WM-Einwurf: Das Finale des Sommermärchens

Erinnerungen an den dritten deutschen WM-Titel 1990. Archivfoto: dpa

Das Warten hat sich gelohnt. Die "Goldene Generation" schließt, was sie 2006 begann, endlich mit dem goldenen Pokal ab. Es herrscht Freude pur bei denen, die Teil des Ganzen...

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. Von Lars Hennemann

So, der vierte Stern prangt auf den Trikots, und obwohl Adidas hatte vorproduzieren lassen, war der erste Schwung neuer Leibchen am Montag nach ungefähr einer Stunde ausverkauft. Was sagt uns das? Das Sommermärchen, das 2006 begann, ist am 13. Juli 2014 im Maracanã-Stadion endlich zu seinem guten Ende gekommen, und die deutsche Fußballfan-Seele hat die 113. Minute mit Götzes Traumtor aufgesogen wie Löschpapier. So lange gehofft, so viele Anläufe, im Wissen darum, dass die aktive Zeit der "Goldenen Generation" um Lahm und Schweinsteiger nicht ewig währen wird.

Der Schrei der Freude und Erleichterung, der am späten Sonntagabend durch Deutschland schallte, war also nicht nur einer fantastischen Spielszene geschuldet. Oder dem Wissen, dass es in den noch verbleibenden sieben oder acht Minuten Restspielzeit verdammt eng für Argentinien werden würde. Nein, da schallte mehr mit: die Freude, nicht umsonst gewartet zu haben.

Heute wie damals: Tanzende Leute auf der Straße

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24 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Aber dennoch kann ich mich wie jeder andere meines Alters, dem Fußball nicht völlig gleichgültig ist, noch genau daran erinnern, wo ich am Abend des Finales von Rom 1990 war: Ich tanzte auf dem Bahnhofsvorplatz meiner Heimatstadt mit Hunderten von Fans. Wir begannen seinerzeit erst langsam, Routine im Umgang mit Autokorsos zu entwickeln, weshalb es zu einer denkwürdigen Begegnung mit einem Linienbus kam, dessen Fahrer allen Ernstes der Ansicht war, noch so etwas wie geordneten Fuhrbetrieb abliefern zu müssen. Kurze Zeit später tanzte er mit.

Ältere erinnern sich, jeder auf seine individuelle Weise, an München 1974 oder Bern 1954. Es sind Marksteine im Leben, und es ist einfach nur unfassbar schön, wenn ein solcher Markstein mit einem Pokal und einem Stern gekrönt wird. Und das ist der wahre Kern dieses Jubels, der nach dem Schlusspfiff in Rio auch aus meiner Kehle brach: Freude, nicht umsonst gewartet zu haben, es einfach erlebt zu haben.

Einfach pure Freude

Und, das ist ganz wichtig: Teil eines Ganzen zu sein. Natürlich geht sie jetzt wieder los, die Diskussion, wo gesunde Freude endet und wo ungesunder Nationalismus beginnt. Was mich betrifft ist das ganz einfach: Ich werde nie aufhören, mir selbst und anderen genau diese Frage zu stellen. Und solange das passiert kann nichts passieren. Ich bin von Eltern, Verwandten und Lehrern geprägt worden, denen entweder der Weltkrieg selbst oder seine unmittelbaren Folgen in die Knochen gefahren sind. Ich habe zugehört und meine Lehren daraus gezogen. Und so geht es Millionen anderen auch. Deshalb verfalle ich weder in Panik, wenn ich plötzlich schwarz-rot-goldene Fahnen sehe, noch schnappe ich über.

Nein, ich freue mich einfach. Über eine Weltmeisterschaft mit teilweise fantastischen Spielen, von denen wohl das 7:1 von Belo Horizonte unerreicht bleiben wird. Über die Erkenntnis, dass sich am Ende Fairness und Mannschaftsgeist immer noch auszahlen können. Darüber, dass ich trotzdem nicht blind geworden bin für die Dinge, die mit meinem Fußball nicht stimmen: korrupte Fifa-Funktionäre, merkwürdige Direktiven für überforderte Schiedsrichter und horrende soziale Gegensätze, die auch eine vierwöchige Glitzergala nicht verdecken kann. Diese Punkte wiegen für mich weitaus schwerer als die Frage, ob ich mich nun freuen darf oder nicht. Ich darf, und wie bei jedem guten (Sommer-)Märchen bin ich an seinem Ende nicht nur glücklich, sondern auch klüger geworden. Und ein bisschen müde…