollten sich Eltern nicht von ihren Kindern abhängig machen. „Wer liebt, macht sich immer verletzlich“, sagt Bleisch. Diese Drohkulisse dürfe nicht missbraucht werden: Wenn du mir nicht hilfst, dann lass ich mich gehen; wenn du mich nicht anrufst, vereinsame ich. „Wir sind alle ein Stück weit auch verantwortlich für unser eigenes Glück“, so die Philosophin.

Von Nadine Funck