Ein Kind ohne Windeln großziehen? Funktioniert, sagen...

 Foto: biker3 - adobe.stock

Die Hardliner unter den Anhängern der sogenannten naturnahen Säuglingspflege ziehen ihren Babys niemals Windeln an - weder nachts, noch unterwegs.

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. Ein Kind ohne Windeln großziehen, geht das? Ja, sagen die Hardliner unter den Anhängern der sogenannten naturnahen Säuglingspflege. Sie ziehen ihren Babys niemals Windeln an - weder nachts, noch unterwegs.

Ihre Argumentation: Babys geben von Geburt an bestimmte Zeichen, wenn sie ein Geschäft verrichten müssen. Mutter oder Vater müssen den Winzling dann nur über die Toilette oder ein Töpfchen halten und einen Schlüssellaut von sich geben und mit etwas Übung hat der Nachwuchs verstanden, was zu tun ist: Ab in die Schüssel damit.

So weit die Theorie. In der Realität sind besagte Hardliner eher in der Minderheit. Es gibt aber einige Eltern, die zumindest zeitweise versuchen, jene Kommunikation mit ihren Kindern zu trainieren und sie eine Zeit lang am Tag ohne Windeln zu lassen.

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Die fünf Monate alte Liv etwa wollte sich zwar auf keinen Schlüssellaut für den Toilettengang einlassen, der "Kaki-Song" jedoch erfüllt seinen Zweck. "Liv wird dann ganz unruhig und windet sich regelrecht. Es ist eine bestimmte Art zu zappeln, das hat sie schon im Alter von zwei Wochen so gemacht", beschreibt eine Mutter die Kommunikation ihrer Tochter, wenn die aufs Töpfchen muss.

"Meistens müssen sie einfach mal"

Zusätzlich befolgt die zweifache Mutter auch einen Rhythmus ähnlich wie beim Stillen oder Schlafen. "Die Kinder müssen häufig nach einer Mahlzeit oder nach dem Schlafen, da halte ich Liv dann prophylaktisch über das Töpfchen und dann kommt auch etwas", erklärt M.

Das lasse nicht nur den Stuhlgang zu einer wesentlich saubereren Angelegenheit werden, als wenn alles in der Windel lande, berichtet M. Eine solche Vorgeschichte erleichtert natürlich später das Trockenwerden. Doch darum geht es gar nicht.

Kommunikation und die Vermeidung von Missverständnissen stehen für Nicola Schmidt, Autorin des Werkes "artgerecht - Das andere Babybuch", im Fokus der windelfreien Erziehung. Eltern können sich die Unzufriedenheit ihrer Babys oft nicht erklären: Wenn sie etwa trotz ausgepackter Brust nicht trinken wollen und weinen oder in den frühen Morgenstunden unruhig werden. "Meistens müssen sie einfach mal", betont Schmidt.

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Fünf Säulen sind die Grundlage

Kommunikation, eine enge Bindung zwischen Eltern und Kind, die "artgerechte" Reaktion auf die Bedürfnisse vor allem von Babys - das sind die Grundgedanken, die weitaus mehr Erziehungsrituale mit sich bringen als nur die windelfreie Erziehung.

In ihrem Buch plädiert Schmidt für eine einfühlsame und zeitnahe Reaktion auf die Bedürfnisse der Babys - und vor allem ganz viel Nähe. "Wenn man ein kleines Homo Sapiens-Baby im Zoo halten wollte, was wäre dann eigentlich artgerecht?", lautete Schmidts Recherche-Idee. Um das heraus zu finden, ist sie tief eingestiegen in die Bindungsforschung etwa und andere wissenschaftliche Abteilungen zum Thema.

Fünf Säulen sind laut der Bonner Autorin und Wissenschaftsjournalistin die Grundlage für eine babygerechte Erziehung: Das Stillen nach Bedarf, häufiges Tragen am Körper, das Familienbett, die windelfreie Erziehung und je nach Alter die Betreuung durch eine Person, zu der das Kind eine ausreichend sichere Bindung hat.

"Bekanntbetreuung"

"Man weiß, dass Babys auch in den Naturvölkern in Gruppen großwerden und geht davon aus, dass sie etwa zu einem halben Dutzend Menschen auch eine Bindung aufbauen können", erklärt Schmidt. "Bekanntbetreuung" nennt Schmidt das. Die Fremdbetreuung, wie sie hingegen in einer Kindertagesstätte stattfindet, sieht Schmidt für Kinder unter drei Jahren eher kritisch. Mit drei Jahren beginne dann ein natürlicher Loslösungsprozess von der Mutter, der auch die Fremdbetreuung für das Kind selbst erleichtere.

Das Prinzip Nähe punktet vor allem beim Schlaf der Säuglinge. "Menschen sind physiologische Frühgeburten, die eigentlich noch zwölf weitere Monate ausgetragen werden müssten", erklärt Schmidt. Durch den aufrechten Gang des Menschen und der damit einhergehenden Verengung des Beckens würden Menschenkinder zu früh geboren. Die Folge sei ein unterentwickeltes Nervensystem. "Säuglinge können Herz- und Atemfrequenz sowie Körpertemperatur oder Schlaftiefe nicht alleine regulieren", betont Schmidt. In der direkten Nähe zu den Eltern im Familienbett helfen die Eltern dem Kind dabei. Auch die Gefahr, zu lange in tiefe Schlafphasen abzugleiten, was Ursache für den plötzlichen Kindstod sein kann, werde deutlich gesenkt. Natürlich sollten keine Kinder im Bett schlafen, wenn eines der Elternteile alkoholisiert ist oder etwa Schmerzmittel genommen hat.

Kinderarzt warnt vor Pauschalisierungen

Dr. Guido Hein, Kinderarzt in Bad Sobernheim, bestätigt die These, der Mensch sei eine physiologische Frühgeburt. Allerdings gelte das für einen Großteil der Lebewesen, nicht alleine für den Menschen. Sie alle seien angewiesen auf den Schutz der Eltern, nur wenige Arten könnten gleich nach Geburt autark leben. Er warnt vor zu pauschalen Schlussfolgerungen hieraus. "Kinder muss man ganz individuell betrachten. Es gibt welche, die auch allein von Anfang an gut schlafen. Man muss sie nicht herum tragen oder ins Bett holen", so der Mediziner.

Eltern sollten sensibel auf die Bedürfnisse ihrer Kinder reagieren und nicht die eigenen Bedürfnisse auf den Nachwuchs projezieren, betont Hein. Dabei wäre es oft hilfreich, intuitiv und emotional zu antworten als zu viel nachzudenken. Und schlussendlich gehe es auch darum, die Bedürfnisse der Eltern nicht aus den Augen zu verlieren. Hier müsse ein Kompromiss gefunden werden.

Häufig spielen allerdings nicht nur eigene Bedürfnisse eine Rolle, sondern auch die Angst, das Baby durch Nähe zu verwöhnen. Die Wiesbadener Hebamme Christiane Boehm bedauert diese weit verbreitete Angst. "Bindung und Nähe, das tut den Babys gut. Man kann ein Kind nicht verwöhnen, indem man ihm Liebe gibt", betont sie. Nächstes Jahr ist sie seit 30 Jahren in ihrem Beruf tätig. Naturnahe Säuglingspflege, das ist für die Hebamme ein weites Feld, das man differenziert sehen müsse. Das Stillen nach Bedarf etwa habe sich inzwischen weitestgehend durchgesetzt unter den stillenden Müttern. Vor einem Familienbett schreckten wiederum noch immer viele Eltern zurück.

Eltern wüssten oft zu wenig über die Hintergründe des Babyverhaltens. Hierüber sollten die Eltern eher Vorträge hören als über das Waschen und Wickeln. Letzteres könne man in einer Viertelstunde erklären, so Boehm.