WM-Historie: Von Helden, Dramen und Ausrastern

Frankreich gewann 1998 bei der Heim-WM den ersten Titel - mit einem 3:0 gegen Brasilien. Tragik kennt die Grande Nation aber auch - 2006 in Deutschland gegen Italien. Archivfoto: dpa

Endspiele sind tragisch. Verlieren kennt jeder Fußballer, aber so kurz vorm Fußball-Olymp? Das tut weh. Oft entscheiden kleine Fehler das Finale, mal von Spielern, mal von...

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. Von Felix Plum

Mit Kroatien und Frankreich stehen sich am Sonntag ein Final-Debütant und ein einmaliger Weltmeister im Endspiel von Moskau gegenüber. Die Kroaten feierten ihren bisher größten Erfolg ausgerechnet bei der WM 1998 in Frankreich, als sie erst im Halbfinale gegen den Gastgeber scheiterten – am Ende belegen „die Karierten“ den dritten Platz. Die Équipe Tricolore um ihren heutigen Trainer Didier Deschamps und Zinédine Zidane dagegen holt sich den Titel im eigenen Land mit einem verdienten 3:0 im Finale gegen Brasilien.

Doch auch Frankreich hat in seinen bislang zwei WM-Endspielen nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Bei der WM 2006 in Deutschland spielen „Les Bleus“ im Finale gegen Italien. Nachdem Zinédine Zidane und Marco Materazzi mit je einem Treffer für ein 1:1 nach regulärer Spielzeit sorgten, geraten sie in der Verlängerung aneinander: In der 110. Minute zieht der italienische Verteidiger seinen Gegenspieler am Trikot, woraufhin dieser ihm einen Trikottausch nach dem Spiel anbietet. Materazzi beleidigt dann mehrmals Zidanes Mutter oder Schwester (die Lippenleser sind sich bis heute uneinig), weswegen ihm dieser mit voller Wucht einen Kopfstoß gegen den Brustkorb verpasst. Der dreimalige Weltfußballer muss mit Rot vom Platz und mitansehen, wie sein Team 3:5 im Elfmeterschießen verliert. Besonders brisant: Es ist Zidanes letztes Fußballspiel vor seinem Karriereende. Der Weltstar verabschiedet sich im Berliner Olympiastadion mit einem beispiellosen Ausraster.

Bei jener WM 2006 fällt die bislang zweite Finalentscheidung durch ein Elfmeterschießen, nach der Premiere 1994. Damals hatte sich Brasilien in Los Angeles 3:2 vom Punkt gegen Italien durchgesetzt. Erst 1970 wurde das Elferschießen ins Regelwerk aufgenommen, nachdem vorher bei Gleichstand nach der Verlängerung durch Wiederholungsspiele oder Münzwürfe entschieden wurde. Auch beim Turniermodus experimentiert die Fifa immer wieder. Etwa 1950, als die WM durch eine Viererrunde statt durch ein Finale entschieden wird. Das neueste Kapitel ist die Vergrößerung des Teilnehmerfeldes auf 48 Mannschaften, die spätestens 2026 kommen soll.

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Wembley-Nicht-Tor wird zur Legende

Als Mutter aller WM-Endspiele gilt das Finale 1966 in England, bei dem Deutschland gegen den Gastgeber antritt. Nach regulärer Spielzeit steht es im Wembley Stadion 2:2, das Team um Seeler, Beckenbauer und Overath muss in die Verlängerung. Und dann fällt es, beziehungsweise fällt es nicht: Das Wembley-Tor in der 101. Minute. Geoff Hurst schießt an die Unterkante der Latte, der Ball fällt auf die Torlinie und springt aus dem Tor. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst erklärt den Treffer für gültig – zum Entsetzen der Deutschen. Am Ende steht es 2:4, England ist Weltmeister. Oft wird behauptet, im Nachhinein interessiere es niemanden mehr, wie ein Titel genau zustande komme. Für das Wembley-Tor gilt das nicht: Es wird zum Mythos; und auch über 50 Jahre später können sich Engländer und Deutsche noch trefflich über die (Un-)Gerechtigkeit des Titelgewinns streiten.

Immer wieder werden besonders die Torhüter zu tragischen Figuren. 1986 in Mexiko etwa, als Deutschland gegen Diego Maradonas Argentinien im Finale steht. Die „Albiceleste“ schlägt in der 21. Minute eine Freistoß-Flanke von der Seitenauslinie in den Strafraum. Deutschlands Torwart Toni Schumacher läuft heraus und taucht filmreif unter dem Ball durch – Argentiniens José Brown köpft zum 0:1 ins leere Tor. Die Nationalelf kann den zwischenzeitlichen 0:2-Rückstand zwar durch Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler noch ausgleichen, muss sich aber letztlich mit 2:3 geschlagen geben. Noch bitterer für einen Torhüter endet das WM-Finale 2002, als Deutschland gegen die favorisierten Brasilianer antritt. Oliver Kahn spielt bis dahin das Turnier seines Lebens. Aber in der 67. Minute lässt er einen einfachen Schuss von Rivaldo abprallen. Ronaldo staubt zum 0:1 ab – und das Finale endet 0:2. Bilder gehen um die Welt, wie der untröstliche „Titan“ mit leerem Blick an seinem Torpfosten sitzt.

Wenn die Final-Historie also eines zeigt, dann das: Auch am Sonntag im Luschniki-Stadion werden Momente für die Ewigkeit produziert. Es wird unter Kroaten und Franzosen leere Blicke und unsterbliche Helden geben. Denn egal, wie es kommt – einer gewinnt, und einer muss verlieren.