Warum waren Sie in einer Jugendgang, Herr Akin?

Der Regisseur Fatih Akin.

Über seinen Aufstieg aus einer Jugendgang und Alltagsrassismus spricht Regisseur Fatih Akin im Interview. Und darüber, wie seine Eltern auf Sexszenen in seinen Filmen reagierten.

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Herr Akin, Ihren aktuellen Film widmen Sie Ihrem verstorbenen Vater; Ihre Mutter taucht in der Danksagung auf. Wie haben Ihre Eltern Ihren Weg zum Film begleitet?

Ich bin in so einem Vakuum aufgewachsen: Mein Bruder ist drei Jahre älter und der hat meine Eltern auf Trab gehalten – gerade in den Jahren, wo ich mich entschieden habe, Filme zu machen, so mi 15, 16, 17. Außerdem hatte meine Mutter in der Zeit Krebs und war ein halbes Jahr im Krankenhaus. Meine Eltern waren also mit anderen Sachen beschäftigt und ich konnte mich frei entfalten. Irgendwann habe ich Geld mit Filmen verdient; dann war es in Ordnung.

Gibt es Szenen in Ihrem Werk, die Ihren Eltern Bauchschmerzen bereiten?

Nach den Sexszenen bei „Gegen die Wand“ haben meine Eltern mich gefragt, was das soll. Sex ist ja immer so eine Sache. Deswegen gibt es in meinen Filmen wahrscheinlich auch so wenig Sex.

Wegen der Eltern?

Ja, ich glaube, das hat mit meiner Erziehung zu tun. Da hallt so eine gewisse Prüderie nach. Oder zumindest Respekt vor Sex im Film. Und beim „Goldenen Handschuh“ habe ich meine Eltern nicht zur Premiere eingeladen.

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Logisch. Der Film zeichnet ziemlich drastisch Fritz Honkas Serienmorde nach.

Das ist der einzige Film von mir, den meine Eltern nicht gesehen haben. „Guckt das nicht“, habe ich ihnen gesagt, „das wird euch nur verstören.“ Sie haben es bis heute nicht gemacht.

Bei Wikipedia lese ich über Sie: „Zeitweise war er in einer Jugendbande.“

Was da alles steht! Ich spende ja jeden Monat für Wikipedia. Trotzdem stand da jahrelang, vielleicht steht es da immer noch, dass meine Frau Schauspielerin ist. Das stimmt nicht. Sie hatte ein paar Auftritte bei mir, wenn mal jemand ausgefallen ist. Aber ja, ich war in Jugendgangs. Und schon damals war ich der Chronist; erst habe ich über uns geschrieben, dann kam eine Videokamera ins Haus der Jugend und ich habe Filmchen über die Gang gedreht.

Zurzeit diskutieren wir intensiv über Alltagsrassismus. In Ihrem Film spielt das gar keine Rolle. „Almans“, also Herkunftsdeutsche, tauchen kaum auf.

In der Gang-Welt gibt es eben kaum Almans. Natürlich sind es alles Deutsche. Ich sehe mich auch als Deutschen. Aber es gibt eben Bio-Deutsche oder Weiße oder Almans auf der einen Seite und auf der anderen Kanaks.

Das kommt noch dazu: Wir haben nicht mal griffige Wörter für „Herkunftsdeutsche“ und „Deutsche türkischer Herkunft“. Sprachlich tritt man leicht ins Fettnäpfchen.

Ich darf „Kanaks“ sagen. Was Sie sagen dürfen, müssen Sie rausfinden. Es ist kompliziert geworden; und natürlich gibt es in der Debatte auch Hysterie und Dogmen und Übertreibungen. Ich glaube, dass es unterschiedliche Räume gibt. In bestimmten Räumen kann ich für Sinti und Roma das Z-Wort sagen; aber auch nur hier, wo jedem klar ist, dass ich keinen verletze. In der Öffentlichkeit könnte ich das nie sagen. Und das ist auch okay so. Kanak kann ich selbst sagen; mit dem Wort bin ich aufgewachsen. Da stand „Kanaken raus“ an der Hauswand. Wenn du das mit acht oder zehn Jahren liest, kriegst du Angst. Wenn ich es heute sage, hat es auch damit zu tun, dass ich Herr über die Angst geworden bin.

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In meine und Ihre Schulzeit fällt der Mordanschlag von Mölln. 1992 war ich nicht empathisch genug, meine türkischen Mitschülerinnen auch nur zu fragen, was das in ihnen auslöst. Kann ich das jetzt Sie fragen?

Ich glaube, Rassismus ist einer der Gründe, weswegen ich Filmemacher geworden bin. Diese Ungerechtigkeit und diese Angst, die man als Kind empfunden hat. Das ist, als wirst du gemobbt. Ich war in einer Jugendgang, weil ich mich stark fühlen wollte. 1985 hatten Skinheads in Hamburg jemanden totgeprügelt: Ramazan Avci. Das war sehr erschütternd für uns; ich habe aber von keinem Deutschen erwartet oder von keinem Alman, dass er auf mich zukommt. Noch vor meiner Kindergartenzeit, als meine Eltern relativ neu in Deutschland waren, da gab es deutsche Nachbarn, die auf uns aufgepasst haben: Onkel Lutz und Frau Meier, so haben wir die genannt. Das war ein bisschen wie Oma und Opa. Die gab es auch. Aber hätte es Mölln und Solingen und Ramazan Avci nicht gegeben, dann wäre ich nicht in der Gang gelandet. Die Gang war Schutz, Anschluss und Sicherheit vor dem Rassismus, zumindest vor dem offenen. Das ist ja nur eine Form.

Und die andere?

Was ich jetzt sage, das sage ich als jemand, der nie einen Angehörigen durch einen rassistischen Anschlag verloren hat: Ich finde den Alltagsrassismus, den versteckten Rassismus eigentlich schlimmer. Wenn Leute fragen: Ein Film über Kanak-Rapper – muss das sein? Bei einem Film über deutsche Gangsta-Rapper hätten sie das nicht gesagt. Oder wenn Wolfgang Kubicki sagt: „Erdogan ist eine Kanalratte.“ Ich muss Erdogan nicht gut finden. Aber einen türkischen, vom Volk gewählten Politiker als Kanalratte beschimpfen – das ist rassistisch. Ich sage es unter Vorbehalt, weil ich niemanden verloren habe: Mir sind Nazis lieber, die ich auf der Straße erkenne und denen ich aus dem Weg gehen kann. Rassisten, deren Motive ich nicht gleich erkenne, die finde ich eigentlich gefährlicher.

Der reale Rapper Xatar, von dem Ihr Film handelt, hat wegen eines Goldraubs gesessen. Die Beute ist bis heute verschwunden. Haben Sie ihn gefragt, wo sie ist?

Nie – weil ich von der Straße bin. Das ist das Geheimnis unserer Beziehung.

Er selbst fragt es aber, und zwar seine Insta­gram-Fans: „Wo, denkt ihr, ist das Gold versteckt?“ Seine Firma heißt sogar Goldmann. Ich musste daran denken, wie der Kaufhauserpresser Dagobert seine Tat im „Dschungelcamp“ versilbert hat. Macht Xatar Marketing mit seinem Überfall?

Es gibt einen Unterschied zwischen Dagobert und Xatar: Xatar hat sein Leben reflektiert und macht aus dieser Reflexion ein Geschäft. Rap ist Oral History. Das ist wie die Ballade von Robin Hood oder von Pat Garrett und Billy the Kid. Xatar hat über die Straße gerappt, über Gangs, übers Gefängnis und über den Goldklau. Gangsta-Rap ist die moderne Ballade. Was Xatar macht, ist beides: Kunst – und ein Geschäft. Dagobert hat das nicht gemacht; sich ins „Dschungelcamp“ zu setzen, ist keine Kunst.

Im Film steckt jede Menge „Rheingold“ – über fünf Millionen Euro aus der Filmförderung. Was hat der ganze Film gekostet? Und was war am teuersten?

Der Film war teuer. Er war für 18 Millionen Euro geplant, versucht haben wir dann zwölf Millionen aufzutreiben und geschafft haben wir zehneinhalb. Er hätte aber noch mehr Geld gebraucht. Damit hätte ich mir mehr Zeit gekauft. Es war wie beim Fernsehen: Du musst zehn Seiten Drehbuch mit drei Schauplätzen abschießen – an einem Tag. In der guten alten Zeit bestand meine Crew aus 16 Leuten und ich war sehr viel besser vor­bereitet als heute; da hätte ich mir das zu­getraut. Aber wenn dein Team 100 Leute umfasst, wenn es ein historischer Dreh ist, mit all der Ausstattung – dann muss man aufpassen, dass es nicht wie Fernsehen aussieht. Filme werden nur durch Geld zu Filmen, das ist einfach so.

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