WM-Kommentar: Europa beschämt die Welt

Kroatien. Foto: dpa

Weltmeisterschaft ist eine Turnierform, bei der 32 Nationalteams aus der ganzen Welt insgesamt 64 Spiele absolvieren, und am Ende gewinnt Europa. Beziehungsweise ein...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Das hatten sich die Zuckerhut-Kicker sicher anders vorgestellt. Dass für Brasilien im Viertelfinale Endstation ist, damit hatte nun wirklich keiner gerechnet. Dass sie mit Uruguay das letzte nicht-europäische Team sein würden, ist dagegen fast keine Überraschung mehr. Weltmeisterschaft ist mal wieder eine bessere Europameisterschaft. Das kommt natürlich nicht von ungefähr, stellt der europäische Kontinent doch die Hälfte der 32 Teilnehmer. Kein Wunder also, dass vor allem die Südamerikaner eine Aufstockung auf 48 Teams befürworten. Denn in Relation spült der neue Modus spätesten 2026 in Nordamerika weniger Europäer ins Weltturnier.

Das ist natürlich keine Garantie, dass Brasilien, Chile, Argentinien und Kolumbien eine bessere Rolle spielen oder gar den Titel sicher haben.

Doch bei dieser WM in Russland ist trotz des bekannten Bildes der Übermacht Europas alles irgendwie ganz anders, erfrischend anders sogar. Die Teams mit den übermächtigen Individualisten haben sich früh verabschiedet. Ein Cristiano Ronaldo, ein Lionel Messi, ein Andres Iniesta, ein Neymar reichen eben nicht, um auf Topniveau zu bestehen. Die Mannschaften, die jetzt den Titel unter sich ausspielen, sind echte Mannschaften. Hungrige Mannschaften. Entwicklungs- und lernwillige Mannschaften.

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Auf der einen Seite stehen da die etablierten Nationen Frankreich und England. Beide haben den WM-Pokal schon einmal gestemmt, allerdings ist das 20 bzw. 52 Jahre her. Die aktuelle Generation ist jung, leidenschaftlich, begeisterungsfähig, formbar, hochtalentiert und begierig, miteinander Großes zu erreichen. Klar, auch hier machen Ausnahmekönner oft den Unterschied. Kylian Mbappé, Antoine Griezmann, N'golo Kanté heißen die potenziellen Spieler des Turniers, Harry Kane oder Jordan Pickford die neuen Helden. Aber: Sie sind teamfähig.

Auf der anderen Seite stehen mit Belgien und Kroatien erfahrene Teams, die ihr großes Potenzial schon seit einigen Turnieren nicht richtig zeigen, aber aus Fehlern gelernt haben und sich nun als Team präsentieren. Sie funktionieren. Und sind eigentlich wirklich mal dran. Ein Finale der beiden wäre längst keine Sensation, sondern verdient. Und eigentlich wären zwei Sieger der Weisheit letzter Schluss.

Dass die vier Halbfinalisten aus Europa kommen, ist vor diesem Hintergrund eigentlich zu vernachlässigen. Und ärgert vermutlich nur die Südamerikaner, die Asiaten, die mit Japan nur ein Team in der K.o.-Runde platziert haben, oder Afrikaner, die alle nach der Gruppenphase die Koffer packen mussten. Diese WM ist erfrischend anders. Und wird einen stolzen Weltmeister bekommen.